Université d'Erfurt

Von Menschen und anderen Tieren: Dr. David Buttelmann

Dr. Buttelmann

Dr. David Buttelmann leitet seit März die Nachwuchsforschungs­gruppe Kleinkindforschung in Thüringen (KiT) im universitären Schwerpunkt Bildung an der Universität Erfurt. Im LG 1 richtete er ein Labor ein, in dem die kleinen Studienteilnehmer sich rundum wohlfühlen können und die Nachwuchsgruppe beste Voraussetzungen für ihre Forschung hat.


Herr Buttelmann, an welchem Projekt arbeiten Sie derzeit?

Es gibt da mehrere Projekte, an denen ich mit den Doktoranden der Nachwuchsgruppe arbeite und die alle zum Bereich der sozialen Kognition bei Kleinkindern gehören. Zu den wichtigsten Bereichen gehört das Verständnis für die mentalen Prozesse anderer, also wann Kinder beginnen, die Ziele, Absichten, Vor­stellungen anderer zu verstehen und ihr eigenes Handeln an diesen auszurichten. Diese Prozesse kann man nicht direkt beobachten, man kann nur Rück­schlüsse auf sie ziehen aufgrund des beobachtbaren Verhaltens. Das ist ein großer Bereich. Ein anderer sind die verschiedenen Formen sozialen Lernens, z.B. Imitation. Wann imitieren Kinder was, welche Voraussetzungen müssen dafür gegeben sein? Ein dritter Bereich umfasst die Auswirkung des Verständnisses mentaler Prozesse auf das sozial-emotionale Wohlbefinden, also auf Gesundheit und Lebensfreude. Das sind die drei großen Baustellen.


Sie sagten, die Prozesse an denen Sie interessiert sind, sind nicht direkt beobachtbar - wie kommt
man an diese heran? Welche Methoden verwenden Sie?

Wir verwenden Verhaltensmessungen, das heißt, wir stellen die Kinder vor kindgerechte Probleme und beobachten, wie sie diese lösen. Ein Beispiel: Ein Kind von 18 Monaten lernt, dass in einer Kiste, auf der Bausteine abgebildet sind, Bausteine drin sind. Drei Bausteinkisten werden geöffnet und dem Kind werden die Bausteine gezeigt. Außerdem gibt es noch eine vierte Kiste. Nachdem die dritte Kiste geöffnet wurde, geht einer der beiden Versuchsleiter aus dem Zimmer. Der Trick ist, dass in der vierten Kiste keine Bausteine sind, sondern ein Löffel. Dann schauen wir: Versteht das Kind, dass der Versuchsleiter, der nicht im Zimmer war als die vierte Kiste geöffnet wurde, trotzdem noch die Vorstellung hat, dass sie Bausteine enthält?


Und wie finden Sie das heraus?

Der zweite Versuchsleiter kommt wieder in das Zimmer. Er sagt: "So, und jetzt brauch' ich noch…" und greift nach der vierten Kiste, kann sie aber nicht erreichen. Der erste Versuchsleiter bittet nun das Kind, zu helfen. Er sagt: "Schau mal, ich hab das auch hier." und nimmt dabei eine Abdeckung weg, unter der ein Baustein und ein Löffel liegen, also die beiden Objekte, die in der vierten Kiste sein könnten. Dann fordert der erste Versuchsleiter das Kind auf, dem zweiten Versuchsleiter das gewünschte Objekt zu bringen und wir beobachten: Was nimmt das Kind? 18 Monate alte Kinder nehmen, wenn der zweite Versuchs­leiter beim Öffnen der vierten Kiste im Zimmer war, den Löffel und wenn er nicht im Zimmer war, den Baustein. Sie verstehen also, dass der Versuchsleiter, wenn er nicht im Zimmer war, die falsche Vorstellung hat, dass in der vierten Kiste Bausteine sind.


Spannend, aber was machen Sie dann mit den gewonnenen Erkenntnissen? Setzen Sie diese irgendwie um?

