Université d'Erfurt

Bildung 3.0: Wie IT das Lernen verändert: Ein Interview mit Prof. Dr. Gerd Mannhaupt über moderne Kommunikationstechnologie im Vor- und Grundschulalter

Porträt Prof. Dr. Gerd Mannhaupt
Prof. Dr. Gerd Mannhaupt

Microsoft-Chef Steve Ballmer hat im November 2012 in Berlin vor rund 150 hochrangigen Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Medien seine Vision vom Lernen der Zukunft vorgestellt. In diesem Rahmen wurde die neue kostenlose Windows 8 basierte „Schlaumäuse“-Lernsoftware zur frühkindlichen Sprachförderung vorgestellt, in deren Entwicklung auch Prof. Dr. Gerd Mannhaupt, Professor für Grundlegung Deutsch an der Universität Erfurt, seine Expertise in den Bereichen frühkindliche Bildung sowie Medienkonsum/Medienkompetenz eingebracht hat. Ein Interview über seine Beweggründe und Erfahrungen…

Herr Professor Mannhaupt, warum benötigen Kinder schon im Vorschulalter eine Sprachförderung? Haben wir keine Zeit mehr oder lernen Kinder heute schlechter als früher?
Die Kompetenz, sich in einer Sprache auszudrücken, ist in der heutigen Informations- und Wissensgesellschaft der vielleicht wichtigste Schlüssel für beruflichen und wirtschaftlichen Erfolg – und für gesellschaftliche Teilhabe. Erschreckend: Sprachtests zeigen, dass 10 bis 15 Prozent aller deutschen Erstklässler so gravierende Verständnis- und Ausdrucksschwierigkeiten haben, dass sie dem Unterricht nur schwer oder gar nicht folgen können. Das hat auch eine aktuelle Forsa-Umfrage unter 500 deutschen Grundschullehrern bestätigt, nach der fast ein Drittel der Befragten die Sprachkompetenz der Schüler als schlecht oder weniger gut beurteilt haben. Noch schlechter schneiden Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern und mit Migrationshintergrund ab. Das heißt, Bildungserfolg hängt in Deutschland sehr stark vom Elternhaus ab. Experten sind sich deshalb einig, dass Sprachförderung möglichst früh – am besten schon im Vorschulalter – ansetzen muss.

Und warum benötigen wir dazu eine spezielle Software? Früher haben Kinder ja auch lesen und schreiben gelernt – ganz ohne IT. Es gib Kollegen, die moderne Kommunikationstechnologien im Vor- und Grundschulalter kategorisch ablehnen…
„Auch dem Buch ist einst vorgeworfen worden, dass Kinder sich damit sozial isolieren. Heutzutage wachsen Kinder ganz selbstverständlich mit modernen Technologien auf, bereits Vorschulkinder gehen permanent mit neuen Medien um. Eine geeignete Lernsoftware bietet die Möglichkeit, sich mit dem Computer auseinandersetzen, den sie längst von zuhause kennen. Allerdings muss der Einsatz moderner Technologien im Klassenzimmer gut vorbereitet sein und ist nicht mit dem bloßen Aufstellen eines Computers getan. Und das bedeutet, dass Medienkompetenz natürlich auch in der Lehrerausbildung wichtig ist, wenn Lehrer diese selbst vermitteln sollen.“

Was hat dazu geführt, dass die Universität Erfurt sich mit Microsoft zusammengetan hat, um das Forschungsgebiet zur Nutzung des Computers für sprachliches Lernen zu unterstützen?
„Mit der Umstellung des Lehramtsstudiums von Staatsexamen- auf Bachelor- und Masterstudiengänge hat die Universität Erfurt auch den Fokus der Ausbildung auf den Vorschulbereich und den Übergang vom Kindergarten in die Grundschule erweitert. Insbesondere beim sprachlichen Lernen wissen wir aus der internationalen Forschung, dass Kinder, die mit ausreichend ausgebildeten Lernvoraussetzungen an den Schulstart gehen, eine sehr viel größere Chance auf eine erfolgreiche Schulzeit haben. Die Forschung am Lehrstuhl für Grundlegung Deutsch in der Grundschule trägt dieser Erkenntnis seit langer Zeit Rechnung, indem sie auf die Erfassung und Förderung der Voraussetzungen für erfolgreiches Lesen- und Schreibenlernen ausgerichtet ist. Das Angebot von Microsoft, mit den ‚Schlaumäusen‘ ein computergestütztes Lernangebot für exakt diesen Bereich kindlicher Entwicklung mit zu gestalten, kommt uns sehr entgegen, weil wir so unsere Forschungsaktivitäten um eine wichtige und zukunftsweisende Facette erweitern können.“
 
