Université d'Erfurt

„Wir finden täglich Stücke, die begeistern...“: Dr. Petra Weigel über Gothas Schätze und ihre Herausforderungen

Dr. Petra Weigel
Dr. Petra Weigel

Sie ist die Fachfrau für die Sammlung des Kartografischen Verlages Justus Perthes in Gotha. Jeden Tag arbeitet sie mit unzähligen Schätzen. Karten, auf die sich einst berühmte Forschungsreisende verließen, bevor sie auf Expeditionen in ferne Länder und Kontinente aufbrachen, Atlanten aus längst vergangenen Zeiten, Globen und Zeichnungen voller Liebe zum Detail. Und obwohl sie in all den Jahren, in denen sie jetzt in der Forschungsbibliothek Gotha der Universität Erfurt für die Sammlung Perthes zuständig ist, schon unglaublich viel gesehen hat, gibt es für Dr. Petra Weigel doch immer wieder Überraschungen. Fundstücke, die sie und ihre Kollegen staunen lassen. Weil sie nicht nur die Geografie, sondern auch Geschichte lebendig werden lassen.

Was macht Ihrer Meinung nach die Faszination aus, die von der Sammlung Perthes ausgeht?

Das Faszinierende an der Sammlung ist ihre Einzigartigkeit und zwar im mehrfachen Sinne. Es gibt im deutschsprachigen Raum kein zweites in diesem Umfang und in dieser Geschlossenheit überliefertes kartografisch-geografisches Verlagsarchiv. Selbst in Europa muss man lange schauen, bis man in der National Library of Scotland mit dem Archiv des kartografischen Verlages Bartholomew and Son ein Vergleichsbeispiel findet. Einzigartig ist die Sammlung aber auch im Ineinandergreifen ihrer Bestände. Denn sie entstand nicht aus Liebhaberei und Sammellaune, sondern aus verlegerischen, marktwirtschaftlichen Notwendigkeiten. Über zwei Jahrhunderte hinweg häufte man in Gotha einen gigantischen Bestand an Materialien aus aller Welt an, um die Welt in Karten darzustellen, die bis heute wegen ihrer Präzision und Ästhetik gerühmt werden und die unsere Vorstellungen vom kartografischen Antlitz der Erde bis heute prägen. Die Sammlung war ein Arbeitsinstrument.
Das bestimmt ihre Gestalt und die mit ihr verbundenen Herausforderungen bis heute. Es war das wichtigste Kapital des Verlages, das immer wieder vermehrt, aktualisiert und erneut ausgeschöpft wurde. Lässt man sich auf diese Eigenart der Sammlung ein, ergeben sich faszinierende Zusammenhänge und Einblicke – einerseits in die Praxis der Kartenherstellung von der Vermessung im Gelände, über den Entwurf am Schreibtisch des Kartografen und die Fertigung der Druckstöcke in Kupfer und Stein bis hin zur gedruckten Karte, andererseits in die Entstehung der Kartografie und Geografie als Leitwissenschaften des 19. und 20. Jahrhunderts und schließlich in die Endphase des Zeitalters der großen Entdeckungen, als man aufbrach, das Innere der nichteuropäischen Kontinente und die Pole zu erforschen, zu vermessen und zu kartieren. Hierbei war der Perthes Verlag einer der wirklich großen „Global Player“ und das macht seine Sammlungen heute so wertvoll und faszinierend.

Haben Sie ein persönliches Lieblingsstück?
Die inhaltliche Erschließung dieser großen Sammlung wird seit mehreren Jahren intensiv vorangetrieben und so finden wir nahezu täglich Stücke, die begeistern, weil sie mitten hinein in die Sammlung führen. Zutiefst berührend ist aber ein Stück, das man in einer kartografisch-geografischen Sammlung zunächst nicht erwartet: der Nachlass von Gottfried Perthes, der 1915 mit 22 Jahren im Ersten Weltkrieg fiel und die ihm damals schon zugedachten Aufgaben in der Leitung des Verlages nicht mehr erfüllen konnte. Er hat ein überaus charmantes OEuvre an Zeichnungen hinterlassen, in dem er liebevoll die Gesellschaft des fin de siècle karikiert, die er in seiner Münchner Lehrzeit kennengelernt hatte. Aber auch dieses Stück führt mitten in die Sammlung Perthes, die zugleich das Familien- und Firmenarchiv einer bedeutenden Verlegerfamilie des 19. und 20. Jahrhunderts ist.

