Université d'Erfurt

Toleranz lernen und Geschichte neu schreiben – ein Interview mit Prof. Günter Stemberger

Professor Günter Stemberger
Professor Günter Stemberger

Der Wiener Professor Günter Stemberger ist eine internationale Koryphäe auf dem Gebiet der Judaistik. Deshalb ließ er es sich auch nicht nehmen, trotz Ruhestands die Einrichtung der neuen Forschergruppe „Dynamik ritueller Praktiken im Judentum in pluralistischen Kontexten von der Antike bis zur Gegenwart“ an der Universität Erfurt zu unterstützen, sich als Mitglied ihrer Kerngruppe aufstellen zu lassen und hier weiter intensiv das Judentum zu erforschen. Bei der Auftakttagung des Research Centres hielt er in diesen Tagen den Eröffnungsvortrag. Wir haben mit ihm über die Entwicklung der Judaistik, die Verflechtungen von Christen- und Judentum und seine Erwartungen an das neue Research Centre gesprochen.

Professor Stemberger, Sie haben neben Judaistik auch Theologie studiert, also die allgemeine Lehre von Gott. Was hat Sie dann besonders an der Judaistik und an der Erforschung des Judentums interessiert?

Anfangs galt mein Interesse der Bibel und der biblischen Sprache. Dann wollte ich mehr wissen über das Umfeld, in dem das Neue Testament entstanden ist und wie die Bibel weiter ausgelegt wird – auch innerhalb der Alten Geschichte insgesamt. Aus diesem Interesse hat sich dann ein  Forschungsschwerpunkt herausgebildet. Beeinflusst wurde ich dabei auch von meinen Erfahrungen während meiner Dissertation in Lyon in den 1960ern: Das war eine Zeit, als Algerien gerade unabhängig wurde und hunderttausende algerische Juden nach Frankreich kamen. Es gab eine  enorme Explosion der Präsenz des Judentums in Frankreich und später mit dem Sechstagekrieg eine sehr verbreitete Israelbegeisterung im Westen. Das hat Eindruck auf mich gemacht.

Wo Sie gerade schon politische Aspekte ansprechen: Wenn man sich mit dem Judentum auseinandersetzt, ist das reine Forschung oder auch immer ein bisschen Aufklärungsarbeit der Öffentlichkeit gegenüber?

Ich glaube, dass jede Wissenschaft auch eine aufklärerische Funktion haben sollte, denn Wissen führt ja zu einem informierten Tun. Und das gilt für die Erforschung des Judentums in seinen verschiedenen Aspekten quer durch die Geschichte ganz besonders. Im Prinzip ist das Judentum hier aber ein Paradigma für alle Formen des Anderen, für alle fremden Kulturen, für die Frage, wie man mit ihnen umgeht und lernt, sie zu verstehen. Man sieht darin nicht nur das Gegenüber an sich, sondern auch Abwandlungen des Eigenen, die einen auf den ersten Blick fremd vorkommen. Bei der Erforschung des Judentums – wie bei der anderer Religionen oder Kulturen – lernt man ganz automatisch Toleranz.

Sie beschäftigen sich ja schon seit den 60er-Jahren mit diesem Thema. Hat sich denn seitdem etwas verändert in der Forschung?

