Université d'Erfurt

Mission Ehrenamt – Die Vorstellung vom „Guten“: Ein Interview mit PD Dr. Bettina Hollstein

Dr. Bettina Hollstein
Dr. Bettina Hollstein

Sie bringen Kindern das Schwimmen bei, löschen Feuer, verteilen Essen an Alte und Kranke, oder machen Telefonseelsorge. Ehrenamtliche. Mehr als 23 Millionen Menschen in Deutschland üben eine ehrenamtliche Tätigkeit aus. Sie handeln dabei gemeinwohlorientiert, ohne auf eine finanzielle Gegenleistung aus zu sein. PD Dr. Bettina Hollstein ist seit 1998 wissenschaftliche Kollegreferentin am Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien der Universität Erfurt. In ihrer Habilitation, die sie 2014 abgeschlossen hat und die demnächst als Buch veröffentlicht wird, hat sie das gesellschaftliche Phänomen Ehrenamt untersucht.

Frau Hollstein, eigentlich sind Sie ja Ökonomin. Warum haben Sie gerade das Thema Ehrenamt für Ihre Habilitation ausgewählt?
Ja, richtig, als Ökonomin untersucht man eigentlich rationales, eigeninteressiertes und nutzenorientiertes Handeln. In der Regel werden Arbeitsmarktmodelle konstruiert, die davon ausgehen, je mehr Geld man bekommt, desto mehr arbeitet man auch. Beim Ehrenamt ist das nicht der Fall, weil man dafür kein Geld bekommt, deshalb ist es für Ökonomen etwas rätselhaft. Für Ehrenamtliche sind andere Motive neben der Nutzenorientierung von Bedeutung, zum Beispiel Wertvorstellungen, Spaß an der Arbeit, gemeinsame Erfahrungen usw. Genau das wollte ich bei meiner Forschung untersuchen. Ich wollte herausfinden, ob es eine andere Handlungstheorie gibt, die Ehrenamt besser erklärt als die ökonomische, rationale Handlungstheorie, die üblicherweise in den Wirtschaftswissenschaften genutzt wird.

Was bedeutet das Ehrenamt für unsere heutige Gesellschaft?
Ehrenamt in der heutigen Gesellschaft ist ein Phänomen, das in Deutschland wie folgt vorkommt: Etwa ein Drittel der Bevölkerung ist ehrenamtlich aktiv, ein Drittel könnte es sich vorstellen und ein weiteres Drittel hat kein Interesse am Ehrenamt. Das Verhältnis ist über einen längeren Zeitraum relativ stabil. Im internationalen Vergleich gibt es aber deutliche kulturelle Unterschiede. In den USA beispielsweise hat das Ehrenamt eine große Bedeutung, in anderen Ländern wie etwa in Portugal spielt es eine sehr viel kleinere Rolle. Ich möchte aber betonen, dass Ehrenamt kein Ersatz für den Sozialstaat ist. Auch wenn zum Beispiel mehr Kräfte im Pflegebereich oder bei Bildung und Erziehung gebraucht werden, kann Ehrenamt nicht das ersetzten, was professionelle Kräfte machen, das hat völlig andere Qualitäten. Ich behaupte aber, dass das Ehrenamt aus anderen Gründen genauso wichtig ist wie professionelle Arbeit in einer Gesellschaft: Auf der individuellen Ebene ist es der Ort, an dem man seine eigenen Vorstellungen des „Guten“ ausdrücken kann, also die Auffassung davon, wie das Leben und eine Gesellschaft sein sollten. Wenn man etwa Solidarität für etwas Wichtiges erachtet, so kann man das zum Beispiel bei der Freiwilligen Feuerwehr auch ausdrücken. Das ist wichtig für die eigene Identitätsbildung und auch für das Erfahren von Wertschätzung, von Gemeinschaft und von Sinn im eigenen Handeln. Auf gesellschaftlicher Ebene zeigt eine Gesellschaft durch die ehrenamtlichen Aktivitäten, die sie unterstützt, was ihr wichtig ist. Ehrenamt spiegelt der Gesellschaft, wofür sie steht, welche Werte, Vorhaben und Engagements glaubwürdig wertgeschätzt werden.

