Université d'Erfurt

Im "Global Classroom" durch die Geschichte: Wissenschaftler aus Erfurt und Philadelphia entwickeln gemeinsam ein virtuelles Museum

Traces Screenshot

Zwei Jahre lang haben Forscherinnen und Forscher der Universität Erfurt und des Bryn Mawr Colleges in Philadelphia an dem Projekt „Traces of Mind Control from Cold War America“ gearbeitet. Darin haben sie verschiedene Bereiche der US-Gesellschaft zur Zeit des Kalten Krieges auf „Spuren“ von Gehirnwäsche und Gedankenkontrolle untersucht. Ihre Forschungsergebnisse stellen sie nun im Internet als virtuelles Museum der Öffentlichkeit zur Verfügung.

Bereits die Startseite macht neugierig. Ein Querschnitt des menschlichen Gehirns und eine klare Anweisung: Führe die Maus über das Gehirn, um zwischen den „traces“ – also Spuren – zu navigieren. Der Anweisung folgend, erschließen sich den Website-Besuchern jene acht Spuren, die von dem deutsch-amerikanischen Forscherteam untersucht wurden: Experimentieren, Predigen, Reformieren, Lehren, Sex, Gehirnwäsche, Behandeln, Verkaufen. Vom geschichtsaffinen Internetnutzer bis zum internetbegeisterten Geschichtsinteressenten kann hier jeder erfahren, wie das Experimentieren mit psychedelischen Drogen von der US-Armee für Gehirnwäsche benutzt wurde, wie Prediger in den Medien kommunistische Tendenzen verurteilten oder wie das amerikanische Kino anti-kommunistische Stimmung verbreitete – „ein tolles Stück public history“, schwärmt Jürgen Martschukat, Professor für Nordamerikanische Geschichte an der Universität Erfurt und Mitinitiator des Projekts, aber auch ein langer, lehr- und kompromissreicher Weg bis hierher.

Bereits im Sommer 2011, als Sharon Ullman vom Bryn Mawr College als Mercator-Professorin an der Universität Erfurt lehrte, begann die Arbeit an dem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt. Am Anfang stand die Idee, eine Online-Quellensammlung zum Kalten Krieg mit einer Suchfunktion zu erarbeiten. „Nach den ersten gemeinsamen Sitzungen war jedoch allen ziemlich schnell klar: Wir wollen mehr als das. Wir wollen mittels eines virtuellen Museums eine Geschichte erzählen“, erinnert sich Martschukat. Auch die Idee, dieses Museum in ein Gehirn zu verpacken, über dessen Areale navigiert werden kann, war schnell geboren. Nachdem die Arbeitsgruppe ein erstes Konzept erstellt hatte und durch intensive Recherche die Materialien zusammengesucht waren, fehlte zunächst jedoch die Möglichkeit, die Ergebnisse auch technisch abzubilden. Prof. Sharon Ullman nahm das Projekt deshalb mit nach Philadelphia. Dort begann sie, das virtuelle Museum mit einem Webdesigner zu realisieren. Mit den Projektbeteiligten in Erfurt blieb sie dabei in ständigem Kontakt und Austausch. Denn bei der Aufarbeitung der wissenschaftlich erforschten Ergebnisse für eine breite Öffentlichkeit mussten sich die Historikerinnen und Historiker ganz neuen Fragen stellen. „Inhaltlich mussten wir sehr viele Kompromisse eingehen, was für einige Projektbeteiligte zunächst unbefriedigend war“, erinnert sich Martschukat. „Viele Rechercheergebnisse konnten nicht abgebildet werden, Inhalte haben sich verändert oder die Darstellung gefiel nicht. Aber es war Teil des Projekts, dass wir uns intensiv mit der Frage beschäftigen, wie sehr Form und Inhalt in Wechselwirkung stehen.“

Diese Fragestellung war auch zentrales Thema des letzten Zusammentreffens der gesamten Projektgruppe: Im März 2013 flogen die Erfurter Wissenschaftler Nina Mackert, Olaf Stieglitz, Robert Fischer, Jan Taubitz, Jürgen Martschukat und die Studentin Nadya Arzouni für einen Workshop nach Philadelphia. Dort wurde die Website zum ersten Mal allen vorgestellt und konstruktiv darüber diskutiert. „Hier kamen beide Seiten zusammen – Technik und Inhalt. Es war ein wirklich produktiver Austausch, bei dem der Feinschliff der Seite erfolgte und wir noch sehr viele Querverweise eingebaut haben“, sagt Martschukat.

Jetzt ist die Seite für die weltweite Öffentlichkeit zugänglich. Über die Funktion des virtuellen Museums hinaus soll sie aber auch für die Lehre an der Universität Erfurt genutzt werden. „Die Seite wird sich einerseits im Umgang mit Studierenden erproben und andererseits im Sinne eines global campus fungieren“, sagt Martschukat. In diesem Sinne soll das virtuelle Museum die Grundlage für ein virtuelles Seminar über nordamerikanische Geschichte bilden, das die Universität Erfurt und das Bryn Mawr College voraussichtlich 2014 gemeinsam ausrichten. Dabei werden zunächst in nicht-virtuellen Seminarterminen die Themen an den jeweiligen Hochschulen besprochen. „Gerade für die Erfurter Studierenden ist das sehr wichtig“, weiß der Erfurter Professor. „Sie sind ja was juristische Besonderheiten der USA oder landesspezifisches Hintergrundwissen angeht, aber auch sprachlich im Nachteil. Da müssen wir erst einmal auf einen Stand mit den amerikanischen Kommilitonen kommen.“ Zu einigen Terminen soll dann ein gemeinsames Tele-Seminar stattfinden, bei dem die Studierenden aus Philadelphia zugeschaltet werden. Ermöglicht wird dieser global campus durch ein Videokonferenzsystem, über das die Universität Erfurt verfügt. Darüber hinaus soll ein weiterer virtueller Kommunikationsraum eingerichtet werden, in dem sich die Studierenden beider Länder ohne feste Terminierung verabreden, diskutieren und austauschen können.

Die Universität Erfurt folgt damit einem weltweiten Trend: Im Seminarbetrieb von Hochschulen und auch in den USA zeichnet sich die Tendenz zum global classroom ab. Studierende und Professoren weltweit sind begeistert, sich auf diese Weise mit ihren Kollegen und Kommilitonen wissenschaftlich austauschen zu können. Für das virtuelle Museum wird es zunächst eine Bewährungsprobe sein, für die Universität Erfurt ist es die Chance, sich noch mehr in der Welt zu vernetzen und auch über Philadelphia hinaus Bekanntheit zu erlangen.

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