Université d'Erfurt

Nachhaltiger lernen mit „wünschenswerten Erschwernissen“

Nachhaltiges Lernen mit Multimedia profitiert mitunter von Erschwernissen – so lautet die These von Dr. Judith Schweppe und Prof. Dr. Ralf Rummer, die die beiden Kognitionspsychologen der Universität Erfurt jetzt in der internationalen Fachzeitschrift „Computers in Human Behavior“ veröffentlicht haben. Damit stellen die Wissenschaftler die bisher weithin geltende Empfehlung „Erleichtert den Lernenden die Verarbeitung der Lernmaterialien!“, eine der zentralen Vorgaben der Forschung zum Lernen mit Multimedia, infrage. Weiter noch: Sie demonstrieren, dass die Umsetzung einer konkreten Forderung der bisherigen Lehr-/Lernforschung lernhinderlich ist.

„Eine der wichtigsten Empfehlungen für das multimediale Lernen, die mehrfach in Lernexperimenten belegt wurde, besteht darin, Bilder oder Animationen mit gesprochenen statt mit geschriebenen Texten zu kombinieren“, erklären Judith Schweppe und Ralf Rummer. Dies sei unter anderem deshalb vorteilhaft, weil gesprochene Texte und Bilder gleichzeitig wahrgenommen werden könnten, während geschriebene Texte und Bilder nacheinander verarbeitet werden müssten. Insgesamt sei dies eine Entlastung für das kognitive System der Lerner und – so die verbreitete Annahme – deshalb lernförderlich. „In den vergangenen Jahren hat allerdings ein anderer Ansatz zunehmend Aufmerksamkeit erfahren“, erläutern Schweppe und Rummer weiter. „Es wurde nämlich demonstriert, dass vor allem die langfristige Lernleistung profitieren kann, wenn die Informationsverarbeitung während des Lernens erschwert wird. Man spricht von sogenannten desirable difficulties oder wünschenswerten Erschwernissen.“

Den Forschern der Universität Erfurt war aufgefallen, dass in nahezu allen Untersuchungen zum multimedialen Lernen die Lernleistung der untersuchten Personen ausschließlich unmittelbar im Anschluss an das Lernen überprüft wurde. Ralf Rummer und Judith Schweppe vermuteten nun vor diesem Hintergrund, dass für nachhaltiges Lernen genau das Gegenteil dessen hilfreich sein könnte, was Designern multimedialer Lernumgebungen bislang empfohlen wird. Um diese Annahme zu prüfen, haben die beiden Kognitionspsychologen zwei Experimente durchgeführt, in denen sie anhand von Lernvideos den Einfluss von gesprochenem im Gegensatz zu geschriebenem Text dahingehend untersucht haben, wie gut die Probanden den Lernstoff verstanden und behalten haben. Bei diesen Lerntests wurde die Hälfte der Probanden unmittelbar im Anschluss an die Präsentation der Lernmaterialien getestet; die andere Hälfte erst nach einer Woche. Das Ergebnis: In beiden Experimenten schnitten diejenigen, die mit einem geschriebenen Text (und einer Animation) gelernt hatten, im langfristigen Test besser ab als diejenigen, die den Text ausschließlich gehört hatten.

Dies legt die Schlussfolgerung nahe, dass tatsächlich bereits nach einer Woche zwischen Lernen und Überprüfung der Lernleistung genau die Lernbedingung förderlich ist, die laut den Empfehlungen zur Gestaltung multimedialer Lernmaterialien zu vermeiden ist. Dieser Befund stellt somit die Empfehlungen infrage – sofern sie lediglich auf Untersuchungen beruhen, in denen die Versuchspersonen unmittelbar nach dem Lernen getestet wurden.

Weitere Informationen / Kontakt:

Dr. Judith Schweppe / Prof. Dr. Ralf Rummer

Schweppe, J. & Rummer, R. (2016). Integrating written text and graphics as a desirable difficulty in long-term multimedia learning. Computers in Human Behaviour, 60, 131–137.

Menu de navigation

Outils

Connexion et changer la langue