Universität Erfurt

Forschungszentrum Gotha der Universität Erfurt

Arbeitsstelle Illuminatenforschung

Aufgabenstellung

Die 2018 am Forschungszentrum Gotha eingerichtete Arbeitsstelle hat sich die historische Erforschung des von 1776/78 bis 1787/88 existierenden Illuminatenordens zur Aufgabe gemacht. Wichtigstes Ziel ist es dabei, die schriftlichen Nachlässe des Ordens und seiner Mitglieder so zu erschließen und öffentlich zugänglich zu machen, dass sie auch anderen Forscher*innen sowie allen an der Geschichte des Ordens Interessierten für ihre eigenen Forschungsinteressen und –projekte zur Verfügung stehen. Neben wissenschaftlichen Publikationen und Veranstaltungen setzen die in der Arbeitsstelle zusammengeschlossenen Forscherinnen und Forscher daher vor allem auf die Vermittlung ihrer eigenen wissenschaftlichen Erkenntnisse und Forschungsergebnisse sowie die Zugänglichmachung der wichtigsten historischen Quellen mittels einer Online-Plattform, die zugleich als Informationsportal wie auch als virtuelle Forschungsumgebung funktioniert: der „Gotha Illuminati Research Base“.

Zugleich soll damit die historische Erforschung des Ordens, die seit dessen „Wiederentdeckung“ durch Richard van Dülmen in den 1970er Jahren vielfaches Interesse in den Geschichtswissenschaften gefunden hat, bislang aber ganz überwiegend nur von Einzelforscher*innen betrieben wurde, in eine langfristige und nachhaltige Forschungsstruktur überführt werden. Das Forschungszentrum erscheint dafür als besonders geeigneter Ort: nirgends wurde in den vergangenen Jahren so intensiv über den Illuminatenorden geforscht wie in Gotha.

Adam Weishaupt, Adolph Freiherr von Knigge, Johann Joachim Christoph Bode, Ernst II. von Sachsen-Gotha-Altenburg

Der Illuminatenorden

Gradtext 1 Classe der Minervalen, aus SK08

Der 1776 von dem jungen Professor für Kirchenrecht Adam Weishaupt (1748-1830) an der Universität Ingolstadt gegründete Illuminatenorden – zunächst eine Art studentischer Konventikel, dessen Mitglieder sich bis 1778 den Namen „Perfectibilisten“ gaben – darf wohl ohne Übertreibung als der berühmt-berüchtigtste Geheimbund aller Zeiten bezeichnet werden. Obwohl der Orden nur ein gutes Jahrzehnt bestand (nach aktuellem Wissenstand bis 1787) und seine geographische Ausdehnung kaum die Grenzen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation überschritt, gilt er doch in der populären Kultur als die einflussreichste Geheimgesellschaft der Weltgeschichte, die in den Jahren vor der Französischen Revolution Staat und Gesellschaft unterwandert und auf den Umsturz der bestehenden Ordnung hingearbeitet habe. Grundlage dieser weitverbreiteten Annahme sind allerdings weniger historisch belegbare Fakten und Erkenntnisse als vielmehr Legenden und Verschwörungstheorien, die zwar in den letzten Jahrzehnten durch Literatur, Film und insbesondere das Internet erheblich an Virulenz bzw. „Viralität“ gewonnen haben, im Kern aber bereits im zeitlichen Kontext der Französischen Revolution selbst entstanden sind.

Dabei spielt das Verbot des Ordens in Bayern 1785, in dessen Folge bei Haussuchungen geheime Papiere und Pläne des Ordens beschlagnahmt und anschließend in gedruckter Form veröffentlicht wurden, ebenso eine Rolle wie eine Reise Johann Joachim Christoph Bodes (1731-1793), des Cheforganisators des Ordens in Thüringen, im Jahre 1787 nach Paris. Auch wenn Bode bei diesem Aufenthalt nur einige wenige französische Freimaurer für den Orden gewinnen konnte, ist darin wohl doch der Ausgangspunkt für die von Renegaten des Ordens wie von „konservativen“ Gegenspielern vorgebrachte Behauptung zu sehen, die Illuminaten hätten die französischen Freimaurer angestiftet, zwei Jahre später die Revolution in Frankreich anzuzetteln.

Zur Illuminatenforschung

J. J. Chr. Bodes Kopie der Illuminatischen "Geheimchiffre"
<Skåp 9A 155.17> beigesteuert von Josef Wäges

Die moderne wissenschaftliche Erforschung des Illuminatenordens setzte 1975 mit Richard van Dülmens Studie Der Geheimbund der Illuminaten. Darstellung, Analyse, Dokumentation ein. In der Nachfolge van Dülmens, der sich bei seiner Darstellung ausschließlich auf die publizierten, teilweise zuvor bei führenden Illuminaten sichergestellten Schriften des Ordens gestützt hatte, richtete die historische Forschung in den folgenden anderthalb Jahrzehnten ihr Interesse vermehrt auf die Ziele des nun als „radikalaufklärerisch“ oder sogar frühdemokratisch verstandenen Ordens und seine Ausbreitung in Süd- und Westdeutschland. Dabei zogen auch führende Ordensmitglieder wie Johann Friedrich Mieg (1744-1819), Franz Dietrich Frh. von Ditfurth (1738-1813) und vor allem Adolph Frh. (von) Knigge (1752-1796), der für die Ausbreitung des Ordens seit 1780 eine entscheidende Rolle spielte, das Interesse der Forschung auf sich. Dreh- und Angelpunkt der Historiographie des Ordens blieb aber das Verbot durch die kurpfalzbayerische Regierung 1785, in dessen Folge der Ordensgründer Weishaupt aus Ingolstadt fliehen musste und zunächst in Regensburg, ab 1787 dann in Gotha Zuflucht fand.

