Université d'Erfurt

Ein Plädoyer für integrative und internationale Kitas?: KiT-Nachwuchsforscher der Uni Erfurt veröffentlichen neue Studie

Dr. David Buttelmann
Dr. David Buttelmann

Was haben Regenwürmer, verrostete Dosen, verschimmeltes Brot, Hundekot oder alte Zigarettenstummel gemeinsam? Nichts davon will man unbedingt anfassen oder gar besitzen. Jedenfalls sind sie irgendwie eklig und selbst sechs- und achtjährige Kinder – gemeinhin noch etwas weniger vom Leben geprägt als Erwachsene – sind sich dieser negativen Bedeutung bewusst. Gerade deshalb eigneten sich diese Dinge für David Buttelmann von der Nachwuchsforschungsgruppe "Kleinkindforschung in Thüringen" der Universität Erfurt und Robert Böhm, ehemaliger Post-Doc-Stipendiat der Uni Erfurt und nun Juniorprofessor an der RWTH Aachen, ideal, um mit ihnen eine Studie zur sogenannte "Eigengruppenpräferenz" von Kindern durchzuführen. Mit einem Ergebnis, das sich wie ein Plädoyer für integrative und internationale Kitas lesen lässt…

Forschungssituation im Labor der Kleinkindforschung in Thüringen

"Eigengruppenpräferenz bedeutet, dass ich die Gruppe, der ich mich zugehörig fühle, in bestimmten Aspekten bevorzuge und dass ich mit dieser Gruppe bewusst oder unbewusst auch eher positive Attribute wie ‚zuverlässig’ assoziiere", erklärt David Buttelmann. "Den sogenannten Fremdgruppen schreibt man dagegen eher negative Eigenschaften zu, zum Beispiel ‚misstrauisch’." Studien zeigten, dass bereits Säuglinge diese Eigengruppenpräferenz aufweisen: Sie schauen beispielsweise länger zu jemandem, der die eigene Sprache spricht, erkennen also "Das habe ich schon einmal gehört, der gehört zu mir". Andere Studien zeigten, dass 14 Monate alte Kinder eher Gesten von Erwachsenen imitieren, die ihnen zuvor eine Geschichte in ihrer Sprache vorgetragen haben, als von denen, die in einer fremden Sprache gesprochen haben. Eigengruppenpräferenz entsteht also relativ früh in der Entwicklung sobald wir zwischen dem, was wir kennen, und dem, was uns fremd ist, unterscheiden können. "Diesem psychologischen Phänomen können zwei entgegengesetzte Motivationen zugrunde liegen: Zum einen die Eigengruppenaufwertung, also dass es wichtig ist, wie es der eigenen Gruppe geht. Zum anderen die Fremdgruppenabwertung, bei der die eigene Gruppe weniger wichtig ist, Hauptsache der Fremdgruppe geht es schlecht." Buttelmann und Böhm wollten genau diese Motivationen näher erforschen und herausfinden, in welchem Alter sie sich entwickeln und ob sich vielleicht mit dem Schuleintrittsalter etwas daran ändert.

Die beiden Psychologen und ihr Forschungsteam luden Gruppen von sechs- und achtjährigen Kindern in das Laboratorium für experimentelle Wirtschaftsforschung auf dem Campus der Universität Erfurt ein, verpackten ihr Forschungsvorhaben in ein Computerspiel und testeten so, wie die zuvor in Gruppen aufgeteilten Kinder Bilder positiv und negativ assoziierter Gegenstände verteilten. "Da wir nicht wussten, welche Erfahrungen die Kinder schon mit Hautfarbe, Sprache oder Ähnlichem gemacht haben, bildeten wir durch ein Losverfahren zwei künstliche Gruppen, nämlich eine gelbe und eine grüne", erklärt Buttelmann. "Die Kinder haben ein entsprechend farbiges T-Shirt bekommen. Im Untersuchungsraum war die eine Wand gelb geschmückt, dort saßen dann alle Mitglieder der gelben Gruppe. Und gegenüber saßen die Grünen vor einer grün geschmückten Wand. Außerdem gab es zwei Puppen, Jupp und Lasse, die auch ein farbiges T-Shirt trugen. Die begrüßten die Kinder und betonten ihre Gruppenzugehörigkeit mit Sätzen wie ,Hey cool, du bist ja auch in der grünen Gruppe‘." Anschließend begaben sich die Kinder in einzelne Computerkabinen und die Wissenschaftler starteten ein Computerspiel, bei dem auf dem Bildschirm jeweils das Bild eines positiven oder negativen Gegenstandes – die sogenannte Ressource – und darunter die Puppe der Eigengruppe, die der Fremdgruppe sowie eine neutrale Box abgebildet wurden. "Die Kinder konnten dann auf das entsprechende Feld drücken, wer die Ressource bekommt. Es gab 15 positive und 15 negative Ressourcen. Negative Sachen waren so etwas wie Regenwürmer, eine verrostete Dose, verschimmeltes Toastbrot, Hundekot, Zigarettenstummel. Positive Ressourcen waren zum Beispiel Seifenblasen, Fahrrad, Kaninchen, Teddybär, Lollies. Diese Einteilung haben wir vorher mit einer anderen Gruppe im gleichen Alter untersucht. Wir haben sie gefragt, ob sie das gut oder schlecht finden, und haben für die Studie dann die am extremsten gemochten und abgelehnten Dinge genommen."

