Université d'Erfurt

Wie Geräusche das Bild einer Stadt zeichnen: Ein Gespräch über den Sound des öffentlichen Raumes mit Dr. Heiner Stahl

Dr. Heiner Stahl
Dr. Heiner Stahl

Geräusche sind für ihn nicht einfach nur Geräusche. Lärm ist nicht nur Lärm. Für Dr. Heiner Stahl, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Erfurt, sind sie das Objekt seiner Forschung. Kommunikationsmedien, wenn man so will. Ein Gespräch über den Sound des öffentlichen Raumes …

Welches Geräusch war heute das erste, das Sie wahrgenommen haben?
Das Wummern der Stauffenbergallee hier in Erfurt, durch die geschlossenen Fenster. Und später dann den Deutschlandfunk.

Sie forschen am Lehrstuhl für Kultur- und Medientheorie, Mediengeschichte der Universität Erfurt bei Prof. Dr. Michael Giesecke zum Thema „Sound und Lärm als Kommunikationsmedien“. Wie sind Sie darauf gekommen?
Ich habe zwei Jahre in London gelebt. Als ich dort morgens mit der U-Bahn zur Arbeit fuhr, habe ich immer über Kopfhörer Musik gehört. Aber die Umweltgeräusche, also das Rattern und Scheppern der Londoner Undergroundbahn, waren so laut, dass ich meinen MP3-Player immer so laut stellen musste, damit ich überhaupt Musik hören konnte. Irgendwann hatte ich das Bedürfnis, meine Ohren einfach ganz zuzumachen. Ich habe mir daraufhin im Baumarkt Lärmschutz-Kopfhörer besorgt wie man sie normalerweise auf einer Baustelle trägt. Das hat mich abgeschirmt und die ganze Sache sehr viel entspannter gemacht. Ich habe auf diese Weise auf dem Weg zur Arbeit und zurück meine persönliche Dezibel-Zahl radikal gesenkt und mich so sehr viel besser gefühlt. Und es bleibt mir ein Rätsel, warum Pendler in London so eine Belastung aushalten, oder zumindest so tun, als ob das einfach dazugehöre, wenn man dort lebt. Diese Geschichte hat mich schließlich auf die Idee zu meinem Forschungsprojekt gebracht. Und nun bin ich hier, an der Universität Erfurt, und untersuche die Konstellationen von Sound, Lärm und Umwelt. Ich betrachte dies über eine längere Zeitspanne und verknüpfe dabei kulturhistorische, kommunikationstheoretische und medienwissenschaftliche Zugänge miteinander. Oder anders gesagt: Ich beschäftige mich mit der Ästhetik und der sinnlichen Wahrnehmung des Hörens. Ich frage beispielsweise danach, wie Lärm zum Problem wird und welche Lösungswege Menschen dabei wählen, aber auch danach, welche sie verwerfen.

Wie gehen Sie dabei methodisch vor?
Ich versuche vor allem anhand von Aktenbeständen verschiedener Archive – unter anderem dem Stadtarchiv Erfurt, dem Thüringer Hauptstaatsarchiv Weimar sowie den Firmenarchiven wie Ohropax, Klosterfrau oder Beiersdorf – den Versuchen anderer, Lärm zu normieren, auf die Spur kommen. Dabei schaue ich mir an, wie man Sound oder Lärm im städtischen Raum ausgemacht bzw. wahrgenommen und behandelt hat – zum Beispiels anhand von Flugrouten oder Lärmkarten im Bereich von Flughäfen. Zum anderen frage ich mich, wie Lärmentwicklung im städtischen Raum gemessen und bewertet und zu Entscheidungsgrundlagen gemacht wird. Dafür gibt es ja ganz verschiedene Möglichkeiten. Man kann beim Messen eine ingenieurwissenschaftliche Perspektive einnehmen, aber es gibt eben auch andere Analysemöglichkeiten wie beispielsweise die kulturelle und soziale Prägung oder das  subjektive Empfinden des Einzelnen – Möglichkeiten, die ich nicht außer Acht lassen will und in meine Analyse bzw. meine Forschung einbeziehe.

Zu welchen Ergebnissen sind Sie bislang gekommen?
Bereits seit Ende der 1960er-Jahre wurden für Erfurt sogenannte Lärmkarten erstellt. Dabei fällt auf, dass die Lärmkarte aus dem Jahr 1968 fast genauso aussieht wie die von 2008. Und das obwohl die Stadt sich im Vergleich zu damals doch verändert hat. Die großen Industriegebiete im Nordosten sind deutlich kleiner geworden. Dennoch stimmen die groben Schraffierungen auf der aktuellen Karte mit den Kennzeichnungen in diesen frühen Versuchen überein. Dabei stellt sich für mich die Frage, wie genau sich eine Klanglandschaft verändert. Ist sie am Ende resistent gegenüber Veränderungen von politischen Systemen oder vollzieht sich diese Wandlung womöglich erst deutlich später? Meine Vermutung ist, dass die Gestaltung des Sounds einer Stadt bzw. des öffentlichen Raumes gegenüber gesellschaftlichen Veränderungen ziemlich träge ist.


