Université d'Erfurt

Emotionales Gepäck: Ein Forschungsprojekt über Migranten und ihre Frömmigkeitspraxis

Prof. Dr. Benedikt Kranemann
Prof. Dr. Benedikt Kranemann
Kamila Grygolonek
Kamila Grygolonek

Menschen, die als Vertriebene nach dem Zweiten Weltkrieg in die Mitte und den Westen Deutschlands gekommen sind, Migranten, die heute in Ländern Westeuropas oder Nordamerikas aus wirtschaftlichen oder politischen Gründen leben – sie alle bringen ihre Religion mit in das Land, das sie aufnimmt. Ein Detail interessiert Erfurter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dabei besonders: die Rolle von gottesdienstlicher Praxis und Frömmigkeit bei Migranten christlichen Glaubens. Was bedeutet die vertraute religiöse Praxis, die man aus seinem Heimatland mit in die Fremde nimmt, innerhalb einer Migration? Prof. Dr. Benedikt Kranemann, Liturgiewissenschaftler an der Universität Erfurt, und Doktorandin Kamila Grygolonek haben sich auf Spurensuche begeben und Gebetstexte, Lieder, Bilder und Statuen, bestimmte Feste und Prozessionen, die Verehrung der Heiligen einmal genauer unter die Lupe genommen. Ihre Annahme dabei: Religiöse Praxis und eben auch Liturgie haben für die Identität von Migranten eine besondere Bedeutung.

„Bei einer wissenschaftlichen Tagung im Herbst 2010 konnten wir dazu schon einige Detailstudien diskutieren“, erläutert Professor Kranemann. „Im Mittelpunkt des Interesses standen Menschen, die aus wirtschaftlichen Gründen im 19. und frühen 20. Jahrhundert ins Ruhrgebiet und das mitteldeutsche Chemiedreieck um Halle (Saale), Bitterfeld, Leipzig zugewandert sind, sowie Vertriebene in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Und dabei entstand ein sehr vielfältiges Bild.“ So ist die Aufnahme von Vertriebenen und Zuwanderern ein spannungsvolles Geschehen gewesen. Bei den einzelnen Migrantengruppen, die nach dem Zweiten Weltkrieg beispielsweise aus Böhmen, Schlesien usw. nach Thüringen kamen, sind sehr unterschiedliche Frömmigkeitsstile und Mentalitäten beobachten, beispielsweise in der Art wie sie Feste feierten, welche Lieder sie sangen, ob und wie sie den Gottesdienst mitfeierten usw. „Im Nebeneinander konnte das in der Praxis zu Konflikten führen“, gibt Kranemann zu bedenken. Religiöses Brauchtum und Frömmigkeit binden offensichtlich in besonderer Weise an die Heimat. Das neue Umfeld, die neue „Heimat“ wird nicht nur als ein Gewinn empfunden, sondern ist mit vielen Verlusterfahrungen verbunden. Um hier überleben zu können, ist die Brücke zum Herkunftsland wichtig. Hier spielen emotional gefärbte religiöse Praktiken eine herausragende Rolle mit sehr vielfältigen Aspekten. Wie sieht dies in der Gegenwart aus, beispielsweise in den polnischen „Missionen“, großen polnischen Gemeinden, wie es sie auch in Deutschland gibt? Migration ist mit Risiken und Verlusten verbunden, zum Beispiel der Gefahr der Entwurzelung aus der jeweiligen Tradition und Kultur, mit den lokalen Bräuchen und auch dem Glaubenserbe der Vorfahren. So suchen die Migranten nach Möglichkeiten und Orten, an denen sie ihre Kultur und Tradition weiter pflegen und den kommenden Generationen hinterlassen können.

Einer der Bereiche, durch die die kulturelle und religiöse Identität sowie offensichtlich auch das nationale Bewusstsein der christlichen Migranten gestärkt werden kann, ist die Liturgie. Am Beispiel einer polnischen katholischen Migrantengruppe untersucht Kamila Grygolonek in ihrem Promotionsprojekt an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt die Vielgestaltigkeit und Bedeutung der Liturgie für die Bewahrung der religiösen, sozialen wie nationalen Identität der Migranten. „Die Religionsausübung und die Frömmigkeitspraxis verbindet die Migranten mit ihrem Heimatland und bietet ihnen in ihrer neuen Umgebung Orientierung und Akzeptanz“, erklärt die Doktorandin. „Und neben der religiösen Rolle spielt die Liturgie auch eine identitätsspendende, existentielle, gesellschaftliche und traditionssichernde Rolle.“ Ein Beweis dafür seien die zahlreichen polnischen Gemeinden, die sogenannten Polnischen Katholischen Missionen auf dem Gebiet der deutschen Diözesen und auch andernorts in Europa, die bei den Migranten das Gefühl der Zugehörigkeit und der Einheit stärken. Die Verbindung von religiöser Praxis, Verbundenheit mit der Heimat und nationaler Identität wird beispielsweise auch im Gottesdienst sichtbar: durch Heiligenverehrung, bestimmte Lieder, aber auch eine nationale Ikonografie im Kirchenraum. Damit stellt sich zugleich die Frage nach möglichen Gefahren der Isolierung der Migranten durch solche religiöse Praxis wie nach der Verzweckung und Instrumentalisierung der Liturgie selbst, um die nationale Identität zu bewahren. Wie verhalten sich die verschiedenen Bedeutungszuschreibungen im Gottesdienst zueinander? Kamila Grygolonek: „Unser Forschungsprojekt zur Frömmigkeitspraxis von Migranten steht noch am Anfang, aber das reiche Material, das wir nutzen können, verspricht interessante Erkenntnisse“.

Nähere Informationen / Kontakt:

Kamila Grygolonek

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