In der Vergangenheit ist wiederholt der Vorwurf laut geworden, die Universität Erfurt lasse die ihr anvertrauten Gothaer Schätze brach liegen. Haben Sie Verständnis für diese Kritik?
2003, als die Sammlung vom Freistaat Thüringen erworben und der zur Universität Erfurt gehörenden Forschungsbibliothek übergeben wurde, waren ihre Bestände aufgrund ihres Erhaltungs- und Ordnungszustands nicht benutzbar. Die Sammlung war als verlagsinternes Arbeitsinstrument bis dahin niemals für eine öffentliche Benutzung zugänglich gewesen und konnte damit auch nicht den Anforderungen standhalten, die öffentliche Nutzung voraussetzt – konservatorische Betreuung, Ordnung, Erschließung über Findmittel. Innerhalb kürzester Zeit wurde deshalb ein Maßnahmenplan zur Bewahrung und Ersterschließung entwickelt und mit Mitteln der Universität, des Landes und Drittmittelgebern, allen voran die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die Kulturstiftung der Länder und die Deutsche Bundesstiftung Umwelt, finanziell und personell untersetzt. Diese zunächst auf  zehn Jahre angelegte Konzeption zielt auf die Erschließung der historischen Perthes-Bestände bis 1952/53. Sie wird in Teilprojekten seit 2005 realisiert, so dass heute bereits große Teile der Sammlung der Wissenschaft und der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung stehen. Vergleicht man diesen heute erreichten Stand der Benutzbarkeit, Zugänglichkeit und Präsentation mit den Ausgangsbedingungen 2003 fällt es schwer, diese Kritik nachzuvollziehen. Freilich, wir sind lange noch nicht am Ende der Arbeiten, aber über deren tägliche Fortschritte können sich alle an der Sammlung Interessierten jederzeit informieren – vor Ort bei Führungen, Gesprächen, Ausstellungen und Vorträgen, neuerdings aber auch von zu Hause über das Internetportal der Sammlung, das im Dezember 2010 an den Start gegangen ist.

Was war die größte Herausforderung für die Forschungsbibliothek, als sie die Sammlung übernommen hat?
Einerseits war da eine einzigartige, bis dahin nicht zugängliche Sammlung, deren Potenziale durchaus ein Begriff waren und die deshalb großes Interesse hervorrief. Andererseits war die Sammlung selbst wie ein unerforschter, nur in Ansätzen kartierter Kontinent mit zahllosen Hindernissen und Unwägbarkeiten. Zunächst war es der Umfang, der die bisherigen räumlichen und personellen Kapazitäten der Forschungsbibliothek völlig sprengte. Hinzu kamen massive Schmutz- und Staubbelastungen, gestörte Ordnungszusammenhänge, Papierzerfall und mechanische Schädigungen dieser Massenbestände. Herausforderung war ebenso die Verschiedenartigkeit der Materialien – neben Büchern enthält die Sammlung auch Karten und Archivalien, teilweise sogar Realien wie Druckplatten, historisches Mobiliar und Werkzeuge der Kartenproduktion, die heute für gewöhnlich in Museen aufbewahrt werden. Diese Materialien stellen einerseits unterschiedliche Anforderungen an Konservierung, Lagerung und inhaltliche Erschließung, sie müssen andererseits aber entsprechend der Spezifik der Sammlung Perthes als eng verzahntes Zusammenhangsmaterial behandelt werden.