Wie genau können Menschen denn im Ehrenamt ihre Wertvorstellungen ausdrücken?
Nehmen wir das Beispiel Sportvereine, davon gibt es in Deutschland sehr viele. Hier werden Vorstellungen von Fairness, von Gemeinschaft und von Integration in ein Team transportiert, die zum Beispiel im Fußballverein ständig aktualisiert und eingeübt werden. Wenn man allein im Fitnesscenter trainiert, werden diese Wertvorstellungen nicht sichtbar. Die Gesellschaft macht sich in den ehrenamtlichen Aktivitäten also selber klar, was für Vorstellungen vom „Guten“ sie hat. Das muss in modernen Gesellschaften plural sein. Wir haben keine einheitliche Vorstellung vom „Guten“ mehr, sondern vielfältige. Deshalb muss es auch unterschiedliche Orte geben, an denen man das ausdrücken kann. Es ist wichtig, dass eine Zivilgesellschaft viele unterschiedliche ehrenamtliche Tätigkeiten beherbergt, in denen Menschen das erfahren können. Deshalb spielt das Ehrenamt eine wichtige Rolle – als eine Art Selbstvergewisserungsort. Und durch das Tun gewinnt es eine hohe Glaubwürdigkeit ‒ weil es nicht – wie in zahlreichen „Sonntagsreden“ bei dem Ausspruch bleibt: „Wir wollen eine solidarische Gesellschaft.“, sondern weil sich Leute solidarisch engagieren.

Welche spannenden Modelle gibt es im Bereich Ehrenamt? Was haben Sie bei Ihrer Forschung herausgefunden?
Man kann hier theoretische von praktischen Modellen unterscheiden. Auf der Theorie-Ebene gibt es zum einen das ökonomische Modell vom Ehrenamt. Dabei wird Ehrenamt auf ein Nutzenkalkül reduziert. Menschen engagieren sich ehrenamtlich, um bestimmte Fähigkeiten, sogenanntes Humankapital, zu entwickeln, das für die weitere berufliche Entwicklung hilfreich ist. Wer sich beispielsweise als Schulsprecher engagiert, entwickelt rhetorische Fähigkeiten, die er später in seinem Beruf nutzen kann. Neben dem Humankapital-Modell gibt es das Konsum-Modell. Hier wird Ehrenamt wie beispielsweise ein Theater-Besuch konsumiert, weil es als nützlich empfunden wird. Beide Modelle hinken meiner Meinung nach und lassen sich auch empirisch nicht halten. Neben dem ökonomischen gibt es das normativistische Handlungsmodell, demzufolge Menschen gemäß ihren Wertvorstellungen handeln. Demnach würde sich jemand, der als absoluten Wert Solidarität hat, z.B. gewerkschaftlich engagieren. Aber auch dieses Modell weist Probleme auf, denn auch für Gewerkschafter spielen Nutzenüberlegungen eine Rolle. Sowohl das ökonomische als auch das normativistische Modell sind zu einseitig. Darüber hinaus gibt es das Sozialkapital-Modell; das sieht im Ehrenamt die Möglichkeit, nützliche Kontakte zu knüpfen. All diese Modelle beleuchten immer einzelne, wichtige Aspekte. Ich selbst bin eine Vertreterin eines pragmatistischen Modells in Anlehnung an die Handlungstheorie von Hans Joas, der viele Jahre Dekan des Max-Weber-Kollegs der Universität Erfurt war. Diese Handlungstheorie integriert alle andere Modelle und hat darüber hinaus den Vorteil, dass sie drei wichtige Aspekte berücksichtigt: 1. das Fehlen einer Zweck-Mittel-Orientierung, denn wir handeln nicht immer rational; 2. die Körperlichkeit des Handelns, das die Rolle von Emotionen berücksichtigt; und 3. die Sozialität des Handelns. Das heißt, wir handeln nicht wirklich immer als autonome Individuen, sondern sind abhängig von anderen und was sie von uns denken. Der Hauptteil meiner Arbeit ist eine theoretische Auseinandersetzung. Am Beispiel des Ehrenamtes wird deutlich, dass eine pragmatistische Handlungstheorie uns ein umfassenderes Verständnis vom Handeln gibt. Das sollte man berücksichtigen, wenn man wie ich Wirtschafts- und Sozialethik betreibt.

