Université d'Erfurt

Musik hat eine große Kraft!: Dr. Stephan Sallat ist neuer Juniorprofessor an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät

Prof. Dr. Stephan Sallat
Prof. Dr. Stephan Sallat

Dass Stephan Sallat heute täglich eine Stunde von Leipzig nach Erfurt pendelt, um an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät zu lehren und zu forschen, hat die Universität Erfurt in erster Linie seiner ehemaligen Gesangslehrerin zu verdanken. Sie war es nämlich, die dem damals 19-Jährigen davon abgeraten hat, Sologesang zu studieren – nicht aus Mangel an Talent etwa, sondern aufgrund der geringen Chancen, nach dem Studium auch wirklich Geld als Sänger verdienen zu können. Der Gesangsschüler entschied sich deshalb, die Musik über den indirekten Weg in seinen Beruf zu integrieren, studierte Musik mit Lehramt an Förderschulen und widmet sich seither musiktherapeutischen Ansätzen zur Behandlung von Sprach- und Kommunikationsstörungen von Kindern. Ein Glück für die Uni Erfurt, wo Sallat seit dem Sommersemester die Juniorprofessur für Pädagogik des Spracherwerbs unter besonderen Bedingungen innehat.

Wunderbare Bedingungen an der Universität Erfurt

"Die Bezüge zwischen Stimm- oder Gesangsunterricht und sprachtherapeutischer Arbeit sind sehr eng", erklärt der Professor seinen beruflichen Weg. "Man arbeitet an der Aussprache, der Artikulation und an der Technik zur Erzeugung von Tönen oder Lauten. Aufgrund dieser engen Beziehung habe ich mich nach dem Zivildienst dafür entschieden, Sprachbehindertenpädagogik, also Sprachtherapie im schulischen Kontext, zu studieren. Dazu habe ich Lernbehindertenpädagogik und natürlich Musik gewählt." Nach dem ersten Staatsexamen und einer Abschlussarbeit über Stimmstörungen setzte der 38-Jährige noch vor dem schulischen Vorbereitungsdienst seinen Doktor über den Zusammenhang von musikalischer Verarbeitung und Sprachentwicklung drauf. Zum Teil parallel arbeitete Sallat anschließend als Musik- und Deutschlehrer an der Sächsischen Landesschule für Hörgeschädigte sowie als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Sprachbehindertenpädagogik an der Universität Leipzig. Dass er nun auf die Juniorprofessur in Erfurt berufen wurde, empfindet auch er als großes Glück. Nicht nur, dass er sich hier mit Strukturen wie der Forschungsgruppe Sprachbeherrschung stärker interdisziplinär austauschen kann. Auch bietet ihm die Juniorprofessur die Möglichkeit, bei einer geringeren Lehrbelastung Forschungsschwerpunkte zu entwickeln, diese auszubauen und insgesamt wieder mehr Zeit für die Forschung zu haben: "Ich habe ja zunächst neben meiner Lehrtätigkeit an der Schule geforscht und auch an der Uni Leipzig hatte ich eine hohe Lehrverpflichtung. Deshalb sind es hier in Erfurt wunderbare Bedingungen für mich", freut sich der Sprachheilpädagoge, der aktuell dann auch gleich an mehreren Projekten gleichzeitig arbeitet. Zum Beispiel bereitet er eine Langzeitstudie über die Entwicklung von kommunikativ-pragmatischen Fähigkeiten vor, in der er fragt: Wie kommunizieren und handeln Kinder und Erwachsene? Wie drücken sie sich aus – auch bereits im vorsprachlichen Bereich mit Blickkontakt, Lauten, Gesten, Imitationen? Wie tauschen sie Inhalte aus und wie können sie sich letztlich über Dinge unterhalten, die nicht sichtbar sind und dabei auch zunehmend das Wissen des Gegenübers berücksichtigen? "Dieses Projekt hat zwar nur indirekt mit Musik zu tun, aber ich bin zu dem Thema erst über die Musik gekommen", sagt Sallat. "Ich habe über mehrere Jahre ein Musiktherapieprojekt wissenschaftlich begleitet und habe dabei überlegt, in welchem Bereich ich einen Nutzen von Musik in Bezug auf die Sprache erwarte. Da war es naheliegend, zu hoffen, dass sich bei der Musiktherapie etwas im Kommunikations- und Interaktionsverhalten verändert. Daraus ergab sich dann der neue Projektansatz, zu schauen, wie sich kommunikativ-pragmatische Fähigkeiten überhaupt erst einmal entwickeln." Neben diesem Projekt möchte Sallat aber weiterhin Musikforschung betreiben und auch an der Universität Erfurt der Frage auf den Grund gehen, welches Potenzial Musik hat, sprachliche Fähigkeiten zu entwickeln oder sich auf andere Entwicklungsbereiche wie Konzentration, Aufmerksamkeit und auditive Wahrnehmung fördernd auszuwirken. Dabei greift der Wissenschaftler auf seine Erfahrungen aus dem musiktherapeutischen Interventionsprojekt zurück, das er an Kindergärten und Schulen durchgeführt hat. "Bei der Interventionsforschung mit Musik diagnostizieren wir zunächst Kinder mit bestimmten Auffälligkeiten unter anderem bezüglich ihrer sprachlichen Entwicklung und Musikverarbeitung. In störungshomogenen Kleingruppen werden sie anschließend von einer Musiktherapeutin betreut. Wir schauen dann, ob es im sprachlichen oder musikalischen Bereich einen Effekt gegeben hat."

