Université d'Erfurt

Von der Bedeutung des Gebens: Dr. Veronika Hoffmann

Dr. Veronika Hoffmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Dogmatik der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt. In ihrer Habilitation beschäftigt sie sich mit dem Thema „Gabe“. Seit dem Frühjahr 2010 leitet sie außerdem ein von ihr initiiertes und der DFG gefördertes Netzwerk von Wissenschaftlern, die gemeinsam zu diesem Thema forschen.

 

Frau Hoffmann, Sie arbeiten derzeit an zwei Projekten zum Thema „Gabe“, können Sie kurz beschreiben, worum es da genau geht?

Das erste ist ein Einzelvorhaben, nämlich mein Habilitationsprojekt, und das zweite ist das Netzwerk, das die DFG fördert und in dem wir mit acht Wissenschaftlern gemeinsam arbeiten. Beide beschäftigen sich mit der Gabe  - unter leicht verschiedenen Gesichtspunkten, aber in beiden Projekten ist die interdisziplinäre Debatte zur Gabe der Ausgangspunkt. Es gibt eine Diskussion sowohl in der Philosophie als auch in der Geschichte, der Anthropologie, in der Ethnologie und Soziologie, die sich alle mit dem Thema des Gebens beschäftigen und aufdecken, inwiefern das ein komplexer Vorgang ist. Gehört zum Geben immer dazu, dass der andere empfängt und „dankeschön“ sagt oder gar etwas zurückgibt? Ist das ein Zirkel, der abgeschlossen sein muss? Eine These, die sehr stark philosophisch vertreten wird, besagt, dass das Geben eigentlich nur dann in Ordnung ist, wenn es ganz für sich isoliert ist: wenn ich Ihnen etwas gebe, ohne dass ich auch nur erwarte, dass Sie dankbar dafür sind. Ist die Gabe andernfalls schon nicht mehr ganz in Ordnung, oder muss man umgekehrt das Geben als eine Form von verdeckter Ökonomie verstehen? Also ist es in Wirklichkeit gar nicht uneigennützig, wenn ich Ihnen eine Tasse Kaffee anbiete, weil ich eigentlich was damit will, auch wenn es nur ist, eine angenehme Atmosphäre zu schaffen, so dass ich später mit einem eigenen Anliegen kommen kann? Es gibt ganz viele Arten, auf das Thema zuzugehen: Wie ist das z.B. mit Spenden? Warum kann es sein, dass ein Almosen jemanden demütigt? Warum sind wir manchmal pikiert, wenn ein Bettler auf der Straße kniet? Warum sind Geschenke manchmal richtig und manchmal falsch? Es ist ein ganz großer Bereich, aber ein Bereich, der theologisch noch nicht wirklich aufgearbeitet ist. Dabei ist es eigentlich ein Bereich, in dem wir Theologen auch ganz viel an Expertise einbringen könnten.

 

Welche Frage beschäftigt Sie momentan am meisten?

Woran ich gerade arbeite, ist ein ganz klassischer Bereich der Theologie. Eigentlich ist es die Debatte, die Martin Luther zugespitzt hat, die Frage nach der sogenannten Rechtfertigung des Sünders. Wie kommt der Mensch, der vor Gott nicht in Ordnung ist, wieder in Ordnung, wie hat man sich das vorzustellen? Festgemacht hatte sich Martin Luthers Protest, vereinfacht gesprochen, am Missbrauch des Ablasswesens, also an der Monetarisierung der Vergebung Gottes; sehr schlicht gesagt: „Ich spende etwas und dann komme ich schneller in den Himmel“. Dem stellte Luther eine Theologie entgegen, die ganz klar auf Einseitigkeit setzt; die sagt, der Mensch kann Gott nichts geben – wie sollte er auch! Und er muss Gott auch nichts geben, Gottes Vergebung ist vollkommen umsonst, geschenkt. Da haben Sie einen klassischen Fall von einseitiger Gabe, es gibt keine Rückgabe, das geht auch gar nicht. Auf katholischer Seite hat man dagegen immer betont: Der Mensch muss doch beteiligt sein, er kann doch nicht völlig passiv bleiben, als ob Gott ihm vergibt und der Mensch rührt sich nicht. - Nochmal: Ich vereinfache extrem, und die Diskussion war und ist auch voller Missverständnisse. Aber das ist ihre Grundfrage: Wie geht das zwischen Gott und Mensch? Und man kann hier beobachten, dass dieses Thema Einseitigkeit und Wechselseitigkeit im Geben sich in der weiteren Diskussion zwischen den Konfessionen eingeschliffen hat wie eine Spur. Es hat über das Thema der "Rechtfertigung" 1999 eine bahnbrechende Einigung zwischen Katholiken und Lutheranern gegeben. Und trotzdem können Sie beobachten, dass bestimmte sprachliche Figuren immer wieder kommen und die entsprechenden Reflexe auslösen. Sobald der Protestant sagt – ich vereinfache wieder furchtbar – „Der Mensch kann zu seinem Heil nichts beitragen, das kann nur Gott schenken“, steigen die Katholiken auf die Barrikaden, und die Debatte ist schon fast zu Ende, bevor sie begonnen hat, weil jeder in seinen alten sprachlichen Schienen läuft. Was wäre, wenn man jetzt sagt: Aber lasst uns doch mal beobachten, ob es z.B. Phänomene im Bereich des Gebens gibt, bei denen die Gegenseitigkeit des Gebens nicht heißt, dass dem einen etwas fehlt, durch die man also etwas als Gabe an Gott beschreiben könnte, ohne dass ich damit sage, Gott bräuchte noch etwas? Wenn man es schafft, aus diesem Bedürftigkeits- und Güterdenken herauszukommen, dann könnte man an der Stelle einfach bestimmte Sprachfiguren aufbrechen.

