Université d'Erfurt

In Between the Wars: Die USA, der „Good War“ und die filmische Interpretation von Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges – 1945 bis 1962: Sebastian Haak

Sebastian Haak
Sebastian Haak

Die Amerikaner bezeichnen ihn als den „Good War“ – den Zweiten Weltkrieg. Wie und warum diese Vorstellung vom Kampf gegen Nazi-Deutschland und das japanische Kaiserreich in der Mitte des 20. Jahrhunderts entstand und weshalb die „Good War“-Deutung im US-Kontext bis heute ausschließlich dem Zweiten Weltkrieg zugeschrieben wird, danach fragt Sebastian Haak, Doktorand am Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt, in seinem aktuellen Forschungsprojekt. Haak tut dies anhand einer Analyse der Kooperation zwischen der amerikanischen Filmindustrie und dem US-Militär zwischen 1945 und 1962. Sie prägte das „Good War“-Bild maßgeblich mit und ist gleichzeitig ein Spiegel dafür, welche Mechanismen der Entstehung dieser Interpretation der Vergangenheit zugrunde lagen.


Wie lautet in diesem Zusammenhang Ihre zentrale These?
Die These, die ich als Erklärungsansatz anbiete, begreift die „Good War“-Vorstellung als Ergebnis eines kulturellen und gesellschaftlichen Aushandlungsprozesses, der dadurch ermöglicht wurde, dass in den USA in der Mitte des 20. Jahrhunderts verschiedene Faktoren aufeinandertrafen, die eine historisch einzigartige Konstellation ergaben, aus der heraus der „Good War“ erst entstehen konnte. Und weil davor und danach einzelne dieser Faktoren fehlten, konnte der „Good War“ weder früher noch später, sondern eben nur zu genau diesem Zeitpunkt entstehen und sich beständig (re-)produzieren.

Was meinen Sie genau, wenn Sie von „Faktoren“ sprechen?
Ich meine damit zum einen die Vielfalt der amerikanischen Erfahrungen und Wahrnehmungen des Zweiten Weltkrieges: Sowohl an der „front“ als auch an der „home front“ erlebten Amerikaner neben den schlechten Seiten des Krieges zwischen 1939/41 und 1945 auch immer wieder solche Facetten des Konflikts, die sie als positiv und schaffend wahrnahmen. In der Erinnerung an den Krieg wurden diese positiven Facetten dann besonders hervorgehoben, während die schlechten Seiten zurückgedrängt wurden. Zweitens meine ich das amerikanische Erbe der sogenannten „frontier“-Mythologie. Dieses tradierte amerikanische Deutungsmuster zu Krieg und Gewalt bot den Rahmen für eine positive Konnotation des Tötens und Sterbens, das in der „Good War“-Vorstellung zentral ist. Danach sind Gewalt und Krieg nicht nur schlecht, weil sie zerstörerisch sind. Sie sind vor allem gut, weil sie etwas Schaffendes beinhalten. Und der dritte Punkt ist der Kalte Krieg mit seinen besonderen Herausforderungen für die amerikanische Gesellschaft und Kultur: Im Systemkonflikt mit dem kommunistischen Teil der Welt schien eine bestimmte Deutung des Zweiten Weltkrieges aus dem Blickwinkel des amerikanischen Staates notwendig, um einen Beitrag zur „nationalen Sicherheit“ der USA zu leisten. Deshalb bemühten sich – besonders, wenn auch nicht ausschließlich – wichtige staatliche Institutionen darum, das Bild vom Zweiten Weltkrieg als „Good War“ zu (re-)produzieren, weil sie glaubten, dadurch einen vergangenen Krieg für die Gegenwart nutzen zu können.

Welche Schlussfolgerungen ergeben sich daraus für Ihr Projekt?
Erstens: Der „Good War“ als Deutung der Vergangenheit darf nicht als „Verzerrung“ oder „Glorifizierung“ der angeblich „wahren Natur des Zweiten Weltkriegs“ missverstanden werden. Er ist nicht „frei erfunden“. Vor dem Hintergrund der Vielfalt der amerikanischen Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges – sowohl an der „front“ wie auch an der „home front“ – ist die (Re-)Produktion des „Good War“ von dieser Basis aus ein Beispiel dafür, wie aus einer komplexen historischen Realität durch Sinnproduktion „Wahrheit“ und „Wirklichkeit“ erschaffen wurden. Zweitens: Das „Good War“-Bild ist eine Fortschreibung der „frontier“-Mythologie im 20. und 21. Jahrhundert. Durch diese Übertragung wurde gleichsam das der „frontier“-Mythologie zugrunde liegende, spezifische amerikanische Verständnis zu Krieg und Gewalt weitergetragen. Drittens: Auch wenn der „Good War“ in seiner Gesamtheit Teil eines nicht kontrollier- oder steuerbaren gesellschaftlichen und kulturellen Aushandlungsprozesses war, versuchten wichtige Institutionen des amerikanischen „national security state“ doch, ihn zu instrumentalisieren, indem sie darauf abzielten, mit seiner Hilfe, die USA im Kampf gegen die Sowjets zu mobilisieren. Vor diesem Hintergrund ist die „Good War“-Deutung auch ein wichtiges Erbe des Kalten Krieges. Und viertens untermauern die Umstände der (Re-)Produktion des „Good War“ in den langen 1950er-Jahren die Ergebnisse neuerer historischer Studien über diese Dekade in der amerikanischen Geschichte. Danach waren diese Jahre zwar an der Oberfläche eine Periode der inneramerikanischen Konformität und Homogenität. Darunter jedoch gab es zahlreiche Phänomene, die damals scheinbar allgemein akzeptierten Vorstellungen vom Wesen der amerikanischen Gesellschaft widersprachen.

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