Erst mit der Wiederentdeckung der sogenannten Schwedenkiste Ende der 1980er Jahre, die neben Korrespondenzen und freimaurerischen Materialien Johann Joachim Christoph Bodes illuminatisches Ordensarchiv der Jahre 1783 bis 1787 enthält, rückte die Tatsache in den Blick der Forschung, dass der Orden eines seiner Zentren in Thüringen hatte, wo Bode seit 1783/84 unter der Protektion des Gothaer Herzogs Ernst II. (1745-1804) eine neue Ordensprovinz namens „Ionien“ aufgebaut hatte, die bis zum Sommer 1787 bestand und nach Weishaupts Flucht zur letzten Hochburg  des Ordens wurde. Zugleich erlaubten es die in der „Schwedenkiste“ überlieferten Materialen, das engmaschige Kommunikations- und Betreuungssystem des Ordens, das in den veröffentlichten Schriften nur schematisch aufscheint, besser zu verstehen; die diesbezüglichen Forschungen blieben jedoch im Wesentlichen auf bekannte Einzelpersönlichkeiten wie Goethe, der 1783 Ordensmitglied geworden war, und Schiller, der dem Orden nahestand, aber wohl niemals beitrat, beschränkt, so dass bis heute in vielen Darstellungen des Ordens Bayern als dessen Zentrum und 1785 als Jahr seiner Aufhebung gilt. Daran änderte auch die am Interdisziplinären Zentrum für die Erforschung der Europäischen Aufklärung in Halle in den Jahren 1998 bis 2003 erarbeitete Edition der Korrespondenz des Illuminatenordens nichts, da die veröffentlichten Bände aktuell nur bis zum Sommer 1783 reichen und also die Ausbreitung des Ordens in Thüringen nur in ihren allerersten Anfängen abbilden.

Demgegenüber haben die in der Gothaer Arbeitsstelle für Illuminatenforschung zusammengeschlossenen Forscherinnen und Forscher damit begonnen, zunächst im Kontext des von der DFG geförderten Forschungsprojektes „Illuminatenaufsätze der Spätaufklärung. Ein unbekanntes Quellenkorpus“ inzwischen aber auch im Rahmen universitärer Qualifikationsarbeiten das in der „Schwedenkiste“ überlieferte Material systematisch auszuwerten und für künftige Forschungen zu erschließen. Damit wird es möglich sein, zum einen die Funktionsweise des Ordens „vor Ort“, also unterhalb der miteinander im brieflichen Austausch stehenden Führungsebene, zu verstehen und zum anderen die Ordensgeschichte stärker aus einer polizentrischen, weniger als bisher auf Bayern und die dortigen politischen Verhältnisse bezogenen Perspektive zu beleuchten. Durch die weltweite Kommunikation dieser Forschungsergebnisse im WordWideWeb schließlich wird der verkürzten, stark durch Verschwörungstheorien, Legenden und fiktionale Bearbeitungen geprägten Darstellung des Ordens in der (medialen, digitalen) Öffentlichkeit entgegengetreten.

Die Gotha Illuminati Research Base

Die Treffen der Thüringer Illuminaten, FactGrid Timeline

Die Gotha Illuminati Research Base wurde im Rahmen des von 2013 bis 2016 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten Projekts „Illuminatenaufsätze im Kontext der Spätaufklärung“ als MediaWiki aufgebaut und hat sich binnen kurzem international zur zentralen Referenzadresse für Informationen und neue Forschungen über den Illuminatenorden entwickelt.

Wir arbeiten zurzeit daran, sie im Rahmen des größeren am Forschungszentrum Gotha betriebenen FactGrid Projektes in eine Text-Plattform mit Datenbankunterstützung (auf Wikibase Software aufgesetzt) zu überführen.

Einen ersten Einblick in die damit auf uns zukommenden Darstellungsmöglichkeiten gibt der Vergleich der beiden Projekte.

Weitere Forschungen und Perspektiven

Das Forschungsprogramm der kommenden Jahre sieht vor, auf der einen Seite die systematische Erschließung der „Schwedenkiste“ und anderer für die Geschichte des Illuminatenordens relevanter Materialien und Nachlässe sowie deren Aufbereitung für weitere Forschungen weiter voranzutreiben, ggf. im Rahmen drittmittelgeförderter Forschungsprojekte. Auf der anderen Seite ist es unser Ziel, die dabei gewonnenen Erkenntnisse über den historischen Illuminatenorden durch die Nutzung verschiedenster Medien einer möglichst breiten, nationalen wie auch internationalen Öffentlichkeit zu vermitteln.

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