Université d'Erfurt

Die Liebe im Spiegel der Klassengesellschaft: Stella Rehbein erforscht am Max-Weber-Kolleg Paarbeziehungen

Stella Rehbein

Sie sprechen über Liebe, über das Leben als Paar, darüber, wie sie miteinander umgehen und kommunizieren, was ihren Alltag zu zweit bestimmt und welche Gewohnheiten und Bräuche sie zusammenschweißen. Bis zu fünf Stunden nehmen sich Stella Rehbeins Probanden Zeit für solch ein Gespräch unter sechs Augen. Wer jetzt denkt, in Romantik und Liebe ein reines Wohlfühlthema zu erkennen, der täuscht sich jedoch gewaltig. Denn in den kurzweiligen Stunden kommt so einiges auf den Tisch, was das Paarleben prägt, und dazu gehören mitunter auch tiefgreifende Probleme. Wie unromantisch Themen, die liebende Menschen beschäftigen, sein können, das hat die Soziologin schnell gemerkt. Rehbein untersucht in ihrem Promotionsprojekt „Romantik in Zeiten abnehmender Resonanz“ das Paarleben aus ungleichheits- und geschlechterspezifischer Perspektive. Mit dem Max-Weber-Kolleg (MWK) der Universität Erfurt hat sie für ihr Forschungsvorhaben das passende wissenschaftliche Dach gefunden.

Ein Vortrag von Hartmut Rosa war es, der sie auf die Idee brachte, sich beim Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien mit ihrem Projekt zu bewerben. „Ich war gerade in der Ausarbeitungsphase eines Exposés für mein Vorhaben, als ich Rosa zu seiner Resonanz-Theorie sprechen hörte“, erinnert sich die Soziologin. „Das machte mich auf das Max-Weber-Kolleg der Uni Erfurt, das er leitet, und die dortige internationale Graduiertenschule zum Thema Resonanz aufmerksam.“ Das Thema passte, die Bewerbung klappte. Seit Oktober 2017 kann sie nun als Wissenschaftliche Mitarbeiterin ihre Forschung an der Graduiertenschule „Resonant Self-World Relations in Ancient and Modern Socio-Religious Practices", die die Uni Erfurt in Kooperation mit der Universität Graz am MWK betreibt, realisieren. „Ein wunderbarer Glücksfall“, weiß Rehbein zu schätzen. Erfüllte sie sich damit doch den Wunsch einer akademischen Karriere, den die gebürtige Hannoveranerin seit ihrem Master in Soziologie an der Universität Potsdam hegte – und der schon früh das Thema Liebe und Paarbeziehung als Forschungsgegenstand beinhaltete. „In dem Begriff Liebe fallen so unheimlich viele Aspekte zusammen, die untersucht werden können. Er beinhaltet Fragen nach der Geschlechterbeziehung, nach Rollenverteilung und Geschlechterungleichheiten, nach Emotionen und den Voraussetzungen von Gefühlen, nach Fragen des Körpers und des Begehrens – und das alles vor einer sozialen Sphäre, in dem sich die Paare bewegen.“ Letzteres erhält bei Rehbein besondere Aufmerksamkeit. „Die Forschung hat bereits gezeigt, dass Vorstellungen von Liebe und Ideale von Beziehungen stark vom sozialen Milieu und der sozialen Herkunft abhängen“, erklärt die Soziologin. „Die romantische Liebe, die uns alle berührt und angeht, ist an sich schon ein sehr klassenspezifisches Konzept. Es ist ein Konzept des Bürgertums, das in Abgrenzung an die proletarischen, aber auch an die aristokratischen Lebensformen bestand. Also in der Herausbildung schon sehr mittelschichtspezifisch war. Das lässt sich heute in der Paarforschung wiederfinden, weil die sehr stark auf Paare fokussiert, die aus der Mittelschicht kommen und häufig Akademiker sind. Mich dagegen interessieren jedoch die zusammenlebenden Paare, die andere Lebensumstände und Biografien haben, die unter anderen kulturellen Voraussetzungen und vielleicht auch unter finanziellen Einschränkungen leben.“ Ihre Untersuchungen stehen dabei vor dem Hintergrund von zwei Forschungstheorien: der Resonanz-Theorie von Hartmut Rosa und dem Konzept vom „emotionalen Kapital“ von Eva Illouz. Hartmut Rosa fragt nach dem gelingenden Leben und sieht das gemeinsame Zuhause als „Resonanzhafen“. Daran knüpft Stella Rehbein an – und entgegnet Rosa mit ihrer eigenen These. Zwar betrachtet sie die gute Paarbeziehung als Teil eines guten Lebens. Die Idealvorstellung eines gemeinsamen Heimes als Ort der Resonanz, der nach Rosa im Gegensatz steht zu den verdinglichten, instrumentellen, kapitalistischen Sozialbeziehungen außerhalb, teilt sie jedoch nicht. „Meine These ist, dass diese Sphären nicht getrennt werden können, sie sind zu stark verwoben. Ich glaube, dass auch der ‚Resonanzhafen‘ des Privaten stark von Machtbeziehungen und ökonomischen Logiken durchzogen ist.“ Innerhalb dieser Machbeziehungen und Logiken stehen Menschen mit ganz unterschiedlichen emotionalen Eigenschaften und verschieden ausgeprägten Fähigkeiten, mit ihren Gefühlen auf bestimmte Art und Weise umzugehen. Menschen mit unterschiedlichem „emotionalen Kapital“ also, wie das die israelische Soziologin Eva Illouz nennt. „Illouz sagt, dass dieses emotionale Kapital auch klassenspezifisch, gesellschaftlich unterschiedlich verteilt ist und dass vor allem Paare und Frauen der Mittelschicht besonders damit ausgestattet sind, andere dafür weniger“, fasst Rehbein zusammen. Für die Erfurter Wissenschaftlerin ist vor allem interessant, dass Illouz „emotionales Kapital“ als Fähigkeit der Kommunikation und der Selbstwahrnehmung betrachtet, als Fähigkeit, Gefühle bewusst erfahren zu können, sich bewusst Gefühlen hinzuwenden – und auf sie Einfluss zu nehmen. „In der Emotionssoziologie wird das als Therapisierung der Gefühle angesehen, also, dass man Gefühle als etwas wahrnimmt, das bearbeitbar ist“, erläutert Rehbein. „Nehmen wir das Beispiel Streit: Wenn ich mich mit meinem Partner streite, kann ich mich fragen: Was hat der Gegenstand des Streites jetzt genau mit mir zu tun? Woher kommt beispielsweise meine Eifersucht, die ich jetzt empfinde? Es geht also bei dem emotionalen Kapital darum, einen reflexiven und kommunikativen Umgang in der Paarentwicklung herauszubilden. Wenn das gelingt, können Paare über ihre Kommunikation Intimität und Situationen der Außeralltäglichkeit herstellen. Solch eine intensive Zweierkommunikation kann so zum romantischen Ritual werden und das wiederum kann die Grundlage für eine stabile Beziehung sein.“ Da die Ressource „emotionales Kapital“ jedoch ungleich verteilt sei, gäbe es Paare die eigentlich geringere Chancen auf eine stabile Beziehung haben als andere. Rehbein möchte nun herausfinden, ob diese Paare dann aber vielleicht andere Kommunikationsformen und romantische Rituale finden, um Intimität zu schaffen.