Welche Hürden sind seither genommen?
Mit dem Maßnahmenplan liegt eine tragfähige Strategie zur Meisterung dieser Hürden vor. Alle Projekte, die bisher realisiert wurden, verknüpfen umfassende Maßnahmen der Bestandserhaltung, um die massiven Schädigungen der Bestände einzudämmen bzw. zu beseitigen, mit der Erstverzeichnung der Bestände in rechnergestützten Datenbanken und Online-Katalogen. Zentrale Teile der Sammlung, wie die Verlagsproduktion, die Verlagsbibliothek, die Kartensammlung und das Historische Archiv bis 1953, können deshalb im großen Umfang bereits genutzt und präsentiert werden. Um diese Hürden zu nehmen, musste man im Fall der Sammlung Perthes zudem besonders kreativ sein und sich kompetente Partner suchen. So wurden unter der Leitung des Spezialisten für Papierrestaurierung, Prof. Dr. Gerhard Banik, für den Massenpapierbestand der Kartensammlung ein innovatives Verfahren der maschinellen Trockenreinigung und in Zusammenarbeit mit der Abteilung Konservierung/ Restaurierung der Fachhochschule Erfurt ein Strahlverfahren zur Erhaltung der Kupferplatten entwickelt. Es wurde damit Grundlegendes geleistet, worauf in den vergangenen Jahren verstärkt die wissenschaftliche Erforschung der bereits zugänglichen Bestände, ihre Popularisierung und Präsentation aufbauen konnten. So wurden feste Veranstaltungsformen entwickelt, wie die „Gothaer Kartenwochen“ oder die Reihe „Perthes im Gespräch“. Außerdem ist in diesem Jahr in der Reihe Patrimonia der Kulturstiftung der Länder ein Buch zur Sammlung Perthes und darüber hinaus auch ein Kurzführer erschienen.

Welche Projekte sind denn noch geplant?
Auch die künftigen Projekte, die seitens der Bibliothek für die Sammlung Perthes entwickelt werden, sind Vorhaben, die die Bestände für ihre weitere inhaltliche Erforschung zugänglich machen. Fortgeführt werden bibliothekarische Erschließungsvorhaben wie die Einzelblattkatalogisierung der gereinigten und geordneten Kartensammlung in Online-Datenbanken und die Erarbeitung von rechnergestützten Findmitteln für das historische Perthes-Archiv. Zugleich plant die Forschungsbibliothek die Digitalisierung von Beständen, zunächst der vom Perthes Verlag herausgegebenen wichtigsten geografischen Zeitschrift des 19. und 20. Jahrhunderts – „Petermanns Geographische Mitteilungen“, deren gesamte Schriftleitung in der Sammlung überliefert ist.

Wenn Sie im Zusammenhang mit der Sammlung Perthes drei Wünsche frei hätten, welche wären das?
Alle meine Wünsche würden darum kreisen, die Potenziale der Sammlung stärker ausschöpfen zu können. Jenseits aller materiellen und personellen Voraussetzungen, die das braucht, wünschte ich mir fächerübergreifende Forschungsvorhaben, die dieses einmalige Archiv der Erforschung und Entdeckung der Erde erschließen und die dabei entstandenen Kulturtechniken und -praktiken erforschen. Meine Wünsche gingen zugleich dahin, diese Forschung wiederum für die Sammlung und deren Wahrnehmung in der Öffentlichkeit fruchtbar zu machen, z.B. in Form einer dauerhaften Präsentation, die die Sammlung nicht für alle Zeit stilllegt, sondern die in ihr überlieferten Zeugnisse immer wieder neu befragt und deutet. Natürlich ist dies alles nur machbar, wenn die Sanierung einen gesicherten Unterbringungs- und Präsentationsort hat, heißt: die Sanierung des Perthes-Forums, in dem künftig die Sammlung untergebracht wird, schnellstmöglich realisiert wird.

Mit Dr. Petra Weigel sprach Carmen Voigt.

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