Naja, zunächst ist das reine Grundlagenforschung, man lernt daraus, dass Kinder nicht erst im Alter von vier Jahren, wie bisher angenommen, sondern schon viel früher verstehen, dass ihr Gegenü̈ber Vorstellungen von der Welt hat und dass diese von ihren eigenen Vorstellungen abweichen können. Aufgrund dieser Erkenntnisse muss man also die sozialkognitive Entwicklung der Kinder neu datieren. Mein großes Ziel ist aber auch, Auswirkungen auf das "wahre Leben" zu finden, zum Beispiel in Form von Trainingsprogrammen, wenn wir in unserem dritten Forschungsbereich herausfinden würden, dass sozialkognitives Training das emotionale Wohlbefinden der Kinder steigern kann.


Wie kamen Sie zu diesem Thema?

Ich kam zum Max Planck Institut (MPI fü̈r evolutionäre Anthropologie in Leipzig; Anm. der Red.) als Praktikant; ich war damals Zoolotse und zum MPI gehört die Menschenaffenabteilung im Leipziger Zoo und da wollte ich hin. Prof. Tomasello (Co-Direktor am MPI für ev. Anthr. Leipzig, Leiter Vergleichende und Entwicklungspsychologie; Anm. der Redaktion) sagte damals: "Wenn du herkommst als Praktikant, dann musst du aber danach auch wissenschaftliche Hilfskraft werden." Und ich dachte mir, okay, werde ich das eben. Dann war ich Hilfskraft und habe dort meine Diplomarbeit geschrieben. Die ging dann in die Promotion über. Ziel war nie der Doktortitel, ich habe die Arbeit einfach gern gemacht. Während der Promotion habe ich mit Kindern, Affen und mit Hunden geforscht. Der Titel ist da so nebenbei passiert. Die Tiere fand ich schon immer toll, Affen und Giraffen ganz besonders.


Was fasziniert Sie am meisten an Ihrer Fachrichtung?

Erstmal stellt sich die Frage, was denn meine Fachrichtung ist. Ich sehe mich als vergleichend arbeitenden klinischen Entwicklungspsychologen. Da steckt so ziemlich alles drin, was es ist und mal werden soll. Vergleichend zu arbeiten, gefällt mir gut, weil es einfach auch eine schöne Abwechslung zur Arbeit mit Kindern ist. Sachen herauszufinden, die man bei Tieren nie vermutet hätte, das finde ich toll. Der größte Reiz an der Arbeit ist, dass ich mir verschiedene Arten anschaue, also Menschen, Menschenaffen und andere Tiere. Andererseits sehe ich so viele kleine Kinder, die es immer wieder schaffen, mich zu überraschen; sie sind so unterschiedlich in dem, was sie können und nicht können. Einerseits also die Vielfalt und anderseits die Arbeit mit Kindern, weil sie so abwechslungsreich ist.


Warum sind Sie Wissenschaftler geworden?

Ursprünglich wollte ich weder Doktor noch Professor werden. Ich spreche gerne über und beschäftige mich gerne mit Forschung, teilweise sogar zu gerne. Deshalb macht es mir auch nichts aus, sonntags zu arbeiten oder bis abends um zehn. Ich bin dann ganz dankbar über Freunde, die sagen 'Jetzt hör auf, jetzt gehen wir ins Kino'. Forschung ist nichts, was ich als Arbeit deklarieren würde. Als 8-Stunden-Job kann ich mir das gar nicht vorstellen, die besten Ideen kommen doch sowieso unter der Dusche. Als ich anfing mit meiner Promotion bei Tomasello, da hatte ich auch diese tiefe Überzeugung, dass Affen sehr vieles von dem verstehen und können, was Kinder können und dass Kinder diese sozialkognitiven Fähigkeiten schon viel früher haben, die angeblich erst ältere Kinder haben. Und das wollte ich irgendwie zeigen, herausfinden und zeigen. Das ist mir gelungen und damit konnte ich meine eigene Theorie voranbringen und andere Theorien widerlegen. Das finde ich unheimlich spannend.


Wie man andere überzeugen kann?

Genau, und wie ich das möglichst einfach hinbekomme. Man kann total kreativ tätig sein, ich habe alle meine Studien selbst entwickelt, es ist ein sehr freies und selbstbestimmtes Arbeiten.


Bitte ergänzen Sie: Forschung ist…

Mein Leben (lacht).


Herr Buttelmann, vielen Dank für dieses Gespräch.

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