Wie wichtig ist nach Ihrer Erfahrung die Einbeziehung neuer Medien im Vorschulbereich, was können diese neuen Medien leisten?
„Eigentlich bin ich ein konservativer Vertreter der Nutzung neuer Medien, gerade bei Angeboten kindlicher Bildung. Medien sind Werkzeuge menschlichen Handelns. Sie erweitern unsere Möglichkeiten enorm – sowohl im Hinblick auf den Umfang der Informationen, als auch in der Tiefe und Geschwindigkeit, in der wir sie verarbeiten können. Neue Medien erlauben uns auch vollkommen neue Zugriffe auf Realität und gewähren uns nie dagewesene Einsichten. Dies erfordert von uns Nutzern stärker abstraktes Denken und von der unmittelbaren Realität gelöste Analyse über die hinter diesen Darstellungsmöglichkeiten liegenden Zusammenhänge. Vorschul- und Grundschulkinder lernen dagegen durch die direkte und konkrete Auseinandersetzung mit der Realität, sie müssen Sie im wahrsten Sinne des Wortes ‚begreifen‘. Neue Medien können meiner Ansicht nach dann im Vorschulbereich eingesetzt werden, wenn sie dieser entwicklungspsychologischen Anforderung gerecht werden. Mit den neuen Möglichkeiten der interaktiven Steuerung durch z.B. die Finger oder auch Körperbewegungen und der mündlichen Sprachausgabe eröffnet sich hier ein breites und zukunftsweisendes Anwendungsspektrum, wenn die hinter der Software liegenden Grundlagen fachlich und didaktisch auf dem neuesten Stand der wissenschaftlichen Diskussion sind.“
 
Welcher Mehrwert entsteht dadurch im Sprachlernbereich?
„Der Umgang mit Sprache ist im Prinzip abstraktes Denken. Auch wenn wir dies im Alltag nicht mehr wahrnehmen, gehen wir mit Symbolen in hochkomplexen mit einander vernetzten Kombinationen und Reihungen um. Jeder Satz ist eine Äußerung von miteinander verwobenen Symbolen. Auch Kinder im Vorschulalter meistern diese Aufgabe intuitiv und in den meisten Fällen phänomenal sicher. Sie entschlüsseln die sprachlichen Botschaften mühelos, vor allem dann, wenn sie in die Situation gebunden sind, in der sie sich gerade befinden. Vorschulkinder können aber noch etwas mehr. Sie verstehen es, in Ansätzen auch mit den formalen Aspekten der Sprache umzugehen. Sie können reimen, Wörter in Silben teilen und sie auf lautliche Ähnlichkeiten hin prüfen. Aber, das wissen wir aus unserer Forschung, nicht alle Kinder im Übergang vom Kindergarten in die Grundschule beherrschen diese sprachlichen Anforderungen so, dass sie darauf in ihrem schulischen Lernen aufbauen können. Ihnen fehlen die notwendigen Lernvoraussetzungen. Hier können mit Hilfe der neuen Medien im Vorschulbereich neue, umfangreichere und intensive Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten geschaffen werden. Mit täglich wenig Aufwand, aber regelmäßiger und hochmotivierter sprachlicher Übung können diese Kinder aufholen. Dafür lassen sich mit den neuen Medien Lernumgebungen gestalten, die die Kinder ansprechen und im positiven Sinn gefangen nehmen, indem sie einen die Kinder aktivierenden Rahmen schaffen, in dem Ansprache stattfindet. Die Kinder hören also zu. Neue Medien erlauben es darüber hinaus, den Kindern eine Lernumgebung bereitzustellen, die vielen Erfordernissen an erfolgreiches Lernens genügt. So kann bei didaktisch sinnvoller Planung das Lernangebot sehr eng an die Lernentwicklung des Kindes angepasst werden. In ihren Schwierigkeiten und Anforderungen gestufte Aufgaben können sehr viel besser als in herkömmlichen Lernsettings das Anforderungsniveau so aufrecht erhalten, dass die Kinder weder unterfordert noch überfordert werden. Das wirkt sich sowohl positiv auf das Lernergebnis als auch auf die Lernmotivation aus. Die Lernsoftware hat eine unendliche Geduld, wenn Kinder probierend und entdeckend lernen. Sie können viele Vorversuche wagen und eingeben und sich so allmählich der richtigen Lösung annähern. Die Lernsoftware tadelt nicht, sondern ermutigt zu weiteren Versuchen bis die Lösung gefunden ist, die dann sofort positiv bestätigt wird. Diese Rückmeldung kann sehr differenziert erfolgen und wird konsequent auf den Inhalt bezogen und nicht auf die Person. Auch dieses Prinzip unterstützt anhaltende Lernmotivation und nachhaltige Lernergebnisse. Agieren die Kinder nicht allein in der Lernumgebung, sondern zu zweit oder dritt, werden auch soziale Kompetenzen gefordert und unterstützt.“
 
