Université d'Erfurt

Guerillakommunikation als politische Konfliktform: Über Abweichungen von Regeln und Normen

Dr. Hagen Schölzel

Abweichungen von Regeln und Normen interessieren Dr. Hagen Schölzel. Er hat sich lange mit diesem Thema beschäftigt und es zum Inhalt seiner Doktorarbeit gemacht. Daraus entstanden ist das Buch "Guerillakommunikation. Genealogie einer politischen Konfliktform". Es ist sein erstes Buch und die überarbeitete Version seiner Promotion, die er 2011 an der Uni Leipzig abgeschlossen hat. Seit September 2014 arbeitet er als Sozialwissenschaftler an der Universität Erfurt. Ein Gespräch über seine Forschungsarbeit und eine Annäherung an den Begriff der Guerillakommunikation…

Herr Schölzel, wie sind Sie auf das Thema "Guerillakommunikation" gekommen?

Ich bin über die Metapher der Guerilla auf das Thema gekommen. Ich fand diese Metapher interessant, die mir immer wieder in den Medien in unterschiedlichen Kontexten aufgefallen ist, nicht unbedingt in der Wissenschaft.

Wenn man das Buch in einem Satz zusammenfassen müsste, wie würden Sie es tun?

Der Verlag hat sich da folgenden Werbespruch ausgedacht: Kommunikation für Guerilleros – der Band schreibt eine anschauliche politische Ideengeschichte der Guerillakommunikation zwischen militärischem Denken, künstlerischen Avantgarden und kommunikativen Konflikten.

Geben Sie uns doch bitte einen kleinen Einblick in Ihre Arbeit.

Bei meiner Recherche bin ich darauf gestoßen, dass bestimmte Formen öffentlicher Kommunikation mit der Guerilla-Metapher beschrieben werden, die einen Bezug zu militär-theoretischen Schriften herstellt. Ganz allgemein wird öffentliche Kommunikation sehr oft mit militärischen Begriffen beschrieben, zum Beispiel als strategische Kommunikation, als Kampagne, d. h. als Feldzug, oder auch als Kampf um die öffentliche Meinung. Und wenn man Praxisleitfäden oder Ratgeberliteratur beschäftigt, findet man auch immer Verweise auf Militärtheorien, beispielsweise von Sun Tsu aus China, von Clausewitz bei den Preußen, oder von Machiavelli. Aber auch zeitgenössische Leitfäden für die Ausbildung von Soldaten werden herangezogen, um Inspiration zu bekommen für die Frage "Wie kann man Kommunikationskampagnen durchführen?" Man holt sich die Anregungen direkt aus der Militärtheorie. Mit der Guerilla-Metapher ist für mich sichtbar geworden, dass man sich nur aus einem bestimmten Teil der Militärtheorien bedient, dort wo die klassischen Theoretiker auftauchen, und in erster Linie nicht bei den Theoretikern des Guerilla-Krieges. Also nicht bei Mao Tse-Tung und Che Guevara. Das war einer meiner Ansatzpunkte, mich mit diesem Thema zu beschäftigen. Der erste Teil des Buches beschäftigt sich mit dem militärischen Denken und der Frage was man mit der Guerilla-Metapher machen kann.

Wie wird die Metapher der Guerilla heutzutage verwendet?

Die Guerilla-Metapher gibt es heute in zwei völlig unterschiedlichen Kontexten. Einmal im Guerilla-Marketing, wo es letztlich um Werbung geht, also "wie verkaufe ich Sachen?" – da wird die Metapher gebraucht, um kreative Formen der Kommunikation zu beschreiben. Auf der anderen Seite gibt es Formen der politischen Kritik, oder des politischen Protestes, die auch mit dieser Metapher arbeiten. Das heißt dann nicht Guerilla-Marketing, sondern Kommunikationsguerilla. Das war eine politische Bewegung in den 90er-Jahren, die auch versucht hat, mit kreativen Vorgehensweisen Aufmerksamkeit zu erregen, aber eigentlich mit einem komplett gegenteiligen Ziel. Die einen nutzen im Marketingbereich solche Formen des Guerillamarketings, dort wird kreative Werbung angewandt. Teilweise passiert das auch in großen Unternehmen. Die anderen versuchen mit kreativen Mitteln Irritation in der Öffentlichkeit zu erzeugen, um für ihre politischen Anliegen Aufmerksamkeit zu erregen. Ich fand es spannend, dass zwei gegensätzliche Vorgehensweisen mit genau der gleichen Metaphorik arbeiten. Das hat mich dazu gebracht, die Fragen zu stellen "Wo kommt das eigentlich her? Und was steckt  für ein Denken dahinter?" Neben dem militärischen Denken spielen künstlerische Formen eine Rolle in der Guerillakommunikation. Es geht ja nicht um Krieg, sondern um Formen des symbolischen Konflikts. Anregungen dazu sucht man vor allem bei verschiedenen künstlerischen Avantgardebewegungen des 20. Jahrhunderts, die vielfach auch schon kreatives Selbstmarketing betrieben haben und die in ihrer Zeit zum Teil auch als Formen des kreativen politischen Aktivismus entstanden sind. Ich selbst habe das Thema aus einer Perspektive der politischen Soziologie betrachtet.

Die Zeit der Guerillakommunikation geht vielleicht schon zu Ende [...]

Cover Guerillakommunikation

Wie würden Sie als Experte denn nun den Begriff definieren? Was bedeutet Guerillakommunikation?