 

Wie kann man die aufbrechen?

An dieser Stelle wäre mein Versuch, stärker vom Phänomen der Anerkennung her zu denken. Wenn Sie Gabe im Sinne von Wertschätzung denken, dann wird es ganz schwierig, wenn das einseitig ist, weil der andere dann signalisiert: Schön, dass du mich anerkennst, aber du bist mir egal. Es gibt im Deutschen diesen schönen doppeldeutigen Ausdruck „nichts vom anderen erwarten“. Auf unser Gott-Welt-Verhältnis gewendet, können sie sagen, Gott erwartet nichts von mir in dem Sinn, dass ich mich natürlich nicht selbst erlösen kann; und er braucht auch nichts von mir. Aber ein Gott, der in einem negativen Sinn nichts von mir erwartet, der interessiert sich irgendwie auch nicht für mich, dem ist egal, was ich mache,. Und dann sind Sie auf einer anderen Ebene als mit dieser Frage: Braucht der etwas, brauche ich etwas? Hinter diesen Überlegungen steckt ganz oft die Frage: Kann der Mensch etwas? Vielleicht muss man die Frage anders stellen.

 

Was an Ihrer Forschung wirkt in das "wahre Leben" oder die Theologie zurück? Verfolgen Sie mit Ihrer Forschung ein bestimmtes Ziel?

Es gibt mehrere Aspekte. Wir Theologen haben immer die Grundschwierigkeit, dass wir von einem Gegenstand reden, der nicht greifbar ist und für den die menschliche Sprache nicht ausreicht. Das heißt, wir müssen immer mit Modellbildungen arbeiten und wissen, dass wir mit Modellbildungen arbeiten, müssen gleichzeitig also die Grenzen dieses Modells mit beobachten. Was in die Theologie zurückwirkt, was mir wichtig ist, ist also zunächst die Aufmerksamkeit auf die Modelle, mit denen wir arbeiten, das Bewusstsein, dass es sich um Modelle handelt, die als solche einiges sichtbar machen und anderes verdecken. Was ich auch spannend finde, was sowohl theologisch als auch fürs praktische Leben eine Rolle spielt: Es gibt hier Beobachtungsmöglichkeiten von Ambivalenzen, wie ich das vorhin schon beschrieben habe: dass Gaben eine Form von Machtausübung sein können, eine Form von Anerkennung sein können, etwas mit Bedürfnisbefriedigung zu tun haben können - oder auch nicht. Und es kann auch wichtig sein, dass etwas gerade keine Gabe ist. Der Philosoph und Anthropologe Marcel Hénaff macht das deutlich an der Psychoanalyse: Hier gehört es dazu, dass der Analytiker bezahlt wird, weil der Patient dann irgendwann frei ist und ihm nicht ewig in Dankbarkeit hinterherläuft. Dankbarkeit ist eine Form von Bindung, das kann schön sein, aber es kann auch falsch sein.

 

Warum sind Sie Wissenschaftlerin geworden?

Ich habe angefangen, Theologie zu studieren, weil es mich interessiert hat. Und dann habe ich einfach nicht mehr aufgehört, das Interesse hat sich gewissermaßen "chronifiziert". Als ich nach dem Diplom für ein paar Monate zu meinen Eltern zurückzog,, erinnere ich mich noch, dass ich morgens, noch bevor die anderen aufstanden, am Frühstückstisch saß und geradezu verzweifelt irgendein theologisches Buch las, weil ich das Gefühl hatte, ich will das alles gar nicht mehr aufgeben. Und ich fing an, die Grundlagenwerke zu lesen, für die ich vorher im Studium nie Zeit gehabt hatte. Ich habe einfach nicht mehr aufgehört, das war gar nie die Frage, sondern  die Frage war immer: Habe ich irgendwann die Chance, die Wissenschaft zu meinem Beruf zu machen? Das ist im Moment mein Glück hier in Erfurt: Ich werde für das bezahlt, was ohnehin meine Leidenschaft ist.

 

Bitte ergänzen Sie: Forschung ist…

… mein täglich Brot im besten Sinn des Wortes.

 

Frau Hoffmann, vielen Dank für dieses Gespräch.

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