Universität Erfurt

Forschungszentrum Gotha der Universität Erfurt

Verbotene Bücher in Sachsen 1750-1850

Projekt

Titelkupfer zum Index librorum prohibitorum von 1711, via Wikimedia Commons
Titelkupfer zum Index librorum prohibitorum
von 1711, via Wikimedia Commons

In der Messestadt Leipzig sind in der Vergangenheit nicht nur viele Bücher gedruckt, verlegt und verhandelt, sondern auch viele Bücher, die in den Augen der Obrigkeit gegen die Gebote von Religion und Staat oder »die guten Sitten« verstießen, verboten und beschlagnahmt worden. Viele der seinerzeitigen Bücherverbote sind dokumentiert in zahllosen Akten der Leipziger Bücherkommission, die das Stadtarchiv Leipzig verwahrt, sowie in den damit korrespondierenden Faszikeln des Dresdner Oberkonsistoriums und des Geheimen Konsiliums der Sächsischen Landesregierung, die im Sächsischen Hauptstaatsarchiv in Dresden überliefert sind; auch im Stadtarchiv Dresden hat umfangreiches Material zu Bücherverboten und Konfiskationen in der Residenz die Zeitläufte überdauert.

Ziel des Forschungsprojektes ist es, anhand dieser enorm umfangreichen, zum Teil noch nicht fein erschlossenen und von der Forschung mehrheitlich bislang nicht berücksichtigten Aktenbestände in Leipzig und Dresden eine bibliographie raisonnée zu erarbeiten, die nicht nur das Corpus der in Sachsen zwischen 1750 und 1850 verbotenen Bücher erfaßt, sondern nach Möglichkeit auch die Verfasser der meist an- oder pseudonym erschienenen Werke benennt, die oft unvollständigen Impressen ergänzt und die Fingierungen bei maskierter Literatur auflöst, die gezielt Auskünfte über Daten, Gründe und Hintergründe der Verbote gibt und die schließlich auch zwecks weitergehender Forschungen präzise auf die dazugehörigen Archivalien verweist. In einem zweiten Verzeichnis werden ergänzend all diejenigen Werke aufgelistet werden, die seitens der Bücherkommission – teils aufgrund inhaltlicher Bedenken, teils wegen Verstößen gegen Privilegien oder Urheberrechte – in Leipzig über rund 100 Jahre hinweg beschlagnahmt und weggeschlossen worden sind, in summa mehr als 70.000 Exemplare, die im Jahre 1870 fast ausnahmslos vernichtet worden sind, indem sie auf Geheiß des Stadtrates zu Dachpappe verarbeitet wurden.

Da seit einigen Jahren durch ein von Prof. Dr. Norbert Bachleitner (Universität Wien) geleitetes Projekt das Corpus der in Österreich in der Zeit 1750-1848 verbotenen Literatur erschlossen und aufbereitet worden ist, dessen bibliographischen Ergebnisse bereits in Form einer Datenbank [Link: www.univie.ac.at/censorship/info.html] veröffentlicht worden sind, wird es nach Abschluß beider Projekte möglich sein, die Zensur- und Verbotspraxis sowie die Grenzen von Meinungs- und Pressefreiheit in zwei der führenden Territorien im deutschsprachigen Raum vergleichend in den Blick zu nehmen und derart grundlegende Erkenntnisse zum Buchdruck und -handel im deutschsprachigen Raum von der Aufklärung bis zum Vormärz zu erhalten. Zugleich wird eine Fülle von klandestiner, heterodoxer, satirischer, politisch avancierter oder nachgerade revolutionärer und erotisch-pornographischer Werke aus dem Souterrain und dem Untergrund der Literatur sichtbar werden, die seinerzeit konfisziert worden, demzufolge vielfach nur spärlich überliefert und deshalb zum Teil bis heute unbeachtet geblieben sind.

Ansprechpartner: Dirk Sangmeister (E-Mail: dirk.sangmeister(at)uni-erfurt.de)

Finanzierung: Gerda Henkel Stiftung, Düsseldorf

Laufzeit: 2015-2016

Navigation

Werkzeugkiste

Nutzermenü und Sprachwahl