Und welche Kinder profitieren nun insbesondere von der genannten „Schlaumäuse“-Lernsoftware?
„In meiner Forschung lagen mir immer die Kinder am Herzen, die zusätzlich zu den Anforderungen und Angeboten im Mainstream weiterer Unterstützung bedurften. Sie sehe ich als besondere Zielgruppe an. Dabei ist unerheblich, mit welcher Muttersprache die Kinder aufgewachsen sind. Mit wohl dosierten Angeboten besonderen und medial unterstützten Lernens kommt die ‚Schlaumäuse‘-Software ihren Bedürfnissen nach ergänzenden Entwicklungsmöglichkeiten besonders entgegen. Sie bekommen zusätzliche Lernzeit, die es ihnen ermöglicht, insbesondere ihre Voraussetzungen für erfolgreiches sprachliches und schriftsprachliches Lernen in der Schulzeit zu vervollkommnen. Durch das reichhaltige Angebot an Aufgaben in der ‚Schlaumäuse‘-Lernumgebung können aber auch alle anderen Kinder ihre sprachlichen und schriftsprachlichen Kompetenzen erweitern. Auch sie finden ein ihren Lernmöglichkeiten angepasstes Angebot. Die hohe Anpassungsfähigkeit der Software macht die ‚Schlaumäuse‘ so zu einem willkommenen Entwicklungsimpuls für viele Vorschulkinder.“

Hintergrund:

Die Bildungsinitiative „Schlaumäuse – Kinder entdecken Sprache“ wurde 2003 von Microsoft Deutschland und Partnern ins Leben gerufen. Im Pilotprojekt wurden 200 Kindergärten aus vorrangig sozial schwächeren Gebieten mit dem „Schlaumäuse“-Paket ausgestattet. Heute sind bereits rund 7000 Kindergärten bundesweit am „Schlaumäuse“-Programm beteiligt. Gemeinsam mit den „Schlaumäusen“ üben die Kinder das Alphabet, schulen ihr phonologisches Bewusstsein und erweitern ihren Wortschatz. Ziel ist es, dass die Kinder beim Zuhören, Mitdenken, Mitspielen und selbst Ausprobieren die deutsche Sprache verinnerlichen und so besser auf die Voraussetzungen der Grundschule vorbereitet werden. Dabei entwickeln sie ein Verständnis für die neuen Medien und lernen diese verantwortungsvoll zu bedienen.

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