Université d'Erfurt

Abgrenzung und Argwohn auf Gegenseitigkeit: Syed Furrukh Zad Ali Shah forscht an der Universität Erfurt zur Islamophobie in Europa

Furrukh Shah

Europa ist im Rechtsruck: Rechtspopulistische Parteien gewinnen in vielen europäischen Staaten an Anhängern und Einfluss, Straftaten mit ausländerfeindlichem Hintergrund nehmen zu und Angst und Ablehnung gegenüber dem „Fremden“ in der Bevölkerung wachsen. Eine Gruppe von Immigranten bekommt das momentan besonders deutlich zu spüren: Muslime. Ihr Bild in der Gesellschaft ist geprägt von negativ besetzten Attributen, die für alle Anhänger des Islam verallgemeinert werden und in tiefsitzenden Stereotypen irgendwo zwischen religiösem Terror und Frauenverachtung münden. Befeuert durch die Flüchtlingskrise, Anschläge wie beispielsweise die in Paris und Nizza sowie die sexuellen Übergriffe bei Großveranstaltungen wie in der Kölner Silvesternacht werden Muslime in Deutschland und Europa zunehmend Opfer von anti-muslimischem Rassismus. Ein Phänomen, das Wissenschaftler allgemein als Islamophobie bezeichnen. Der pakistanische Forscher Syed Furrukh Zad Ali Shah setzt sich bereits seit fünf Jahren an der Professur für Islamwissenschaft der Universität Erfurt intensiv mit dem Thema Islamophobie in Europa auseinander. Seine Theorie: Beide Seiten – die muslimischen Gemeinschaften sowie Staat und Gesellschaft – begünstigen diese Entwicklung.

Bevor ihn seine wissenschaftliche Umtriebigkeit nach Erfurt führte, absolvierte Furrukh Shah in Islamabad und Lahore (Pakistan) neben verschiedenen Lehrtätigkeiten Master-Studien in den Fächern Anglistik, Politikwissenschaft und Soziologie. Sein forschungsorientiertes Aufbaustudium zum Master of Philosophy im Fachgebiet Internationale Beziehungen brachte ihn zum Thema „Genozid und Gesellschaft“ und damit zu einer ersten Auseinandersetzung mit den Aspekten Vorurteile, Stereotype und Abgrenzung von Gemeinschaften. Als Assistenzprofessor lehrte er anschließend mehrere Jahre im Fachgebiet „Politischer Islam im Westen“. Damit war die Brücke zu seinem jetzigen Promotionsthema geschlagen. Dass es ihn dafür nach Erfurt verschlug, hat vor allem zwei Gründe: Erstens bietet sich als Ausgangspunkt einer Forschung zu „Muslims in the West“ tatsächlich ein westliches Land an und zweitens lehrt an der Universität Erfurt Jamal Malik - deutscher Professor pakistanischer Herkunft, der ebenfalls zu diesem Thema forscht und sein Mentor wurde. „Gemeinsam mit Professor Malik erarbeitete ich dann mein Forschungsprogramm und grenzte es nach ersten Literaturrecherchen auf den Raum Europa ein“, sagt Furrukh Shah.

Die drei Aspekte Diaspora, Enklave und Exklave werden zur Ursache als auch zur Konsequenz von Islamophobie.

