Université d'Erfurt

Der talentierte Mr. Weber: Professor Dr. Andreas Anter forscht an der Universität Erfurt über Max Weber. Ein dickes Fell braucht er da schon...

Prof. Dr. Andreas Anter
Prof. Dr. Andreas Anter (Foto: Hans Jakob Rausch)

Von Berkeley bis Tokio, von Montreal bis Neapel – 150 Jahre nach der Geburt Max Webers boomt die weltweite "Weber-Industrie". Und sie ist ein hartes wissenschaftliches Geschäft. Hier wird gerangelt, gerügt, um jede einzelne Deutung gerungen. Kaum ein anderer Autor polarisiert und erhitzt die Gemüter der Wissenschaftler so sehr wie Max Weber. Er war einer der Ersten, der – neben Denkern wie Georg Simmel, Émile Durkheim oder Auguste Comte – versuchte, die Wissenschaft der menschlichen Beziehungen zu beschreiben. Er untersuchte, warum wir so handeln, wie wir handeln, welche Typen von Handlungen es gibt und zu welchen Ergebnissen diese führen. Damit beeinflusst er die Soziologie bis heute und so ist auch sein wissenschaftlicher Verdienst mittlerweile unbestritten. Aber welche seiner Aussagen in welchem Kontext von wem wie gedeutet wird, darüber entflammen sich immer wieder stürmische Kontroversen. Mittendrin in der internationalen Weber-Debatte ist auch Professor Dr. Andreas Anter von der Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Erfurt. Seit dem Wintersemester lehrt und forscht der Politologe in der Geburtsstadt Webers – natürlich auch zu Max Weber selbst. Denn von der ersten Vorlesung an, die Anter während seines Studiums in Freiburg zu dem Soziologen besuchte, ist auch er gepackt vom Weber-Fieber.

"Ich war verloren und das vom ersten Moment an"

"Ich war verloren und das vom ersten Moment an", gesteht der Professor. "Was mich sofort an Weber faszinierte, war zum einen seine dialektische Denkweise, diese eigentümliche Art zu denken: dass man zu jedem Gedanken immer das Gegenteil gleich mitdenkt und dass man in diesen Zwar-Aber-Ketten versucht, zu einem Ergebnis zu kommen. Zum anderen war Weber aber auch das, was man heute einen Universalgelehrten nennen würde, jemand der von Haus aus Jurist ist und dann eine Professur für Nationalökonomie hat, der Mitbegründer der Soziologie wird, aber auch unter Musikwissenschaftlern, Historikern und Politikwissenschaftlern bedeutend ist, weil er auch in diesen Bereichen grundlegende Werke geschaffen hat", beschreibt Anter die Weber-Manie. "So etwas gibt es heute gar nicht mehr, und auch zu seiner Zeit gab es das kaum – Menschen, die grundlegende Dinge gedacht und, wie etwa Freud und Einstein, Revolutionäres geschaffen haben."

Max Weber

Weber ist vielseitig, revolutionär und irgendwie zeitlos.

