Université d'Erfurt

Schatz, ich hab dich gegruschelt…: Wie die mobile Kommunikation unsere sozialen Beziehungen beeinflusst

Juliane Kirchner
Juliane Kirchner, M.A.

München – Hamburg, Berlin – Sydney. Fernbeziehung. Warten aufs Wiedersehen. Telefonieren am Abend. SMS über den Tag. Beziehungen über die lange Distanz sind längst keine Seltenheit mehr. Jeder hat seinen Job, seinen Lebensmittelpunkt, seine individuellen Karrierepläne. Aber dann ist da auch noch die Beziehung. Sie soll irgendwie reinpassen in das bewegte Leben. Früher hieß das meist lange warten. Auf den Brief im Briefkasten. Oder teuer telefonieren. Zum Glück gibt es heute moderne Kommunikationsmedien. Wir haben Handys, wir haben das Internet, nutzen SMS, haben unsere eigenen Profile in sozialen Netzwerken, können chatten, skypen und eigentlich immer beieinander sein, jedenfalls virtuell. Das macht es leichter. Hat aber auch unsere Kommunikation verändert. Wie sich das bei Paaren in Fernbeziehungen heute darstellt, hat die Kommunikationswissenschaftlerin Juliane Kirchner, Doktorandin an der Universität Erfurt untersucht. Wie verändert sich Paarkommunikation im Kontext von Mobilität? Welche Medien nutzen Paare in Fernbeziehungen? Und wann nutzen sie sie wofür? Leitfadeninterviews mit Paaren im Alter zwischen 20 und 30 Jahren haben Aufschluss gegeben…

„Unser aller Alltag ist zunehmend mediatisiert und mobilisiert“, erklärt Juliane Kirchner. „Digitale Kommunikationsmedien wie Handy und Netbook sowie technische Infrastruktur wie W-Lan und USB-Surfsticks ermöglichen uns eine hohe Mobilität. Wir sind immer überall für jeden erreichbar – die Vielzahl an digitalen Medien macht es möglich, die Kommunikation innerhalb der Partnerschaft so zu pflegen, als lebten wir gemeinsam an einem Ort.“ Und dabei spielt das Handy nach wie vor eine enorme Rolle. Dank ihm können wir den Partner praktisch zu jeder Zeit an unseren Erlebnissen teilhaben lassen. Es ist unser stetiger Begleiter und auch hier schreitet die Technik mit enormen Schritten voran. Via Smartphone sind wir nicht nur in Sekundenschnelle mit anderen hörbar verbunden, sondern auch im Internet und damit in sozialen Netzwerken, haben Zugriff auf Bilder, Musik und jegliche Informationen, die der andere uns in seinem Profil bereitstellt. Aber auch von Zuhause aus wird das Internet von Paaren sehr stark genutzt, um die Entfernung innerhalb der Fernbeziehung zu überbrücken. Zu diesem Ergebnis kamen die Kommunikationswissenschaftlerinnen Nicola Döring und Christine Dietmar bereits in einer Untersuchung aus dem Jahr 2003. Was aber hat sich seither im Bereich der mobilen Kommunikation, insbesondere mit Blick auf die neuen Angebote der sozialen Netzwerke, getan? Juliane Kirchner wollte der Sache auf den Grund gehen und befragte 2011 im Rahmen eines Seminars mit Studierenden der Kommunikationswissenschaft Paare, die in einer Fernbeziehung leben, nach ihren Kommunikationsgewohnheiten. Kirchner: „Hauptaugenmerk der Studie war, herauszufinden welche Rolle die sozialen Netzwerke in der Kommunikation der Paare spielt, da dies bisher nicht Gegenstand der Forschung war. Diese ‚Lücke‘ wollten wir schließen und haben bei unseren qualitativen Interviews festgestellt, dass die Kommunikation zwischen Paaren in Fernbeziehungen unglaublich individuell ist und nicht nur vom Alter, sondern auch von vielen anderen Faktoren abhängt“.  Dennoch lässt sich sagen, dass trotz aller Unterschiede, das Handy nach wie vor die Nummer eins in der gemeinsamen Kommunikation ist. Als Hybridmedium wird es zum Telefonieren und SMS-Schreiben am häufigsten genutzt. Es wird als unkomplizierter und persönlicher empfunden, so dass private Inhalte vorzugsweise auf diesem Weg geteilt werden. Dies bestätigt die Bedeutung der mobilen Kommunikation wie sie schon in früheren Untersuchungen (z.B. von Döring & Dietmar 2003 sowie Höflich & Linke 2011) hervorgehoben wurde. Social Network Sites (SNS) hingegen spielten bei den befragten Paaren nur eine Nebenrolle in der Kommunikation und werden eher zum individuellen Identitäts- und Beziehungsmanagement, etwa im Kontakt mit Freunden und Bekannten genutzt. In der Paarkommunikation werden die Netzwerkseiten lediglich ergänzend zu anderen Kommunikationsmedien und für das Besprechen vermeintlich „unwichtiger“ Angelegenheiten gewählt. Die sogenannte „interpersonale Medienwahl“ zeigte sich auch hier: Alle Paare betonten, ihre Mediennutzung bewusst oder unbewusst miteinander „auszuhandeln“. Vor allem die männlichen Partner sind offenbar medial tonangebend. So würden die weiblichen Interviewpartner SNS öfter und intensiver nutzen, wenn ihre Partner ebenfalls auf diesen Seiten aktiver wären. Eher kritisch sehen die Paare dabei die – zumindest theoretisch gegebene – „Kontrollmöglichkeit“ eines Partners durch den anderen innerhalb eines Netzwerkes. Aber auch wenn die Ergebnisse zeigen, dass Social Network Sites zunächst nicht explizit die Kommunikationsbedürfnisse von Paaren in Fernbeziehungen erfüllen, stellt sich doch über den Aspekt der Mobilität hinaus die Frage, ob die zunehmende Medienkonvergenz nicht zwangsläufig dazu führt, dass auch diese Angebote innerhalb der Paarkommunikation künftig eine höhere Bedeutung erlangen werden. Das Smartphone ermöglicht schon heute eine größere Flexibilität bei der Nutzung klassischer Handyfunktionen, aber auch onlinebasierter Netzwerke.