„Die Hauptthese, die meinen Untersuchungen nun zugrunde liegt ist, dass eine Kultur der Islamophobie einerseits das Produkt, andererseits aber auch der Vermittler einer Diaspora-Enklave-Exklave-Problematik ist.“ Diese These beinhaltet schon drei wesentliche Konzepte, die Shahs Forschungsarbeit zugrunde liegen. Zum einen die sogenannte „Diasporisation“, also die starke Bindung der global „verstreuten“ Muslime an ihr Heimatland und ihre originäre Gesellschaft sowie das Zugehörigkeitsgefühl zu der globalen muslimischen Gemeinschaft, der Umma. „Diasporisation heißt also, an einem Ort physisch zu leben, sich aber geistig an einen anderen Ort gebunden zu fühlen“, sagt Shah. „Das ist aber kein automatischer Prozess, sondern hängt von einer Vielzahl an Einflüssen von und gegenüber Immigranten ab.“ Diese Diasporisation ermutigt muslimische Immigranten wiederum, Enklaven zu bilden – ein Begriff, den Shah einem Wissenschaftler entlehnte, der sich mit der Bildung von „neighborhoods“ in Amerika auseinandergesetzt hat. Dort besiedeln viele Immigrantengruppen in klarer räumlicher Abtrennung eigene Viertel, innerhalb derer die Mitglieder religiöse, kulturelle, ökonomische und soziale Identitäten bilden. Neue Einwanderer lassen sich dann häufig in diesen „Enklaven“ nieder. Hinzu kommt eine „White Flight“, also der Wegzug der Weißen und Einheimischen aus gemischten Stadtteilen in ethnisch homogenere. Shah beobachtete diese Enklavisierung auch in den europäischen Großstädten, wo sich eindeutige muslimische Enklaven mit Namen wie Little Istanbul, Little Pakistan oder Londonistan herausbildeten. Genau dort setzten Shahs ethnografische Feldstudien an. Er reiste durch Europa, ging in die Enklaven und befragte die Mitglieder, auch in deutschen Großstädten unter anderem in Hamburg, Berlin und Dortmund. „Es hat sich gezeigt, dass diese Enklaven nicht nur physischer Natur sind, sondern der physische Raum mit seiner ganz eigenen Ökonomie – eigenen Banken, eigenen Nahrungsmittelmärkten, eigener Tourismusbranche, eigenen Presseangeboten – ist gleichzeitig ein Bewusstseinsraum, ein Ausdruck kultureller Praktiken und Netzwerke“, sagt der Forscher. „Dadurch wird sie für die Außenstehenden zu einer Exklave. Sie werden als andersartig, nicht assimiliert und nicht integriert wahrgenommen. Das heißt, die Enklaven-Formation durch die muslimische Gemeinschaft geht einher mit einer Exklave-Konstruktion durch die außenstehende Gemeinschaft. Zusammen ruft das eine Politik der Polarisierung, der Abtrennung und schließlich Islamophobie hervor.“ Die drei Aspekte Diaspora, Enklave und Exklave werden somit zur Ursache als auch zur Konsequenz von Islamophobie: Aufgrund der äußeren Wahrnehmung möchten Immigranten lieber in diesen Neighborhoods leben. Und zur gleichen Zeit entwickeln diese Gemeinschaften interne Strukturen, die gar nicht vorhaben, sich zu assimilieren und zu integrieren in die Gesellschaft außerhalb. „Dieser Trend bezüglich muslimischer Gemeinden und ihrer Strukturen, Praktiken und Netzwerke verläuft in den meisten europäischen Städten mehr oder weniger parallel“, fand der Erfurter Wissenschaftler heraus. „Was sich aber stark unterscheidet zwischen den einzelnen Ländern, ist, wie sich die Islamophobie selbst äußert: Abgesehen von den sogenannten ‚hate crimes‘ und die institutionelle Marginalisierung, die sehr verbreitet ist, ist es in Großbritannien beispielsweise vor allem die Problematik der Blasphemie, die eine Spaltung zwischen muslimischer und dominierender Gemeinschaft herbeiführt. In Frankreich ist es das Kopftuch, in Deutschland ist es der Moscheebau, wie momentan auch hier in Erfurt. Das heißt die Debatten, über die sich Islamophobie ausdrückt, sind in Europa ganz unterschiedlich. Aber die zugrundeliegenden Prozesse sind ähnlich.“

Es braucht eine stärkere Staat-Gesellschaft-Interaktion.

Rechtspopulisten konnten diese Entwicklung in den vergangenen Jahren für sich nutzen und verstärken. Der European Islamophobia Report 2015 stellt zum Beispiel fest, dass es die PEGIDA schaffte, die „Randerscheinung der Islamophobie in Deutschland, in die Mitte Deutschlands zu rücken“, und dass die Einwanderungswelle vorrangig muslimischer Flüchtlinge nach Deutschland, Islamophobie eine Lizenz gewährt habe, „unter einem angeblich vernünftigen und berechtigten Bedenken zu operieren“. Warum das auch in ostdeutschen Bundesländern wie Thüringen Anklang findet, obwohl die muslimischen Gemeinden hier im Vergleich sehr klein sind, liegt laut Furrukh Shah aber nicht nur daran, dass die Wahrnehmung Ostdeutscher aus Mangel an eigenen Erfahrungen mit muslimischen Mitbürgern erst recht auf Stereotypen und medial vermittelten Bildern fußt. Sondern, so Shahs Eindruck, auch daran, dass Ostdeutschland selbst eine Art Enklave innerhalb Deutschlands sei und sich viele nach der Wiedervereinigung vom Westen umzingelt und kolonialisiert fühlten. „In Gesprächen habe ich oft den Eindruck gewonnen, dass die Menschen in Ostdeutschland Angst haben, dass ihnen diese Billigarbeiter die Jobs wegnehmen und die günstigen Wohnungen anmieten, dass sie mehr Geld vom Staat bekommen. Das ist ein wirtschaftlicher Faktor. Die andere Seite ist, dass das ostdeutsche Volk viel konservativer und traditioneller zu sein scheint, als der Rest Deutschlands, der international offener ist. Die Jahrzehnte andauernde Eindämmung von Reisefreiheit und der russische Einfluss, durch den viele nicht auf Englisch mit anderen kommunizieren können, verstärken das Gefühl der Andersartigkeit und die Feindseligkeit noch. Mir scheint es aber, als gäbe es diese Feindseligkeit nicht nur gegenüber Immigranten, sondern auch gegenüber ‚Wessis‘ und allen anderen, die Ostdeutschland ‚kolonialisieren‘.“

