Université d'Erfurt

„Ein ganzes Leben ausgebreitet vor mir“

Herzog-Ernst-Stipendiatin Anja Oesterhelt
Herzog-Ernst-Stipendiatin Anja Oesterhelt

Not, Armut und Hunger herrschten im 19. Jahrhundert hierzulande vor, als sich mehr als fünf Millionen Deutsche dazu entschlossen, die nötigsten Sachen zusammenzupacken, die Familie zurückzulassen und sich auf den langen Weg nach Nordamerika zu machen – meist in dem Wissen, nie wieder zurückkehren zu können und Verwandte oder Freunde nie wiederzusehen. Deutschland war im 19. Jahrhundert das Land mit den höchsten Auswandererzahlen. Viele der Emigranten fanden eine neue Heimat in Amerika, gründeten eigene Familien und arrangierten sich mit ihrem neuen Leben in der Ferne. Andere verkrafteten diese Entscheidung weniger gut und kämpften lebenslang mit einer inneren Zerrissenheit. Was sie bewegte, was sie fühlten und sich erhofften, welche Erfahrungen sie machten, ist heute eine wichtige Quelle für die sozialgeschichtliche Forschung – nachzulesen in überlieferten Tagebüchern, vor allem aber in den noch erhaltenen Briefen, die die Auswanderer den Daheimgebliebenen schickten. Eine der weltweit bedeutendsten Sammlungen dieser sogenannten Auswandererbriefe wird heute in der Forschungsbibliothek Gotha der Universität Erfurt bewahrt. Hier haben Wissenschaftler Zugang zu diesen ganz persönlichen Einzelschicksalen, anhand derer sie Rückschlüsse auf die historische Entwicklung Deutschlands im 19. Jahrhundert ziehen können. Genau das erhofft sich auch Dr. Anja Oesterhelt von der Universität Gießen. Als Herzog Ernst-Stipendiatin des Forschungszentrums Gotha der Universität Erfurt kann sie im Rahmen ihres Post-Doc-Forschungsprojektes zwei Monate lang mit den Briefkonvoluten arbeiten.

Auswandererbrief. NABS, Hering-Kuenstedt, 1862
Auswandererbrief. NABS, Hering-Kuenstedt, 1862