Im Buch behaupte ich, dass mit Guerillakommunikation Formen von Kommunikation gemeint sind, die von einer bestimmten Regelmäßigkeit abweichen. Es geht darum, Irritation zu erzeugen. Somit entzieht sich der Begriff einer klaren Definition, weil man diese Formen des Abweichens nur negativ bestimmen kann. Immer wenn man anfängt, Guerillakommunikation zu definieren und damit zu standardisieren, ist es keine Abweichung mehr, sondern normal. Mit der Guerilla-Form ist eine ganz bestimmte Abweichung gemeint, nämlich von einer Form, die man auf der anderen Seite als die Kampagnenform von Kommunikation bezeichnen kann. Nicht jede Abweichung ist automatisch eine Guerilla-Form, es kommt darauf an, worauf sich die Abweichung bezieht. Die Zeit der Guerillakommunikation geht vielleicht schon zu Ende, so wie auch Kampagnenformen heute nicht mehr der neueste Schrei sind. Wenn es darum geht, Menschen mit Mitteln der Kommunikation zu einem bestimmten Verhalten zu bewegen, entwickeln sich gerade andere Formen, die keine typischen Kampagnenformen mehr sind. Ich habe den Eindruck, dass aus diesem Grund die Metapher der Guerilla langsam verschwindet und stattdessen neue Metaphern aufkommen, wie man abweichende Formen bezeichnen kann.

Welche Beispiele aus den Medien lassen sich mit Guerillakommunikation verbinden?

Die kreativsten und am nachhaltigsten agierenden Kommunikationsguerilleros sind die sogenannten "Yes Men", eine Gruppe aus Amerika, die im globalisierungskritischen Kontext unterwegs ist. Die haben zum Beispiel einen Wahlkampf von Georg W. Bush aufs Korn genommen, indem sie eine gefälschte Internetseite ins Netz gestellt und damit in seine Kampagne eingegriffen haben. Mit ihren Interventionen gegen die Welthandelsorganisation (WHO) sind sie am bekanntesten geworden. Das begann auch mit einer Website, später sind sie aufgrund von Verwechslungen zu Tagungen eingeladen worden, als vermeintliche Vertreter der WTO und haben absurde Vorträge gehalten. Inzwischen haben sie ein paar Filme über ihre eigenen Aktionen gemacht, die sogar schon auf der Berlinale gelaufen sind. Im globalisierungskritischen Lager der Kommunikationsguerilleros sind die "Yes Men" sehr bekannt. Ein sehr prominentes Beispiel aus den Medien ist die Band "Pussy Riot", die mit aggressiven Formen und mit Formen des Regelbruchs und der Abweichung von Normen gearbeitet hat, um für ihre Anliegen Aufmerksamkeit zu erregen. "Pussy Riot" haben in Kirchen Gotteslästerung betrieben und haben gegen Putin agitiert. Dafür sind sie auch ins Gefängnis gewandert. Sie machen im Grunde etwas, das vor 100 Jahren am Ende des Ersten Weltkriegs schon die Dada-Bewegung in Berlin gemacht hat. Deren Vertreter haben damals auch schon in Kirchen Gottesdienste gestört und haben versucht, das politische Establishment und politische Versammlungen lächerlich zu machen. Ähnliche Geschichten gibt es seitdem immer wieder.

Wie ging es weiter nach Ihrer Promotion und der Veröffentlichung des Buches?

Es ist ein dickes Buch geworden, in dem es noch nicht einmal eine Definition gibt. Entsprechend gibt es viele offene Enden. Ich habe mich weiterhin mit Dingen beschäftigt, die in dem Buch angedeutet sind. In den vergangenen Jahren habe ich nichts völlig anderes gemacht, sondern an meine Forschung angeschlossen. Nach meiner Dissertation 2011 war ich in Helsingborg in Schweden an einer Zweigstelle der Uni Lund an einem Forschungsprojekt beschäftigt. Zwischendurch bin ich mit einem Stipendium an weiteren Universitäten gewesen – in Wien, in Rotterdam und nochmal in Schweden. Wahrscheinlich werde ich irgendwann meine Habilitation angehen. Schließlich fühle ich mich in der Wissenschaft wohl.

Sie sind seit vergangenem Herbst an der Universität Erfurt beschäftigt. Wie sind Sie hier gelandet?

Ich habe schon seit April 2013 Lehraufträge an der Uni übernommen und Seminare gegeben. Im Frühjahr 2014 habe ich mich dann auf eine Ausschreibung beworben und meine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter für Soziologie im September angetreten. Ich bin hier sehr gut angekommen und schätze die kleine Uni, die angenehme Atmosphäre und den interdisziplinärer Charakter der Staatswissenschaftlichen Fakultät. Auch von den Studierenden bin ich positiv überrascht. Der Fachbereich zieht überregional Studierende an. Ich mache ja hauptsächlich Lehre, und in den Seminaren sind die Gruppengrößen überschaubar, dadurch ist auch die Lehre entspannter als an anderen Hochschulen.

Und was machen Sie, wenn Sie gerade nicht auf dem Campus unterwegs sind?

Ich interessiere mich für Sport, Kunst und Kultur. Häufig bin ich noch in meiner Heimatstadt Leipzig, denn dort wohnen viele Freunde und meine Familie. Meine eigene kleine Familie habe ich aber jetzt auch in Erfurt. Ich bin nämlich im Januar Vater eines Sohns geworden. Jetzt genieße ich eine spannende Zeit zu Hause und für den Herbst dieses Jahres plane ich selbst Elternzeit.

Menu de navigation

Outils

Connexion et changer la langue