Université d'Erfurt

Zweckentfremdung: Wie Rechtsextreme im Internet die germanische Mythologie für ihre Propaganda nutzen: Prof. Dr. Dr. Georg Schuppener

Prof. Dr. Dr. Georg Schuppener
Georg Schuppener

Im Internet häufen sich in jüngster Zeit Auftritte Rechtsextremer, die die germanische Mythologie für ihre Zwecke nutzen. Apl. Prof. Dr. Dr. Georg Schuppener, Sprachwissenschaftler an der Universität Erfurt, forscht aktuell zu diesem Thema.

An welchen Projekten arbeiten Sie gerade?

Aktuell habe ich einen DFG-Antrag zum Thema „Adaption und Missbrauch germanischer Mythologie im Rechtsextremismus – Erberezeption, Identitätsstiftung, Propagandainstrument“ eingereicht. Das heißt: Wie greifen die Rechtsextremen auf germanische Mythologie zu? Wie nutzen und wie interpretieren sie diese? Ein Nischenthema. Der rechtsextreme Rückgriff auf die Mythologie stellt ein vergleichsweise junges Phänomen dar. Erst seit den 1990er-Jahren findet Mythologisches verstärkt Eingang in die rechtsextreme Selbstdarstellung.


Und was sind dabei Ihre neuesten Forschungsergebnisse?

Es gibt ein Internetforum, thiazi.net, auf dem sich Rechtsextreme austauschen. Ich habe festgestellt, dass die germanische Mythologie dort sehr frequent eine Rolle spielt. Es gibt bisher überhaupt keine Studien in dem Bereich. Es war zwar bekannt, dass es Seiten gibt, auf denen sich Rechtsextreme austauschen, aber dass das Thema germanische Mythologie dort prominent vertreten ist, das ist ganz neu. In „wunders vil: Zur Aktualität des Mythos“, einem Buch, dessen Mitherausgeber ich bin, wurde dazu ein Aufsatz veröffentlicht.

Was haben Sie in Bezug auf die Sprachwissenschaft bei diesem Projekt herausgefunden?

Man muss sich neben dem Umfeld natürlich auch die Sprache aus ganz unterschiedlicher Perspektive anschauen. Welche Lexik kommt da vor? Welcher Wortschatz wird benutzt? Wo tauchen Chiffren auf? Welcher Stil herrscht da vor? In meinem Buch „Sprache des Rechtsextremismus“ von 2010 konnte ich zeigen, dass es eine bestimmte Zielgruppe gibt, die angesprochen wird. Man kann damit auch etwas über den Bildungsstand sagen, und man sieht, wie vielfältig das rechtsextreme Spektrum ist. Es sind nicht nur die Leute, die man in den Medien sieht, sondern es gibt auch Personen mit dezidiert intellektuellem Anspruch. Damit muss man das Bild, das in den Medien präsentiert wird, differenziert betrachten.


Warum ist die germanische Mythologie für die rechtsextreme Szene überhaupt attraktiv?

Über die germanische Mythologie knüpfen die Rechtsextremen an den Nationalsozialismus an, ohne dass sie sich strafbar machen. Sie nutzen den Umweg über die Germanen und können damit indirekt das NS-Regime verherrlichen. Die germanische Mythologie ist ein Kulturgut, das man nicht verbieten kann. Folglich kann man darauf zurückgreifen und eine Traditionslinie herstellen. Attraktiv ist auch, dass die germanische Mythologie der Ideologie des Rechtsextremismus nahe kommt, weil da Gewalt eine große Rolle spielt. Ein Großteil meiner Forschungsergebnisse zeigt, dass die germanische Mythologie für rechtsextreme Gruppen zur Identitätsstiftung dient, beispielsweise werden im Internetforum Götternamen verwendet, die Eigenschaften wie Macht, Stärke, Unbesiegbarkeit oder auch besonderes Wissen auf die Träger der Namen übertragen. Außerdem wird mit Chiffren gearbeitet, zum Beispiel sagt man nicht „wir wollen die Demokratie stürzen“, oder „wir wollen den Nationalsozialismus wieder einführen“, sondern man nimmt das Bild der Ragnarök (den Mythos vom Endkampf und Untergang der Götter) als Vorbild – diese Chiffre ist nicht angreifbar.


Was machen Sie mit Ihren Forschungsergebnissen?

Ich plane, ein Buch daraus zu machen und das Ganze ein bisschen größer anzufassen. Ich habe mir bisher nur ein Forum angeschaut. Es gibt aber mehrere Foren, auch eine amerikanische Version. Das Thema ist also nicht nur auf den deutschsprachigen Raum begrenzt, in anderen Ländern gibt es das ebenfalls, in der Slowakei zum Beispiel. Es ist also nicht nur ein Thema, das auf den deutschen Rechtsextremismus fokussiert ist, sondern das auch in anderen Ländern vorhanden ist. Bei meiner weiteren Forschung möchte ich da auch Vergleiche bringen.
Im Vordergrund meiner Arbeit stehen die Deskription und Analyse. Das heißt: Was ist eigentlich da? Wofür wird es gebraucht? In welchem Sinne wird es gebraucht? Ich versuche, das aus der sprachwissenschaftlichen Perspektive aufzuarbeiten. Die politischen Schlüsse daraus zu ziehen, ist nicht primär meine Aufgabe, sondern die Ergebnisse können für andere Grundlage einer politischen Bewertung sein.

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