Université d'Erfurt

"Inklusion darf nicht als Sparmodell verstanden werden!"

Der Verband Bildung und Erziehung e.V. hat deutschlandweit über 1.000 Lehrerinnen und Lehrer zur Inklusion in Schulen befragt – mit zum Teil ernüchternder Bilanz. Wir haben Prof. Dr. Stephan Sallat, Juniorprofessor für Pädagogik des Spracherwerbs unter besonderen Bedingungen an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Erfurt gefragt: Droht der Ansatz, behinderte und nicht-behinderte Kinder gemeinsam zu unterrichten, zu scheitern, Prof. Dr. Sallat?

"Ich glaube nicht, dass der Ansatz behinderte und nicht-behinderte Kinder gemeinsam zu unterrichten scheitert oder bereits gescheitert ist. Die Ergebnisse der Umfrage machen aber deutlich, was für eine große Herausforderung mit dem Anspruch der Realisierung eines inklusiven Bildungssystems verbunden ist. Auf Seiten der Politik wurden zum Teil in vorschnellem Aktionismus bestehende Systeme (Sonderschulen, heilpädagogische Kindertagesstätten) aufgelöst, ohne adäquate Folgelösungen mit einer vergleichbaren Versorgungsqualität umzusetzen. Dadurch kommt es vielerorts zu Unzufriedenheit, zu Überforderungsgefühlen und Ängsten. Ein inklusives Bildungssystem ist nicht einfach mit der Auflösung von Sonderschulen und einer Beschulung behinderter Kinder an der wohnortnahen Schule eingelöst. Die Aufgaben und Herausforderungen sind sehr vielfältig. Sie betreffen Aspekte der Schulentwicklung, neue Aufgaben für die Lehrer, die Ausstattung der Schulen mit Materialien und Personal ebenso wie ggf. bauliche Maßnahmen an den Schulen. Um die Situation und Probleme etwas zu verdeutlichen, möchte ich auf einige Teilaspekte näher eingehen.

Ein bedeutsamer Punkt ist, dass es DAS BEHINDERTE KIND nicht gibt. Wir unterscheiden unterschiedliche sonderpädagogische Förderbedarfe, die jeweils andere Behinderungen als Ursache haben und verschiedene Auswirkungen auf Lernprozesse (Beschränkungen) zeigen. Nicht jede Behinderung ist automatisch mit einem sonderpädagogischen Förderbedarf verbunden. Nur, wenn infolge der Behinderung das Lernen und der Wissenserwerb beeinträchtigt sind, haben die Kinder Anspruch auf Hilfen durch speziell ausgebildete Sonderpädagogen. Bis vor einigen Jahren wurden diese Hilfen vorrangig an spezialisierten Sonderschulen umgesetzt. Unterschieden wird sonderpädagogischer Förderbedarf in die Förderschwerpunkte Lernen (früher Lernbehinderung), geistige Entwicklung (früher geistige Behinderung), körperlich-motorische Entwicklung (früher Körperbehinderung), Sprache und Kommunikation (früher Sprachbehinderung / Sprachheilschule), emotional-soziale Entwicklung (früher Verhaltensgestörte) sowie die Wahrnehmungsbereiche Sehen, Hören. In dieser Aufzählung wird deutlich, wie unterschiedlich die Förderbedarfe von Kindern sein können, sie sind zudem vom Alter der Kinder beeinflusst. Die Beschränkungen im Lernen sind auch nicht in jedem Unterrichtsfach gleich und einige Kinder benötigen die Hilfen nur vorübergehend. Beispielsweise benötigt ein Kind mit einer körperlich motorischen Beeinträchtigung vielleicht elektronische computergestützte Hilfen zur Kommunikation oder zum Schreiben, kann aber mit diesen Hilfsmitteln im Unterricht weitestgehend selbstständig arbeiten. Im Gegensatz dazu benötigt ein Kind mit der Sprachstörung Dysgrammatismus in jeder Unterrichtsstunde extra aufbereitete Arbeitsblätter und Lesetexte, die grammatikalisch nicht zu komplex sind. Auch muss der Lehrer bei diesen Kindern in jeder Stunde darauf achten, dass er in einfachen Sätzen (z.B. ohne eingeschobene Nebensätze) spricht, was er bei blinden Schülern nicht machen müsste. Ein letzter Punkt für diesen Bereich ist die Tatsache, dass Kinder mit den Förderschwerpunkten geistige Entwicklung und Lernen nach einem extra Lehrplan unterrichtet werden. Dadurch erreichen sie zum Ende der 8. oder 10. Klasse keinen weiterführenden Schulabschluss, währenddessen Schüler in den anderen Förderschwerpunkten (Sprache, Hören, Sehen, Emotional-Soziale Entwicklung, körperlich-motorische Entwicklung) nach dem gleichen Lehrplan wie alle anderen Schüler unterrichtet werden, nur dass der Unterrichtsstoff spezifisch für sie aufbereitet werden muss und sie an der Förderschule in kleineren Klassen lernen. Damit können die Aufgaben, die auf eine inklusive Schule und ihre Lehrer zukommen, sehr unterschiedlich sein. Sie verlangen die Kooperation und Zusammenarbeit der Grund- und Regelschullehrer mit Sonder- oder Förderpädagogen.