Dafür sucht sie passende Paare als Versuchspersonen, die bereit sind, sich ihr in einem Gespräch zu öffnen und in ihren eigenen vier Wänden über ihre Beziehung zu sprechen. Einige dieser Interviews hat die Wissenschaftlerin bereits geführt. „Ich starte zunächst mit einer Eingangsfrage, dann geben die Paare dem Gespräch aber meist selbst einen weiteren Verlauf, einen Sinn. Wenn wir dann noch gemeinsam durch ihr Heim gehen, tut sich anhand von Raumaufteilungen und den Objekten wie Fotos und Souvenirs zudem noch einmal eine ganz andere Gesprächssphäre abseits des zuvor sehr reflektierten Gesagten auf.“ So bekommt Stella Rehbein tiefe – wenn es beispielweise um Gesundheit oder Geld geht manchmal auch unbequeme – Einblicke in die Strukturen, Rituale und Rollen einer Paarbeziehung. Diese hält Rehbein in Beobachtungsprotokollen fest, die Grundlage für eine anschließende Analyse und Erörterung sind. „Dabei ist es mir wichtig, meine eigenen Interpretationen immer wieder zu dekonstruieren, sie aufs Neue zu hinterfragen und aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten.“ Für einen zusätzlichen Perspektivwechsel in ihrer Forschung sorgen auch ihre wissenschaftlichen Kollegen am MWK, mit denen sie sich jede Woche im Kolloquium austauscht. Auch wenn die Projekte der Doktoranden sehr unterschiedlich sind, so finden sie immer wieder Querverbindungen, die fruchtbar für alle wissenschaftlichen Arbeiten der Graduiertenschule sind. Und das bestätigt Stella Rehbein immer wieder aufs Neue: Die Entscheidung für eine wissenschaftliche Karriere und für dieses Thema war die richtige – genau wie die Entscheidung für die internationale Graduiertenschule des Max-Weber-Kollegs.

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