In ihrem Buchprojekt erforscht die Germanistin die Konzeptualisierung von Heimat im 19. Jahrhundert anhand der deutschsprachigen Literatur. Da die Untersuchung des Begriffes und Konzeptes Heimat aus literaturwissenschaftlicher Perspektive jedoch unmöglich ohne die gesellschaftlichen Kontexte auskommt, ist die Auswanderer-Briefesammlung der Forschungsbibliothek Gotha für die Wissenschaftlerin bedeutendes Anschauungsmaterial. „Denn wenn ich verstehen möchte, was in der Literatur zum Thema Heimat gesagt wird, muss ich auch wissen, was in dieser Zeit passiert ist“, erklärt Oesterhelt. „Deshalb ist historisches und gesellschaftliches Wissen bezogen auf Konzeptualisierungen von ‚Heimat‘ so interessant für mich. Dazu gehört auch die Tatsache, dass sich im 19. Jahrhundert – wie in keinem Jahrhundert zuvor – riesige Bevölkerungsmassen plötzlich in Bewegung gesetzt haben und vom Land in die Städte oder von einem Land ins andere, vor allem nach Amerika, gezogen sind.“ Viele Faktoren wie die Aufhebung der Leibeigenschaft, die Industrialisierung, steigende Bevölkerungszahlen, Missernten und stetige Preiserhöhung von Nahrungsmitteln förderten zu dieser Zeit die Entscheidung zur Migration. Und diese wiederum prägte das Konzept von Heimat nachhaltig, weiß Oesterhelt: „Meine Beobachtung ist, dass das Konzept Heimat, so wie wir es heute noch begreifen, erst am Ende des 18. Jahrhunderts in der deutschen Literatur auftaucht und erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts seine Wirkmächtigkeit entfaltet. Zuvor war die Heimat ganz einfach der Herkunftsort, ohne diese emotionale Aufladung, die der Begriff seitdem erfahren hat und die später immer wieder ideologisch missbraucht wurde. Im Zuge der Moderne wurde Heimat zu etwas, das abwesend ist, und damit zu einem sentimentalen Gebilde, an das sich die Kindheit, ein goldenes Zeitalter, die ländliche Idylle, oder andere Vorstellungen knüpften, die sich auf etwas beziehen, das es nicht oder nicht mehr gibt. Aber das war zumindest teilweise eine Illusion, denn die Menschen haben ihr Dorf und ihr Land ja nicht grundlos verlassen.“ Heimat wurde so oft zu einem Konzept, mit dem man sich zivilisationskritisch von den Tendenzen der Moderne abgrenzen wollte, zu einer Art Rückzugsmodell, das ausdrückte, wonach sich die Menschen zurücksehnten. Das wird auch in den Auswandererbriefen deutlich. „Hier wird Heimat tatsächlich als Begriff für eine Verlusterfahrung verwendet und als solcher zu einem Teil des Schreibens über den Alltag. Das besondere an diesen Briefen ist nämlich, dass sich hier die ‚einfachen‘ Menschen zu Wort meldeten, also Menschen, die ohne ihre Auswanderung nie zu Blatt und Tinte gegriffen hätten. Dass nun auch Landwirte, Handwerker oder Tagelöhner über ihren Alltag und eben auch über Heimweh und Heimat schreiben, das gibt tiefe Einblicke in das damalige Leben. Auswandererbriefe sind deshalb ein wichtiger Wissensspeicher der Zeit“, erklärt die Wissenschaftlerin und fügt etwas nachdenklich hinzu: „Wenn man bedenkt, dass Millionen von Deutschen zu dieser Zeit aus ökonomischen Gründen ausgewandert sind – heute würde man sie ja Wirtschaftsflüchtlinge nennen – und man aus ihren Briefen über ihre Beweggründe und all die Enttäuschungen und Nöte erfährt, wirft das auch noch einmal eine wichtige historische Perspektive auf die jetzige Flüchtlingssituation. Manche Auswanderer schrieben regelmäßig, einmal im Jahr, manchmal auch nur alle paar Jahre, zum Teil setzten auch die Kinder und Kindeskinder die Korrespondenz der inzwischen verstorbenen Eltern fort. Man erfährt viel über die Strapazen der Reise, das Neuanfangen und die Erinnerungen an frühere Zeiten, über Krankheiten und Kindersterben, über Arbeit und wieder Armut. So kommt es vor, dass ich innerhalb von ein paar Stunden ein ganzes Leben ausgebreitet vor mir habe. Das ist manchmal sehr emotional.“

Auswandererbrief Vormanek-Petasch, 1861, Umschlag
Auswandererbrief Vormanek-Petasch, 1861, Umschlag

So emotional, dass Anja Oesterhelt sich oft länger mit einzelnen Briefen aufhält, als es für ihre Arbeit eigentlich nötig wäre. Denn sitzt die gebürtige Berlinerin erst einmal im Sonderlesesaal der Forschungsbibliothek auf Schloss Friedenstein zwischen Stapeln von Briefen. Versunken in die Geschichten von Auswanderern vergeht die Zeit schnell – obwohl die Briefe bereits transkribiert sind und sie sich nicht erst in die verschiedenen Handschriften einlesen muss. „Zugegeben, manchmal wünsche ich mir einen Scanblick, um schnell zu erfassen, ob ein Brief für mich wirklich interessant ist“, lacht Anja Oesterhelt. „Aber den habe ich nicht, also muss ich die Briefe teilweise schon sehr genau lesen – und dann lese ich mich auch schnell mal fest, weil die Geschichten nicht nur berührend und spannend sind, sondern irgendwie auch wieder aktuell.“

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