Oh ja, es gab ziemlich starke Veränderungen, inhaltlich und methodisch. Damals war zum Beispiel fast jede Beschäftigung mit dem Judentum eine Beschäftigung mit der historischen Entwicklung mit einem Schwerpunkt auf der Antike, auf der rabbinischen Periode, das heißt dem ersten Jahrtausend unserer Zeitrechnung. Das war überall zentral. Das hat sich im Laufe der Zeit sehr verschoben, im deutschen Sprachraum ist das Mittelalter hinzugekommen und seit etwas mehr als 20 Jahren spielt auch die Gegenwart eine immer stärkere Rolle, sodass man heute in den judaistischen Studien Deutschlands, aber auch bei uns in Wien, häufig einen Schwerpunkt auf der Neuzeit hat. Auch die Methoden haben sich geändert. Wenn ich heute von meinem Verlag gefragt werde, ob eines meiner Bücher aus den 1970ern unverändert nachgedruckt werden dürfe, stimme ich nie zu, sondern reiche immer eine überarbeitete Fassung zum Nachdruck ein. Es hat sich zu viel verändert, gerade auch in der Bewertung und Datierung der historischen Quellen. Da ist die Forschung heute viel sensibler geworden und es macht wirklich einen enormen Unterschied aus, wie ich historische Entwicklungen verschiedener religiöser Vorstellungen auch zur Erklärung politischer Entwicklung heranziehen kann. Nehmen wir das Beispiel des zweiten großen jüdischen Krieges, der  132-135 n. Chr. stattfand. Der römische Kaiser Hadrian, der die Beschneidung verbieten wollte, auf der einen Seite und der Rabbiner und „Sternensohn“ Bar Kochba auf der anderen. Dieser Aufstand war viel blutiger als der erste und anschließend haben alle rabbinischen Quellen gesagt, dass es von da an eine enorme Religionsverfolgung gab – bis zum Tod Hadrians sei die Beschneidung verboten gewesen, das Studium der Thora und alle möglichen anderen religiösen Praktiken. Wenn man aber einmal genau hinschaut, wann die einzelnen Verbote tatsächlich zum ersten Mal belegt sind, so findet man auch da: Je weiter man zeitlich wegkommt von den Ereignissen, umso umfangreicher wird die Liste der angeblichen Verbote. Also ein Großteil dessen, was in den rabbinischen Quellen als sogenannte hadrianische Verfolgung läuft, ist offenbar spätere Märtyrerideologie und hat nichts mit der historischen Wirklichkeit zu tun. Das gab es natürlich auch auf christlicher Seite: Ideologisch verfärbte Vorstellungen wurden lange als Fakten, als historische Belege betrachtet, ohne die historische Richtigkeit zu Hinterfragen.

Und die Aufgabe der heutigen Forschung ist es nun, dies einer Überprüfung zu unterziehen?

Ja, das ist für uns eine ständige Aufgabe. Und dann entdeckt man zum Beispiel, dass Annahmen, die früher als sicher galten, heute nicht mehr haltbar sind. Zum Beispiel die Annahme, das 4./5. Jahrhundert sei eine Zeit gewesen, in der es bereits den totalen Kampf des Christentums gegen das Judentum gegeben hat. Dabei liefen damals beide – sicher auch mit negativen Punkten – aber im Grunde genommen ganz friedlich nebeneinander her, man tauschte sich aus. Auch die Orientierung an den damaligen römischen Gesetzen ist einfach falsch. Zum Beispiel war laut Gesetz ab 423 der Neubau von Synagogen verboten, es durften nur noch bestehende einsturzgefährdete Synagogen renoviert werden. In Wirklichkeit stammen 80 Prozent der Synagogen der byzantinischen Zeit in Palästina, die ausgegraben wurden und manchmal sogar das Erbauungsjahr auf ihrer Fassade verzeichnet haben, aus der Zeit danach. Und die wurden in Sichtweite einer christlichen Kirche gebaut, ohne dass sich die Mönche auflehnten. Daran sieht man, dass die immer noch verbreitete einseitige Geschichte der immerwährenden Christen- und Judenfeindschaft auch nicht stimmt. Man kann nicht einzelne Texte herausnehmen, die außerhalb des Kontexts betrachten und sagen, das ist die Einstellung der Kirche. Es gibt viel mehr friedliche Koexistenz und gegenseitige Beeinflussung als man erwarten würde.

Und genau diese Beeinflussungen und Verflechtungen von Christen- und Judentum sind nun der Forschungsgegenstand des neuen Research Centre der Universität Erfurt, zu dessen Kerngruppe Sie gehören?

Genau, und auch hier gab es einen Wandel. Als ich anfing, dazu zu forschen, war man der Meinung, Judentum und Christentum trennen sich am Ende des ersten Jahrhunderts und was danach kommt, sind total verschiedene Entwicklungen, sodass man das dann auch als Datierungskriterium verwendet hat: Wenn eine Tradition im Christentum da ist, die auch jüdisch belegt ist, dann muss diese Tradition schon vor der Zeit Jesu existiert haben. Das war eine Position, die auch von jüdischen Forschern gern aufgegriffen wurde, um damit ihre eigenen Traditionen früh zu datieren. Das war lange Zeit die herrschende Meinung, hat sich aber in den vergangenen 20 bis 30 Jahren weiterentwickelt zu einem Thema, das auch Teil unserer Tagung ist, nämlich: wie sich Judentum und Christentum quer durch die ganze Geschichte parallel entwickelten, in ständiger gegenseitiger Abstoßung und Annäherung. Es war immer Reaktion da und das sieht man bei unserem ersten Jahresthema, dem Tempel, ganz deutlich.