Sie sprachen mehrfach von Lärmkarten, wie werden solche Karten eigentlich erstellt
?
Dabei wird mit Hilfe von Dezibel-Messgeräten an bestimmten Punkten, beispielsweise am Erfurter Innenstadtring, ein Dauerschallpegel aufgezeichnet. So kommt man zu Dezibel-Klassen, die an zuvor festgelegten Grenzwerten gemessen werden können. Auf diese Weise kann man Lautstärken als zulässig oder eben unzulässig – weil grenzwertübersteigend –einstufen. Allerdings wäre die Wahrnehmung eines Menschen, der am selben Punkt wie das Messgerät stünde, natürlich ganz anders als die der „Maschine“ – ganz davon abgesehen, dass ja auch jeder Mensch ein individuelles Lärmempfinden hat und Geräusche auch auf seine eigene Weise für sich einordnet.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?
Man könnte ja fragen, ob ein punktuelles Lärmereignis Einfluss auf das subjektive Empfinden vom jeweiligen Ort hat: Wenn man beispielsweise in der Einflugschneise des Flughafens Erfurt-Weimar wohnt und mehrmals am Tag vom Lärm des Flugverkehrs betroffen ist, kann es gut sein, dass man sich bereits an diese Geräuschkulisse gewöhnt hat oder dass man sie nicht als störend empfindet, weil man gerade fernsieht, duscht oder Abendbrot isst. Wenn einen der Lärm allerdings beim Entspannen, Lesen oder Lernen erwischt oder wenn man nicht an ihn gewöhnt ist, weil man normalerweise in einer sehr ruhigen Umgebung lebt, dann empfindet man den Fluglärm als besonders belastend – wenngleich er sich selbst ja nicht verändert hat.

Apropos Flughafen Erfurt-Weimar: Welchen „Soundtrack“ würden Sie denn Erfurt zuweisen?
Wenn ich mir erlauben dürfte, das aus einer geschichtswissenschaftlichen Perspektive über mehrere Jahrhunderte zu betrachten, würde ich sagen, dass die Kirchturmglocke der prägendste Marker der Erfurter Klanglandschaft ist. Wenn ich aber mein persönliches Empfinden den Geräuschen dieser Stadt gegenüber betrachte, dann würde ich das Plätschern der Gera bei „Klein-Venedig“ nennen. Dort ist beispielsweise das wuselnde Element der Krämerbrücke deutlich reduziert. Was man aber sicher sagen kann ist, dass Erfurt mit Ausnahme des Innenstadtringes, der Stauffenbergallee, Blumen- und Nordhäuserstraße wohlgemerkt, im Vergleich zu anderen Städten hinsichtlich der Geräusche total entspannend ist und das finde ich super. Ich selbst komme aus der Gegend um Stuttgart, da ist das mit dem Verkehrslärm schon etwas ganz anderes.

Jedes Jahr im April gibt es einen „Tag gegen Lärm“, die deutsche Variante des internationalen „Noise Awareness Day“. Haben Sie einen Tipp, wie man Lärm am besten entkommt?
Wichtig ist meiner Meinung nach gar nicht so sehr, dem Lärm zu entkommen, sondern sich bewusst zu machen, inwiefern man mit ihm konfrontiert ist und auf welche Weise man sich Lärm nähern muss, damit man ihn in die eigene sinnliche Wahrnehmung integrieren kann und die damit verbundenen Probleme und Belastungen möglichst klein hält. Die Lüftung eines Computers kann zum Beispiel so sehr stören, dass man sich beim Schreiben nicht mehr konzentrieren kann. In der Diskothek oder bei einem Rockkonzert ist der Geräuschpegel sehr viel höher – manch einen stört das überhaupt nicht, manch einer schützt sich mit Ohrstöpseln. Den „Tag gegen Lärm“ finde ich dennoch wichtig, denn sein Ziel ist es ja, die Leute für dieses Thema zu sensibilisieren und auf die aus dem Lärm resultierenden Schäden aufmerksam zu machen.

Wenn Sie sich beruflich so intensiv mit dem Thema beschäftigen, hören Sie dann eigentlich auch im „normalen Leben“ anders hin?
Ganz klar: Ja. Ist Ihren Ohren beispielsweise mal die Textilfabrik in der Erfurter Stauffenbergallee aufgefallen? Vermutlich nicht. Ein sehr angenehmer Klang, zumindest für mich, wenn ich daran vorbeilaufe. Das mag für die Beschäftigten durchaus anders sein. Da sind meistens die Fenster offen und man kann das Rattern von Flechtmaschinen hören. Fast wie ein Wasserfall hört sich das an. Auf der einen Seite rauschen die Autos auf der Hauptstraße vorbei und auf der anderen Seite hört man dieses Geräusch, wunderbar. Diese Sensibilität für das Hören oder Wahrnehmen, die habe ich mir in den vergangenen Jahren – auch durch meine intensive Beschäftigung mit dem Thema – angeeignet. Und das ist wirklich eine tolle Erfahrung.

Mit Dr. Heiner Stahl sprach Christiane Bähr.

Weitere Informationen / Kontakt:

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