Sonderschulen werden in der aktuellen Diskussion häufig negativ dargestellt, da sie mit der Exklusion (Aussonderung) der betroffenen Schüler verbunden sind. In der Zeit des Nationalsozialismus hat diese Aussonderung bis hin zu Euthanasie geführt. Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass die Schüler aus ihrem Umfeld herausgerissen werden und zum Teil weite Fahrtwege haben. Ebenso erreichen die Schüler in den Förderschwerpunkten Lernen und geistige Entwicklung keine weiterführenden Schulabschlüsse mit möglichen Folgen für die weitere gesellschaftliche Teilhabe. Es gibt auch Befürchtungen, dass der Vermerk "Zeugnis der Sonder- oder Förderschule" zu Problemen in Berufsausbildung und Beruf führen kann. Auf der anderen Seite haben sich Sonderschulen über viele Jahre auf die Arbeit mit bestimmten Förderbedarfen spezialisiert (Die älteste staatliche Schule für Hörgeschädigte der Welt wurde 1778 in Leipzig gegründet. Die älteste deutsche Sprachheilschule in Halle/Saale ist mehr als 100 Jahre alt.). Diese Schulen und ihre Lehrer haben sich auf die notwendigen Unterrichtsmethoden, auf Diagnostik, Beratung, Einzelförderung und die Arbeit mit ausgewählten Störungsbildern ausgerichtet. Somit bilden diese Einrichtungen (Sonderschulen / Förderzentren) eigenständige Netzwerke, in denen vielfaltige fachliche Expertise an einem Ort verfügbar ist. Zudem kooperieren sie bei bestimmten Aufgaben mit weiteren externen Experten, zum Beispiel für Differentialdiagnostik (Medizin, Psychologie), Bildungsberatung (Regelschule, Bildungsadministration), Einzelfallhilfe (Sozialamt, weitere Kostenträger), externe Therapie (Logopädie, Physiotherapie) oder im Rahmen der Berufsberatung (Berufsbildungswerke, Arbeitsagentur, Rehabilitationsträger). Dieses Wissen um die richtigen Ansprechpartner, Vorgehensweisen, Richtlinien etc. steht inklusiven Schulen nicht in gleichem Maß zur Verfügung, sie benötigen hier Unterstützung. Im inklusiven Bildungssystem müssen neue Netzwerke die fehlende Expertisekonzentration einer Förderschule auffangen, um unabhängig vom Ort in der gleichen Qualität die Förderung und Begleitung von Kindern im Unterricht sicherzustellen. Das klappt regional unterschiedlich gut. Dort wo es nicht gelingt, sind sowohl die Lehrer der Grund- und Regelschulen, als auch die Sonderpädagogen sehr unzufrieden, da sie merken, dass sie nicht alle Schüler bestmöglich fördern können. Hier ist noch ein weiter Weg zu gehen. Auf der anderen Seite gibt es viele Schulen, die sehr erfolgreich als inklusive Schule arbeiten und entsprechende Netzwerke etabliert haben.

