Université d'Erfurt

Alles hat seine Zeit: Was die Gegenwart Gottes mit unserem Leben zu tun hat (Prof. Dr. Erwin Dirscherl)

Dr. Erwin Dirscherl

Bei den lateinamerikanischen Tänzen wird es knifflig. Eine Sekunde bleibt Zeit für die Drehung. „Wenn ich mir dir Kürze dieses Zeitraums bewusst mache, werde ich unsicher und verspüre Druck. Und dann denke ich wieder: Mensch, du hast ja Zeit, nämlich eine ganze Sekunde. Also nutze sie. Und dann geht es doch immer wieder ganz gut.“ Der das sagt, ist einer, den die Zeit schon lange fasziniert. Und deshalb beschäftigt sich Prof. Dr. Erwin Dirscherl jetzt auch ganz intensiv mit dem Phänomen. Genauer gesagt mit der „Theologie der Zeit“. Als Fellow am Theologischen Forschungskolleg der Universität Erfurt.

Dass das Wintersemester 2010/11, in dem er hier seinen Fragen wissenschaftlich nachgehen will, nicht reichen wird, das weiß er bereits jetzt. „Aber Erfurt ist für mich der Beginn eines faszinierenden Themas, an dessen Ende hoffentlich eine neue ‚Theologie der Zeit‘ stehen wird, denn die letzte ist aus den 50er-Jahren“, sagt der Dogmatiker, der sich für sein Forschungsprojekt eine Auszeit von seiner Arbeit am Lehrstuhl für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Universität Regensburg genommen hat. „Erfurt ist für mich ein Glücksfall. Mich einmal aus dem Alltag herausziehen und mich ganz auf ein Thema konzentrieren zu können, das ist eigentlich Luxus. Und darüber hinaus finde ich hier hervorragende Arbeitsbedingungen – nicht nur in der Bibliothek, sondern auch gerade durch den Austausch mit anderen Theologen und Religionswissenschaftlern, die durch die religiöse Diaspora-Situation von Erfurt völlig neue Perspektiven und Denkansätze zu meinen Fragestellungen liefern. Dieses Umfeld ist eine unglaubliche Bereicherung, durch die ich ganz tief in das Thema einsteigen kann. Das hatte ich seit meiner Habilitation nicht mehr.“

Zeit haben. Das ist so ein Thema. Wer hat eigentlich heute noch Zeit unter all dem Ökonomisierungsdruck? Die Bibel weist in eine andere Richtung, sagt Dirscherl: Wir alle haben Zeit, und zwar in Hülle und Fülle. Biblisch gesehen, hat Zeit nämlich gar nichts mit Verknappung zu tun. Gott schenkt den Menschen Zeit, um sich zu entfalten und Beziehungen zu flechten. Alles hat seine Zeit. Leben und Sterben. Freude und Trauer. Reden und Schweigen. Was der Zeit ihre Bedeutung gibt, ist das, was in ihr passiert. Und schon hier kommt die Verantwortung ins Spiel. Was machen wir mit der Zeit, die uns gegeben ist? Darf Geld den Rhythmus vorgeben? An dieser Stelle wird Zeit auch zum Bildungsthema: Wie gehen wir mit der Zeit der Studierenden um, die uns anvertraut sind? Wie nutzen wir unsere Spielräume als Hochschullehrer? Wie viel Zeit investieren wir in die Bildung? Und was hat das alles mit Religion und Theologie zu tun? „Viel“, sagt Dirscherl. „Denn Religion ist Unterbrechung. Innehalten.“ Um zu reflektieren und gegebenenfalls die Richtung zu ändern. Auf die Gegenwart blicken, ohne Vergangenheit und Zukunft die Tür zu schließen. Zeit hinterlässt Spuren. Auf der Haut, in der Seele. Gegenwärtig wird sie durch die Erinnerung. Dadurch, dass sie Räume eröffnet – zwischen den Menschen, aber auch zwischen den Dingen. Die Räume sind dabei begrenzt, die Zeit ist es nicht. Sie ist unendlich geöffnet. „Und genau das fasziniert mich“, sagt der Theologe. Bislang hatte er sich überwiegend mit dem Phänomen der Erinnerung, also der Vergangenheit, beschäftigt. Was ihn heute viel mehr interessiert, ist die Gegenwart. Aber die ist schwer fassbar. Wie lange genau dauert sie? Ist sie nicht in dem Augenblick, in dem wir sie uns bewusst machen, bereits Vergangenheit? Und was bedeutet die Gegenwart für jeden Einzelnen? Schwer zu sagen, denn im Grunde sind wir alle ständig unterwegs. Übergänge bestimmen unsere Zeit: Ich bin noch der, der ich war, und doch wieder ein anderer. Die Konstante bei all dem: Gott. Er hält uns in der Gegenwart, verbürgt unsere Präsenz. „Und diese Gegenwart Gottes gilt allen Menschen. Ohne Bedingungen. Überall.“, sagt Dirscherl. „Und da sind wir ganz schnell auch bei der Kirche. Sie hat die Aufgabe, offen zu sein. Niemanden auszuschließen. Das hat unmittelbar mit dem Menschsein zu tun. Und wir als Theologen müssen es schaffen, das zu kommunizieren.“ Walter Benjamin sagt: „Jede Sekunde kann die Pforte sein, durch die der Messias in die Zeit eintritt.“ Damit wird selbst eine Sekunde zu einem unendlich geöffneten Raum der Begegnung. Gegenwart ist ein Beziehungsgeschehen, das uns mit dem Anderen konfrontiert.

Die Facetten und Perspektiven, die das Thema Zeit eröffnet, sind scheinbar unendlich. Antworten schließen Horizonte, Fragen eröffnen neue. „Wir dürfen nicht müde werden, Fragen zu stellen, nicht nur als Theologen, sondern jeder Einzelne für sich“, weiß Dirscherl. Welche Spielräume eröffnet die Zeit, die sich in Nähe und Distanz – in der Wechselwirkung von Kontinuität und Diskontinuität – offenbart? Wie stehen wir in der Welt? Eine Frage, die oft auch Geduld abverlangt, demjenigen, der sie sich stellt. Geduld, das ist auch so eine Spielart der Zeit. Warten zu müssen, Unterbrechung zuzulassen. Gegebenes hinzunehmen, es einmal aus der Distanz zu betrachten und mögliche Impulse in neue Energien umzuwandeln. Etwas, das man lernen muss. Dirscherl kennt das aus eigener Erfahrung. Sein Körper wollte oft nicht so, wie Dirscherl wollte. Heute weiß er, wie wichtig es ist, den Dingen ihre Zeit zu geben. Dass es Zeit braucht, um zu arbeiten, aber auch Zeit, zu ruhen. „Seither habe ich feste Zeiten, in denen ich mich um mich kümmere. Sonntag zum Beispiel, das ist mein freier Tag.“ Dann treten Musik und die Liturgie der Kirche an die Stelle der Arbeit. Klavier spielen, Singen im Chor, das Essen mit Freunden, das Tanzen mit der Frau. Innehalten, unterbrechen, Kraft tanken eben. Wenn Erwin Dirscherl sich dann auf den Augenblick, die Gegenwart, konzentriert, dann ist selbst eine Sekunde eine gute Zeit. Nicht nur für eine Drehung bei Rumba, Jive und Paso Doble.

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