Die Tempelthematik hatten Sie ja vorgeschlagen als Auftaktthema für das Research Centre und seine Eröffnungstagung. Was erwarten und erhoffen Sie sich von der Auseinandersetzung damit?

Ich erwarte mir einerseits, dass viel stärker herausgebracht wird, dass viele Traktate der Mischna, dem ersten großen jüdischen Werk nach der Zerstörung des Tempels, nicht die Wirklichkeit reproduzieren, sondern eher Idealpositionen darstellen. Einer unserer Referenten, Naftali Cohn, hat das in einer Monografie bereits herausgearbeitet und gezeigt, wie die Rabbinen, die ja keine priesterliche Herkunft haben, in den Traktaten ihre eigenen Positionen in den Tempel hineinschoben und so die Geschichte einfach umgeschrieben haben. Für die christliche Seite interessiert mich in erster Linie, wie genau verschiedene Formen von Tempelorientierung im Laufe der Zeit wiederkehrten und wie die Tempelsymbolik in verschiedenen Teilen der Erde übernommen wurde.

Mit der Tempelthematik ist auch der eigentliche Kern des Erfurter Forschungsgegenstandes eng verknüpft: jüdische Rituale. Welche Bedeutung haben denn Rituale insgesamt in der Judaistik?

In der Judaistik wurden Rituale die längste Zeit überhaupt nicht untersucht. In der Erforschung des Christentums erfolgte das über eigene Professuren der Liturgiewissenschaft, aber auch da wurden immer eher die Textentwicklungen betrachtet, als die Rituale, die damit verbunden sind. Dasselbe gilt für die jüdische Forschung, wo die Geschichte der einzelnen Gebete sehr genau erforscht worden ist. Aber wenn es um Rituale geht im eigentlichen Sinn, ohne Texte, so wüsste ich nicht aus früherer Zeit, wo das je entsprechend untersucht worden ist. In den vergangenen zehn Jahren gab es lediglich eine Monografie dazu. Es kommt langsam stärker auf, das gesamte Umfeld rund um Rituale, ihre spätere Darstellung und Rekonstruktion zu sehen. Für die Entwicklung einer Religion spielt das eine wichtige Rolle. Gerade bei Beschreibungen von Tempelritualen sage ich mir oft: Das kann doch gar nicht so gewesen sein. Das muss man doch einmal im Detail untersuchen, um herauszufinden, wo und wann wird etwas erfunden und auf welcher Basis?

Gibt es für Sie denn ein jüdisches Ritual, das Sie besonders fasziniert?

Zum Abschluss des Laubhüttenfestes gibt es ja das Fest der Freude der Thora und ich war vor zwei Jahren zuletzt genau zu dieser Zeit in Jerusalem. Es ist schon faszinierend, zuzuschauen, wie unterschiedlich das Fest begangen wird – an der Klagemauer und in den unterirdischen Bereichen, wo die verschiedenen jüdischen Gruppen ihre kleinen Synagogen haben. Man tanzt mit der Thorarolle – bei manchen eher statisch, bei manchen sehr ausgelassen. Ich war am eigentlichen Feiertag noch in einer orthodoxen Synagoge in der Altstadt und wollte das eigentlich nur von außen betrachten, ein Rabbiner hat mich dann aber auch gleich reingezogen. Auch junge Frauen durften mittanzen, obwohl dies höchstens Mädchen vor der Pubertät erlaubt ist. Da kannte man keine Grenzen mehr. Das ist ein Freudenfest, an dem man den Jahreszyklus der Lesung der fünf Bücher Mose beendet hat – und der am selben Tag gleich wieder von vorn beginnt. Und das wird groß gefeiert und es ist sehr beeindruckend zu sehen, wie das gefeiert wird.

Also ist nicht die Beschreibung des Rituals ist das Faszinierende, sondern…

… wie es gelebt wird, genau!

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