Universität Erfurt

Forschungszentrum Gotha der Universität Erfurt

Karten – Meere. Für eine Geschichte der Globalisierung vom Wasser aus

Projektbeschreibung

August Petermann, Der grosse Ocean, Mitteilungen aus
Justus Perthes‘ Geographischer Anstalt, [3] (1857),
Tafel 1. – Universität Erfurt,
Forschungsbibliothek Gotha, SPA 4° 000100.

Ausgangspunkt und Ziele

Der Forschungsverbund geht von der Annahme aus, dass meeresbezogene Karten für den ab Mitte des 19. Jahrhunderts einsetzenden Schub der Verdichtung globaler Verflechtungen in zweifacher Hinsicht eine Voraussetzung bildeten: Einesteils haben Seekarten in ihrer Funktion als Navigationsinstrumente wie auch als Medien der Erforschung und Vermessung die Herausbildungen neuer Verknüpfungen über die Ozeane erst ermöglicht. Anderenteils haben Meereskarten als Medien der Darstellung wie auch Herstellung globaler Zusammenhänge entscheidend zur Herausbildung und Popularisierung der Vorstellung von Globalität im Sinne eines ubiquitär vernetzten Möglichkeitsraums beigetragen.

Von diesem Ansatzpunkt aus sucht der Verbund eine Geschichte der globalen Umbrüche von Mitte des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts vom Wasser aus und an Karten zu erzählen. Dabei folgt er der These, dass in See- und Meereskarten ein tiefgreifender materieller und technischer Wandel greifbar und nachvollziehbar wird – und mithin die visuelle Genese der globalen Welt mit all den dazugehörigen Voraussetzungen und Verwerfungen.

Damit verbinden sich die Ziele, See- und Meereskarten in Ausstellungen einer breiteren Öffentlichkeit zu präsentieren und ihr Potenzial als Quellen für die Globalisierungsforschung fruchtbar zu machen, um sie so über das eng spezialisierte Gebiet der Kartographiegeschichte hinaus in eine breitere kulturwissenschaftliche Debatte zu führen und künftigen Forschungen über die Zusammenhänge von Kartographie und Globalisierung den Weg zu ebnen.

Quellenbasis und konzeptueller Zugriff

Der Forschungsverbund agiert im disziplinären und methodischen Schnittfeld von Wissens- und Wissenschaftsgeschichte, Sozialgeschichte, Literaturwissenschaft und Medienwissenschaft. Als Quellenbasis dienen ihm zuvorderst die von der Forschungsbibliothek Gotha bewahrte Sammlung Perthes mit ca. 15.400 See- und Meereskarten sowie die Karten- und Objektsammlung des Deutschen Schifffahrtsmuseums mit ca. 6.000 See- und Meereskarten. Ergänzend nutzen einzelne Projekte Quellen der National Library of Scotland (Edinburgh), die die Bestände des Kartenverlags Bartholomew & Son bewahrt, sowie des United Kingdom Hydrographic Office Archive (Taunton), in dem sich Seekartenwerke und hydrographische Untersuchungen der Royal Navy finden. Die Zusammenschau auf Karten und Zusammenhangsmaterialien so unterschiedlicher Provenienz ermöglicht die Rekonstruktion transnationaler Zirkulationsprozesse zwischen Produzenten, Herstellern und Leserinnen von Karten in der Zeit der Herausbildung der Meereswissenschaften. Hinsichtlich des konzeptuellen Zugriffs auf diese Materialien teilen die Projekte drei leitende Ideen:

  • Karten als Wissensdinge: Der Verbund versteht See- und Meereskarten als Wissensdinge, d. h. als sachkulturelle, wissenschaftliche, bild- und technikhistorische Dinge, die sowohl in ihrer Form als auch in ihren Inhalten Wissen ermöglichten und erzeugten – sei es auf dem Feld der Wissenschaft, der Ökonomie, der strategischen Planung oder als individuelle Erfahrung.

  • Kulturtechniken des Kartierens: Ein besonderes Interesse des Verbunds gilt den Verfahren, die sich mit der Herstellung und Nutzung von See- und Meereskarten und ihrer Materialität verbinden.Inwiefern bedingten sie die Wahrnehmung und Bewertung der Meere?