Buttelmann und Böhm fanden heraus, dass Eigengruppenpräferenz zunächst durch die Eigengruppenaufwertung motiviert ist und dass dann später die Fremdgruppenabwertung als mögliche Motivation hinzukommt. Dabei unterscheiden sich bei den positiven Gegenständen die Sechsjährigen gar nicht sehr von den Achtjährigen, alle teilen die positiven Attribute vor allem der eigenen Gruppe zu – eine Eigengruppenpräferenz aufgrund von Zuneigung zur Eigengruppe. Bei den negativen Sachen zeigte sich jedoch ein wichtiger Unterschied in den Altersgruppen, betont David Buttelmann: "Während die sechsjährigen Kinder alles Negative einfach weg von der Puppe der eigenen Gruppe schieben, egal wohin – sie schieben gleich viel in die Box und zur fremden Gruppe – ist es den Achtjährigen überhaupt nicht egal, wer beispielsweise das verschimmelte Brot bekommen soll. Sie wollen damit absichtlich die Fremdgruppe schädigen. Und bei genauerer Untersuchung haben wir herausgefunden, dass das die Jungs viel stärker tun als die Mädchen." Warum sich vor allem verstärkt bei Jungs nach dem Schuleintritt diese Abneigung gegenüber Fremdgruppen entwickelt, kann auch Buttelmann bisher nur schwer erklären: "Betrachtet man einerseits die Menschheitsgeschichte, ist es ja so, dass Männer schon immer stärker für die Verteidigung und das Austragen von Konflikten zuständig waren. Und auch die Entwicklung eines Menschen von der Geburt bis zum Tod zeigt heute noch, dass sich Jungs häufiger als Mädchen in Wettkampfsituationen wiederfinden, und wenn es nur beim Fußballspielen ist." Und was hat der Schuleintritt damit zu tun? "Es gab aufgrund weniger Forschungsarbeiten in diesem Bereich kaum theoretische Überlegungen zur Wahl der Altersgruppen. Letztlich konnten wir hier nur spekulieren: Die Einteilung in Klassen, stärkere gruppenbezogene Arbeit oder auch regelmäßigerer wettbewerbsorientierter Mannschaftssport, mehr Freizeitaktivitäten in dieser Form, das könnte alles eine Rolle für spannende Entwicklungen in diesem Altersbereich spielen. Deshalb entschieden wir uns dazu sechs- und achtjährige Kinder zu untersuchen. Auf die wahre Ursache für den gefundenen Unterschied zwischen den Altersgruppen können wir aufgrund unserer Ergebnisse jedoch nicht schließen."

Was die Studie aber nahelegt, ist, dass bunt gemischte Gruppen in Kindereinrichtungen sowie integrative und internationale Kindertagesstätten sich positiv auf die Entwicklung des Kindes auswirken. Denn in der Erziehung sollte so früh wie möglich für Gruppengleichheit argumentiert und vor allem bei Jungs darauf geachtet werden, zu betonen, dass alle Gruppen und Gruppenmitglieder gleich sind. Eltern und Pädagogen sollten also schon früh damit anfangen, Kinder für Gleichheit zu sensibilisieren und gegen Abgrenzung zu erziehen. Ein Ansatz, den auch die Forscher um Buttelmann nach der Studie beherzigten: "Als die Kinder mit dem Computerspiel fertig waren, haben wir erst einmal eine kleine Vereinigung gemacht und betont, dass es doch egal ist, in welcher Gruppe man ist. Aber es war trotzdem wahnsinnig interessant zu sehen, wie schnell und wie stark sich die Kinder mit den Gruppen und Puppen identifizierten. Manche haben zum Abschied die Puppe gedrückt oder haben sich gemeinsam gefreut, die ,blöden‘ Sachen der anderen Gruppe zugeschoben zu haben."

Mit ihrer Studie haben Buttelmann und Böhm nicht nur wichtige Ergebnisse für die Entwicklungspsychologie hervorgebracht, sondern auch für angrenzende Fachbereiche wie die Pädagogische Psychologie und sogar die Ökonomie. Dem Forscherteam lieferte die Studie aber auch neue Impulse für weiterführende Forschungsprojekte, zum Beispiel zum Fairnessverhalten von Kindern oder auch zur Fremdgruppenabwertung selbst. Während diese nämlich bei Kindern mit dem Alter zuzunehmen scheint, konnte sie bei Erwachsenen bisher kaum experimentell nachgewiesen werden. Buttelmann und Böhm untersuchen nun, welche Rolle Moral und Werte bei diesem Wechsel spielen und ab welchem Alter Hundekot und Co. nicht mehr aufgrund einer Eigengruppenpräferenz zur Fremdgruppe geschoben werden.

Übrigens: Die Studie "The Ontogeny of the Motivation That Underlies In-Group Bias" von David Buttelmann und Robert Böhm wird im Frühjahr 2014 in der international renommierten Fachzeitschrift "Psychological Science" veröffentlicht. Sie kann bereits jetzt im Internet heruntergeladen werden unter: http://pss.sagepub.com/content/early/2014/01/28/0956797613516802.

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