Dennoch: Egal wie viel über den Tag via sozialen Netzwerken, SMS oder Chat kommuniziert wurde, die sogenannte „Anschlusskommunikation“, also das abendliche Telefonat, ersetzen diese Kanäle bislang nicht. In der Anbahnung einer Partnerschaft und in der Alltagskommunikation mit Freunden hingegen spielen die Social Network Sites eine größere Rolle. „Heute gibt kaum noch jemand so schnell seine private Telefonnummer raus, wenn er jemanden kennenlernen möchte. Man fragt einfach ‚Bist du bei Facebook oder StudiVZ?‘ und ‚gruschelt‘ ihn dann, d.h. man nimmt im Netz Kontakt auf“, weiß Juliane Kirchner zu berichten.

Und der klassische Festnetzanschluss, ist der jetzt vollkommen „out“? „Ich denke, er wird über Kurz oder Lang verschwinden“, prognostiziert Kirchner die Auswirkungen der Medienkonvergenz, also der Möglichkeit, alles in einem Endgerät abzudecken. „Die Kommunikation via Handy bzw. Smartphone und Internet (z.B. Skype) bietet immer mehr Möglichkeiten, zusätzlich etablieren sich Tarife (z.B. Flatrates), die einen Festnetzanschluss überflüssig werden lassen.“ Und Kirchner lehnt sich sogar noch weiter aus dem Fenster, wenn sie vermutet, dass auch die klassische E-Mail aus der Partner- oder Freunde-Kommunikation immer mehr verschwinden wird. „Wir können heute via Handy oder soziale Netzwerke ganz unkompliziert Daten und Informationen  austauschen oder miteinander verlinken. Wir sehen, wer gerade online ist und können sofort Kontakt aufnehmen. Immer mehr geschieht auch innerhalb dieser Kommunikation in ‚Echtzeit‘. Die E-Mail wird vielleicht noch im geschäftlichen Bereich eine Rolle spielen, im privaten wird sie irgendwann überholt sein.“

Und der klassische, handgeschriebene Liebesbrief? Juliane Kirchner lächelt: „Der läuft immer noch außer Konkurrenz und ich hoffe, dass er nie ganz von der Bildfläche verschwinden wird“.

Nähere Informationen / Kontakt:

Juliane Kirchner, M.A.

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