Was kann man also tun, um das Bild muslimischer Mitbürger in Deutschland und Europa geradezurücken und die Islamophobie zu bekämpfen? „Ich glaube, es braucht eine stärkere Staat-Gesellschaft-Interaktion. Es gibt viele Organisationen und Projekte für Immigranten. Aber der lokale Austausch mit den hiesigen bereits bestehenden muslimischen Gemeinschaften ist zu beschränkt. Mit ihnen müsste man sich stärker auseinandersetzen, weil sie die Informanten sind für diejenigen, die neu kommen. Die Staaten sollten sich auch um die zweite und dritte Generation der Einwanderer kümmern, weil neue Immigranten letztlich die Nähe eingesessener Immigranten suchen und von diesen Stereotype, Meinungen, Verallgemeinerungen vermittelt bekommen. Genau hier muss angesetzt werden. Hinzu kommt, dass sich – einmal von der wissenschaftlichen und studentischen Gemeinschaft abgesehen –  die Immigranten, die nach Europa kommen, sehr stark unterscheiden von denen, die beispielsweise nach Nordamerika gehen. Hierher kommen auch sehr viele Wirtschaftsflüchtlinge, Ungelernte und sogenannte ‚Misfits‘. Die Geschehnisse in Frankreich und Belgien zeigen, welche Auswirkungen es hat, wenn man diese Gruppe ignoriert, sie nicht integriert, sie nicht bildet, ihnen keine Zukunftsperspektive bietet und keine Strukturen für Integration aufbaut. Das Resultat ist Radikalisierung. Und ich sehe diese Entwicklung in Deutschland auch: Der Staat konzentriert sich auf die neu ankommenden Immigranten und vergisst diejenigen, die bereits lange hier sind. Denen mag es ökonomisch gut gehen, aber kulturell und sozial sind sie sehr verschieden. Auf der anderen Seite steht eine Gesellschaft, die sie deshalb als sozial und kulturell nicht-zugehörig betrachtet. Und wenn beide Seiten kaum miteinander interagieren, verursacht das irgendwann Reibungen.“

Diesen Standpunkt diskutierte Shah auch gerade auf dem ersten Europäischen Islamophobie-Gipfel in Bosnien, zu dem er als wissenschaftlicher Vertreter eingeladen war. Dort bot sich für ihn ein geeigneter Rahmen, seine Untersuchungen einmal kritisch von Islamophobie-Experten aus unterschiedlichsten Ländern und Disziplinen prüfen zu lassen und zu schauen, wie sich seine Arbeit in die bestehenden Islamophobie-Debatten einreiht. „Das hat mich in meiner Arbeit sehr bestärkt. Die bisherigen wissenschaftlichen Ansätze unterscheiden sich stark von meinem. Sie tragen meiner Meinung nach zur Klärung von Islamophobie bei, treffen jedoch noch nicht ihren Kern.“ Furrukh Shah kann mit seiner Studie der Islamophobie-Forschung also einen wichtigen Baustein hinzufügen. Und gemeinsam mit Professor Jamal Malik hat er auch bereits einen neuen Forschungsgegenstand im Kopf: Enklaven christlicher Gemeinschaften in Pakistan, die dort immer wieder Ziel des islamischen Radikalismus werden. Ob er dafür wieder dauerhaft nach Pakistan zurückgeht, in Erfurt bleibt oder doch wieder nach Dortmund zieht, wo er nach seiner Ankunft in Deutschland die Sprache lernte, lässt er sich aber erst einmal offen.    

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