Neben all der Theorie, haben Sie beim Thema Ehrenamt noch mehr entdeckt?
Natürlich habe ich mich auch mit dem Praktischen beschäftigt. Ein interessanter Trend in der Wirtschaft ist das „Corporate Volunteering“. Das ist die Möglichkeit für Unternehmen, Ehrenamt zu unterstützen. Es gibt zum Beispiel Ehrenamtstage, bei denen durch die Belegschaft einer Firma für den Kindergarten in der Nachbarschaft der Spielplatz in Ordnung gebracht wird. Das ist genauso teambildend, aber im Gegensatz zu Raftingkursen macht man hier etwas für die Gesellschaft Sinnvolles. Zudem ist es bedeutsam für die eigene Wertschätzung. Es trägt auch dazu bei, das Unternehmen in der Umgebung anders zu verankern. Im Rahmen des „Corporate Volunteering“ stellen einige Unternehmen ihren Mitarbeitern auch Zeit für ihr Ehrenamt zur Verfügung. Zum Beispiel dürfen sie pro Monat eine Stunde ihrer Arbeitszeit für bürgerschaftliches Engagement verwenden oder auch Infrastruktur wie den Kopierer für ihr Ehrenamt nutzen. Unternehmen unterstützen also systematisch das ehrenamtliche Engagement ihrer Mitarbeiter, weil sie sich dadurch zum einen Imagewirkung erhoffen und zum anderen zufriedenere Mitarbeiter, die auch noch Erfahrungen in anderen Bereichen sammeln. Bei bestimmten Programmen gehen Manager für eine begrenzte Zeit in ein Pflegeheim, um dort ehrenamtlich zu arbeiten. Das wird als Personalentwicklungsmaßnahme betrachtet, weil die Manager dort andere Fähigkeiten erproben, die sie in ihrem normalen Arbeitsumfeld nicht erwerben können. Ein anderer wichtiger Praxisbereich ist der Bereich der Bildung. Das sogenannte Service-Learning ist ein interessanter Fall, nämlich die Verknüpfung einer Lehr-Lern-Form mit bürgerschaftlichem Engagement. Hier bearbeiten Studierende oder Schüler ehrenamtlich Projekte in der Praxis. Die Projektzeiten sind im Lehrplan bzw. im Studienprogramm verankert und werden gemeinsam reflektiert. Ich bin selbst am Service-Learning im „Studium Fundamentale Nachhaltigkeit“ an der Universität Erfurt beteiligt. Zuerst gibt es da einen theoretischen Input, dann haben die Studierenden die Möglichkeit, sich mit Praxispartnern gemeinwohlorientierte Projekte auszudenken und zu bearbeiten und am Ende wird die Projektarbeit reflektiert. Nützliche Projekte für die Gesellschaft, bei denen die Studierenden zugleich handlungsorientiert lernen – eine gute Sache für alle Beteiligten, denn dabei wird im Studium ein Platz für ehrenamtliches Engagement geschaffen.

Welche interessanten Entwicklungen beobachten Sie denn beim Ehrenamt? Mir scheint, dass das Ehrenamt eine zunehmende Anerkennung findet und in der Gesellschaft als wichtig erachtet wird. Es gibt eine stärkere Partizipationsorientierung. Allerdings ist der typische Ehrenamtliche männlich, hat einen relativ hohen Bildungsabschluss und ein überdurchschnittliches Einkommen. Bestimmte Gruppen sind in ehrenamtlichen Tätigkeiten bisher unterrepräsentiert, dazu gehören Senioren, junge Leute, Ausländer, finanziell schlechter gestellte Menschen und Arbeitslose. Ich halte es für wichtig, dass man diesen Gruppen Mitwirkungsmöglichkeiten im Bereich des Ehrenamtes eröffnet, weil es eine wichtige Rolle für die Identitätsentwicklung spielt. Auf diese Gruppen sollte daher meines Erachtens stärker eingegangen werden. Sie sollten besser integriert werden und auf ihre Bedürfnisse angepasste Angebote im Bereich des Ehrenamts bekommen. Dabei sollte es keine Hürden geben, ehrenamtlich tätig zu werden, etwa aufgrund von zusätzlichen Kosten. Vielmehr muss es Aufwandentschädigungen geben. Viele Träger ehrenamtlichen Engagements sind traditionelle Institutionen wie Kirchen, Gewerkschaften oder Sportvereine. Wenn es für bestimmte Gruppen noch keine passenden Organisationen gibt, in die sie sich ehrenamtlich einbringen können, dann ist das ein Exklusionsmechanismus. Deshalb ist es so wichtig, die Inklusion von bisher ausgeschlossenen Gruppen zu fördern. Aber diese Entwicklung wurde erkannt, der Staat fördert inzwischen Maßnahmen in diese Richtung.