  • Forschendes Ausstellen: Ausgewählte Karten und Atlanten zeigt der Verbund in zwei Ausstellungen in Bremerhaven (2020) und Gotha (2021) einem breiteren Publikum – jeweils begleitet auch von virtuellen Präsentationen. Das forschende Ausstellen soll die Öffentlichkeit am Erkenntnisprozess teilhaben lassen und die Forschungen an Objekte und die Möglichkeiten ihrer Präsentation koppeln.


Ansprechpartner/innen
:

Prof. Dr. Iris Schröder

Dr. Felix Schürmann

Finanzierung:

BMBF-Verbundvorhaben in der Förderlinie Sprache der Objekte mit einem Gesamtfördervolumen von 1,1 Mio. Euro

Laufzeit:

07/2018–12/2021

Zugehörige Forschungsprojekte

1. Der Gebrauch von Karten auf See

Das Projekt untersucht den Gebrauch von Karten auf See aus der Perspektive einer maritimen Wissensgeschichte. Auf der Grundlage mehrerer Fallstudien erarbeitet es eine dichte Beschreibung des Kartengebrauchs auf Handels-, Passagier- und Forschungsschiffen zwischen den 1850er und den 1940er Jahren. Besondere Interessen gelten den Relationen zwischen Wissenserzeugung auf See und an Land sowie den Interdependenzen zwischen Schiffsführung, Sozialstruktur an Bord und dem spezifischen Wissen um Orientierung zur See.

2. Seekarten in Atlanten und Zeitschriften: Medien der Globalisierung

Das Projekt untersucht Funktionen von Meereskarten in Atlanten und Zeitschriften im Zusammenhang der Globalisierung. Ausgehend von Atlanten des Verlags Perthes fragt es nach den Transformationen, die Meereskarten durchliefen, wenn sie in Konstellationen der Herstellung von Übersichtlichkeit eingesetzt wurden. Einen weiteren Schwerpunkt bildet die Frage nach den Weltverständnissen von Reisenden, die Taschenatlanten auf Seereisen mitführten und mit Anmerkungen versahen.

3. Der Gebrauch von Seekarten in der Kartographie der Meere: Genealogien der Ozeanographie

Das Projekt untersucht die Rolle von (zur Navigation angefertigten) Seekarten in der Herausbildung neuartiger, physikalisch-geographischer Sichtweisen auf die Ozeane im 19. Jahrhundert. Am Fall der Verlage Perthes (Gotha) und Bartholomew & Son (Edinburgh) rekonstruiert es Transfers und Genealogien von Wissen in der Produktion von Meereskarten und fragt nach den damit verbundenen technischen, ökonomischen und sozialen Infrastrukturen und Netzwerken.

4. Karten lesen lernen – Seekarten im Navigationsunterricht

Das Projekt untersucht die Normierung von Kartenwissen über die Meere im Zusammenhang des Unterrichts in Navigationsschulen. Ausgehend von der Professionalisierung der Schifffahrtsausbildung in den deutschsprachigen Gebieten im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert fragt es nach dem Gebrauch von Karten im Unterricht und ermisst auf Grundlage von Selbstzeugnissen die Bedeutung von politischen und wirtschaftlichen Transformationen auf den Umgang mit Karten.

Forschungsteam

Prof. Dr. Iris Schröder (Universität Erfurt/Forschungszentrum Gotha), Sprecherin

Prof. Dr. Ruth Schilling (Deutsches Schifffahrtsmuseum/Universität Bremen)

Prof. Dr. Wolfgang Struck (Universität Erfurt)

Prof. Dr. Sunhild Kleingärtner (Deutsches Schifffahrtsmuseum/Universität Bremen)

Dr. Felix Schürmann (Universität Erfurt/Forschungszentrum Gotha), Projektleitung und Koordination, Bearbeiter von Projekt 3

Dr. Petra Weigel (Forschungsbibliothek Gotha), Praxispartnerin für die See- und Meereskarten in der Sammlung Perthes

Frederic Theis, M. A. (Deutsches Schifffahrtsmuseum), Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Bearbeiter von Projekt 1

Elena Stirtz M. A. (Universität Erfurt/Forschungszentrum Gotha), Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Bearbeiterin von Projekt 2

Florian Tüchert M. A. (Universität Bremen), Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Bearbeiter von Projekt 4

N. N. (Universität Erfurt/Forschungszentrum Gotha), Verwaltung & Sekretariat

Paul Skäbe (Universität Erfurt/Forschungszentrum Gotha), Studentische Hilfskraft

Jonathan Ventzke (Universität Erfurt/Forschungszentrum Gotha), Studentische Hilfskraft

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