Ein weiterer Punkt ist die Akzeptanz von Heterogenität. Das deutsche Schulsystem war seit seiner Entstehung vor allem darauf ausgelegt, möglichst homogene Lerngruppen zu realisieren. Kinder, die zu gut waren, gingen auf das Gymnasium, Kinder, die zu schlecht waren, gingen an die Sonderschule. Zusätzlich wurden in bestimmten Fächern und Grund- und Leistungskurse unterschieden. Das haben wir als Schüler bereits so erlebt, auch unsere Eltern. Demzufolge lag es nahe, dass Lehrer im Zweifel schnell entscheiden konnten, in welche Gruppe ein Kind gehört. Sie wurden damit aber auch aus der Pflicht genommen, die Lernangebote den Kindern individuell anzupassen. Inzwischen weiß man, dass auch diese Gruppen nicht homogen in ihren Leistungen sind. In jeder Gruppe zeigen sich Unterschiede zwischen den Schülern, auf die der Lehrer im Unterricht gezielt eingehen muss. Alle Klassen sind heterogen, daher stellt sich die berechtigte Frage: Macht es dann überhaupt Sinn, Schüler auszusondern? Es gibt inzwischen viele Hinweise, dass der gemeinsame Unterricht in heterogenen Klassen (also ohne die Aussonderung der guten Schüler oder von Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf) positive Effekte zeigt. Vor allem Kinder mit Lernschwierigkeiten profitieren vom gemeinsamen Lernen. Etwa die Hälfte dieser Schüler schaffte in Schulversuchen einen normalen Schulabschluss. Auch auf den Seiten der Schüler ohne Förderbedarf zeigen sich Hinweise auf verbesserte soziale Kompetenzen. Die Schulleistungen dieser Schüler wurden nicht schlechter. Doch in der Umsetzung von gemeinsamen Unterricht gibt es große Unterschiede. In Schulversuchen wurde häufig ein Zweilehrersystem umgesetzt. Dabei plante ein Grund- oder Regelschullehrer den Unterricht für die Klasse oder Klassenstufe gemeinsam mit einem für den Förderbedarf der Kinder in dieser Klasse ausgebildeten Sonderpädagogen. In der Arbeit mit den Schülern erkennen die Schüler häufig nicht mehr, wer für die Schüler mit Förderbedarf zuständig ist. Dies wäre ein Idealzustand. In der aktuellen inklusiven Realität ist der Sonderpädagoge aber zum Teil nur stundenweise den Schulen zugewiesen und muss oft mehrere Kinder mit Förderbedarf an verschiedenen Schulen betreuen. Dadurch hat er eher eine beratende Funktion und kann den Kindern häufig nur in einer Einzelförderstunde helfen. Der Grund- und Regelschulpädagoge ist dadurch aber in den Stunden allein für die Klasse zuständig und muss eine Heterogenität in der Unterrichtsplanung und in der Durchführung von Unterricht berücksichtigen, für die er nicht ausgebildet wurde. Möglicherweise ist aber auch der Sonderpädagoge nicht für alle Förderbedarfe, die er an der zugewiesenen Schule zu betreuen hat, ausgebildet. Dies sorgt, wie es auch die Umfrage gezeigt hat, zu Gefühlen der Überlastung und Frustration auf Seiten der Lehrer, aber auch bei den Eltern aller Kinder. Inklusion darf nicht als Sparmodell verstanden werden.  

Ein großes Problem, dass oben schon angeklungen ist, ist das Etiketten-Ressourcen-Dilemma. Man muss ein Kind erst als "behindert" oder als "Kind mit sonderpädagogischem Förderbedarf" diagnostizieren und etikettieren, um sonderpädagogische Hilfen zu bekommen. Diese Etikettierung ist schwierig, da sie in Klassen / Schulen und der Gesellschaft zu Aussonderung führen kann. Daher wird in einigen Bundesländern in den ersten Schulklassen kein sonderpädagogischer Förderbedarf mehr diagnostiziert. Auf der anderen Seite gibt es Kinder, die gerade im Anfangsunterricht (Lesen und Schreiben lernen) sehr intensive sonderpädagogische Hilfe brauchen (z.B. Kinder mit Förderbedarf Sprache). Auch die Lehrer dieser Schüler fühlen sich dann allein gelassen. Hier sollte sensibler differenziert werden. Besorgniserregend ist, dass es in  meiner Wahrnehmung vermehrt aktuelle Stimmen aus Sonderschulen gibt, die berichten, dass in den höheren Klassen (ab Klasse 5-7) viele Kinder aus den inklusiven Schulen zu ihnen an die Sonderschule kommen, die bei einer rechtzeitigen individuellen Förderung wahrscheinlich nie an eine Sonderschule hätten kommen müssen. Wenn sie aber nun kommen, haben sich neben Problemen im Lernen auch Probleme in Bezug auf Frustrationstoleranz, Verhalten, Konzentration, Selbstkonzept etc. eingestellt. Hier müssen die Mechanismen für Diagnostik, Beratung und frühzeitige Hilfen noch besser werden. Die pauschale Entscheidung, sonderpädagogischen Förderbedarf bei allen Kindern erst ab Klasse 3 oder überhaupt nicht mehr festzustellen sehe ich sehr kritisch. Gezielte Hilfe setzt immer eine differenzierte Förderdiagnostik und Förderplanung voraus.

Man könnte zu dieser Thematik noch weitere Punkte wie Differenzierung, Schulentwicklung und Leistungsbewertung nennen. Ich möchte aber mit einem aktuellen Projekt (2016-2019) an der Universität Erfurt schließen. Im Rahmen der Qualitätsoffensive Lehrerbildung hat die Universität Erfurt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) Mittel für das "Kompetenz- und Entwicklungszentrum für Inklusion in der Lehrerbildung" bekommen. Das Ziel dieses Zentrums ist die Vorbereitung von Grund- und Regelschullehrern auf die inklusive Schulpraxis. In Fachdidaktikseminaren, aber auch in Veranstaltungen zu Schulentwicklung und Klassenmanagement wird der Umgang mit Heterogenität und sonderpädagogischem Förderbedarf thematisiert und Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt. Ein wichtiger Punkt ist zudem die Sensibilisierung der angehenden Lehrer für interdisziplinäre Kooperation und Zusammenarbeit. Hierfür werden beispielsweise auch gemeinsame Seminare der Grund- und Regelschulstudierenden mit Studierenden der Sonderpädagogik angeboten. Dadurch sollen schon im Studium die Grundlagen für eine erfolgreiche inklusive Schulpraxis gelegt werden."

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