Webers Werk ist aber nicht nur grundlegend, sondern in großen Teilen auch immer noch aktuell: So beschreibt er die Konflikte, die entstehen, wenn individuelle Lebensentwürfe autonomer Subjekte auf vordefinierte Lebensordnungen, Hierarchien und Institutionen treffen, und fragt: Wie werden diese Konflikte gelöst? – eine genauso zeitlose Frage, wie die nach der Entstehung des Kapitalismus, die Weber ebenso umtreibt. In seiner Abhandlung über protestantische Ethik und den Geist des Kapitalismus diagnostiziert er mit der Verberuflichung des Lebens und dem Verlust des Kontemplativen bereits 1904 etwas, das unsere Welt heute mehr denn je prägt. Weber untersucht darüber hinaus den Prozess der Rationalisierung, der heute noch die Strukturen unserer Lebensbereiche wie Religion, Politik, Musik bestimmt und der sich von Europa aus auf der ganzen Welt ausbreitete. Und er beschreibt als Erster, was Bürokratie ist und wie sie funktioniert. In seiner Herrschaftssoziologie erfindet er den Typus der charismatischen Herrschaft und beschreibt das Phänomen, dass Menschen ohne zu hinterfragen einem charismatischen Herrscher folgen. Damit geht Weber auf das Irrationale in der Politik ein. Heute können mit seiner Herrschaftssoziologie politische und historische Begebenheiten gedeutet werden. Kurz lässt sich also sagen: Weber ist vielseitig, revolutionär und irgendwie zeitlos. Und genau das ist es, was auch Professor Anter bereits als Studenten fasziniert und ihn veranlasst hat, sich näher mit Webers Werk auseinanderzusetzen. Dieses ist jedoch nicht nur monumental, sondern auch sehr voraussetzungsreich. "Häufig braucht man Spezialkenntnisse, um sich überhaupt einzuarbeiten, denn die Musiksoziologie beispielsweise kann man kaum verstehen, wenn man die Musiktheorie nicht kennt. Da versteht man manchmal schon den ersten Satz einer Abhandlung nicht", lacht Anter. Abgeschreckt hat ihn das aber nicht und so begleitet ihn Max Weber über seine Doktorarbeit hinaus bis heute als Forschungsobjekt. Seine persönliche Rezeptionsgeschichte der Weber-Texte steht dabei fast schon beispielhaft für die Entwicklung der Weber-Debatte im Ganzen, die sich im Laufe der Zeit von kaum beachtet über verachtet bis hin zu verehrt wandelte. "Mein erstes Referat in Freiburg zu Weber war furchtbar kritisch", erinnert sich Anter. "Ich habe ihn als Präfaschisten hingestellt." Eine Interpretation, die heute als Teil der historischen Rezeptionsgeschichte angesehen wird und selbst von ihren früheren Vertretern revidiert wurde. Weber als Wegbereiter Hitlers – diese Deutung war in den ersten Nachkriegsjahrzehnten populär, weiß Anter: "Durch den Nationalsozialismus war man sehr stark auf die Frage fixiert, wie es dazu kommen konnte. Damals wurden viele Texte geisteswissenschaftlicher Größen, die irgendwie anfällig gemacht haben könnten, daraufhin abgeklopft. In dieser Zeit konnte man Publikationen à la ‚Von Luther zu Hitler‘ oder ‚Von Hegel zu Hitler‘ lesen, sogar Platon hat man verdächtigt. Solche Ideen erscheinen natürlich aus heutiger Sicht absurd. Also Hegel für Hitler verantwortlich zu machen, das würde heute höchstens noch ein Lächeln hervorrufen". Auch bei Professor Anter änderte sich im Laufe der Zeit die Sichtweise. Er tauchte tiefer in die historischen Zusammenhänge ein und erkannte, warum Weber Nationalist war, warum er manche Positionen vertreten hat und dass er sie aus der Zeit heraus entwickelte. In diesem Sinne sei seine Irritation gewichen, die Faszination aber geblieben.

2014 wird ein richtiges Weber-Jahr für die Geistes- und Sozialwissenschaften

Eine Faszination, die heute viele Wissenschaftler weltweit teilen und die sich ganz besonders in diesem Jahr, in dem Max Weber 150 Jahre alt geworden wäre, zeigt. "2014 wird ein richtiges Weber-Jahr für die Geistes- und Sozialwissenschaften: Zwei neue Biografien und wichtige Bände der Weber-Gesamtausgabe, an der nun über 30 Jahre lang gearbeitet wurde, erscheinen. Dazu kommen weitere Publikationen sowie Konferenzen und Tagungen. Im Winter wird es uns allen wahrscheinlich erst einmal reichen mit Weber." Die Debatten um die wahre Weber-Deutung bleiben aber selbst dann noch lebendig, denn "Weber ist Macht!", wie der amerikanische Soziologe Lawrence Scaff es einmal ausdrückte. Anter stimmt ihm zu: "In den Weber-Kontroversen verdichtet sich etwas, nämlich: Wohin geht die Sozialwissenschaft? Wer immer den Interpretationsstreit um Weber gewinnt, der wird den zukünftigen Kurs der Sozialwissenschaft bestimmen". Für Weber-Forscher wie Professor Andreas Anter heißt das also: hinein in die Weber-Schlacht 2014!

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