Vergleichsweise neu ist der Trend, dass sich Unternehmen im Bereich des „Corporate Volunteering“ in der Ehrenamtsförderung engagieren. Dennoch sollte man den Unternehmen die Ehrenamtsförderung nicht allein überlassen, denn sie haben in erster Linie ihre Firma und die eigenen Mitarbeiter im Blick. Staat und Zivilgesellschaft sind für die Ehrenamtsförderung wesentliche Partner.

Wie wichtig ist es denn, das Ehrenamtliche auch offiziell Anerkennung bekommen?
Überaus wichtig. Dabei drückt sich Wertschätzung nicht nur in Form von Geld aus. Es gibt Auszeichnungen wie die „Thüringer Rose“, die Menschen Anerkennung aussprechen, die Gutes im Verborgenen tun. Dadurch sollen auch andere ermutigt werden, sich sozial zu engagieren. Die öffentliche Wertschätzung und Anerkennung hat eine kaum zu überschätzende Bedeutung. Aber auch in Betrieben ist es wichtig, dass Mitarbeitern von Zeit zu Zeit gesagt wird: „Das habt ihr gut gemacht.“ Denn auch die Wertschätzung für bezahlte Arbeit drückt sich nicht nur im Gehalt aus, sondern auch durch Lob. Anerkennung ist ganz wichtig für die Motivation.

Haben Sie selbst ehrenamtliche Verantwortung?
Ja, ich habe mich schon in meiner Jugend ehrenamtlich engagiert, zum Beispiel im Rahmen von Jugendbildungsmaßnahmen. Ich war als Reiseleitung und bei der Freizeitgestaltung mit Behinderten aktiv, überwiegend im Rahmen der katholischen Kirche. Heute gestalte ich regelmäßig Kinderpredigten, also begleitende Gottesdienste für Kinder. Außerdem bin ich Elternsprecherin in der Schule meiner Kinder. Hinzu kommt die Gremienarbeit – nicht nur bei InnoNet, dem Innovationsnetzwerk Bildung für nachhaltige Entwicklung an der Uni, auch in unterschiedlichen Stiftungen.

Ihr Buch „Ehrenamt verstehen. Eine handlungstheoretische Analyse“ wird im Herbst 2015 im Campus Verlag erscheinen. Warum sollte man Ihr Buch unbedingt lesen?
Wenn man Ehrenamt und Ehrenamtliche fördern möchte, muss man es bzw. ihre Motive verstehen. Dieses Buch eröffnet ein breiteres Verständnis von Ehrenamt jenseits von ökonomischem Nutzen, Sozialkapital oder Himmelslohn. Ich mache Vorschläge zur Förderung des Ehrenamts für Staat, Wirtschaft und Nonprofit-Organisationen. Aber auch Menschen, die sich für Theorien interessieren, werden in meinem Buch fündig. Am Beispiel des Ehrenamts zeige ich, wie wichtig es ist, sich mit handlungstheoretischen Grundlagen zu befassen. Ich versuche deutlich zu machen, dass Theorie auch praktisch ist – geistes- und sozialwissenschaftliche Forschung ist zwar Grundlagenforschung, hat aber durchaus auch praktische Folgen für die Gestaltung unserer Gesellschaft.

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