"Musik ist nicht gleich Musik"

Der Forscher achtet dabei ganz genau darauf, nicht einfach nur pauschal von Musik zu sprechen, denn "Musik ist nicht gleich Musik": "Da sich bisherige Forschungsergebnisse häufig widersprechen, muss man genau schauen, was man mit Kindern mit welchen Störungen macht: Singen oder tanzen, arbeitet man nur instrumental oder mit Sprache und Instrumenten, achtet man auf Rhythmus oder nur auf Melodie?" Mit diesem differenzierten Ansatz konnte Sallat bereits zeigen, dass Kinder mit einer typischen Sprachentwicklung von der Kombination Sprache und Musik profitieren. Das heißt, wenn sie unbekannte Wörter vorgesungen bekommen, dann können sie diesen auch lernen. Bei Kindern mit einer Sprachentwicklungsstörung und ohne erkennbare primäre Beeinträchtigung, also mit normaler Intelligenz und normalen Hörfähigkeiten, funktioniere dies jedoch nicht. Hier müsse ein anderer Ansatz gewählt werden. In seinem Musiktherapieprojekt wurden mit diesen Kindern deshalb rein musikalische Interventionen im Bereich Melodie, Tonhöhe oder Rhythmusverarbeitung durchgeführt. "Dabei konnten wir bereits sehen, dass sich diese Kinder dann auch sprachlich weiterentwickelten. Das zeigt, dass wir Musik nicht als ein festes Konzept ansehen dürfen, sondern möglichst genau schauen müssen, was wir einsetzen, um in unserer Forschung noch zielgerichteter zu werden."

Zielgerichtet verfolgt Sallat auch einen weiteren Forschungsansatz, der auf die Biografien von Menschen mit Sprachstörungen abzielt: Er möchte dabei in Befragungen herausfinden, welchen beruflichen Weg sie eingeschlagen haben, wie lange sie als Kind auf einer Spezial- oder Regeleinrichtung waren, was ihnen aus eigener Sicht weitergeholfen hat und wobei sie sich mehr Unterstützung erwünscht hätten. "Gerade weil wir im Zuge der Inklusion immer wieder darum ringen, was die beste Versorgung von Menschen mit unterschiedlichen Förderschwerpunkten ist, liegt es hier nahe, die Betroffenen einfach einmal selbst zu fragen. Das ist noch einmal ein ganz anderer Ansatz. Den würde ich dann auch gern auf Kinder mit anderen Störungen und anderen Förderschwerpunkten ausweiten."
Für die Studierenden der Sonderpädagogik in Erfurt ist diese Projektvielfalt ihres Professors von Vorteil: Gerade bei den Interventionsprojekten ist Stephan Sallat offen für studentische Beteiligung und auch die geplante Lernwerkstatt der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät soll so eingerichtet werden, dass die Studierenden dort im Rahmen seines Unterrichts Fördermöglichkeiten mit Musik ausprobieren können. Durch seine eigenen Erfahrungen als Lehrer kann der Sonderpädagoge außerdem konkretes Handlungswissen und konkrete Umsetzungsmöglichkeiten in seine Lehre an der Universität einbringen. Auch davon werden seine Erfurter Studierenden künftig profitieren. Um ihren Professor aber als Sänger in Aktion zu erleben, müssen sie den Erfurter Uni-Campus schon verlassen. Denn wenn der Vater einer neunjährigen Tochter selbst Musik macht, dann sucht er explizit den Abstand zur Wissenschaft. "In der Musikpädagogik oder -förderung setzt man Musik ja nicht ein, um sich selbst zu verwirklichen, sondern man vermittelt Musik oder versucht, Erfolge durch die Musik zu erzielen. Das ist eine ganz andere Ebene", sagt der ehemalige Gesangsschüler von Bachpreisträger Andreas Sommerfeld. "Erst die Musik, die ich in der Freizeit mache, ist die eigene Verwirklichung von dem, was ich schon als Kind machen wollte: andere Leute begeistern, sie anstecken oder ihnen einen schönen Augenblick bescheren. Dafür hat die Musik eine große Kraft." Und diese Kraft kostet Sallat aus, wenn er mit seinem A-Capella-Ensemble aus ehemaligen Dresdner Kapellknaben probt und auftritt oder sich als Sänger bei einem großen Gospelprojekt des Bistums Dresden-Meißen verausgabt. "Ich bin heute dankbar, dass ich die Musik nicht bedienen muss, um davon zu leben, sondern, um den Ausgleich zu haben. Deshalb war es damals ein guter Rat meiner Musiklehrerin." Und dem gibt nun auch der Ruf an die Universität Erfurt Recht.

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