Université d'Erfurt

20 Jahre Kommunikationswissenschaft in Erfurt

Medien und Einwanderung

Medien, Flüchtlinge und Rechtspopulismus

Der Lehrstuhl von Prof. Dr. Kai Hafez hat die Repräsentation von Flüchtlingen in deutschen Medien erforscht. Große deutsche Massenmedien haben im Frühjahr 2015 einen hilfsbereiteren Umgang der deutschen Regierung mit Flüchtlingen begünstigt, sie waren und sind aber auch mitverantwortlich für die negative Wende im öffentlichen Diskurs seit dem Herbst desselben Jahres. Die parallel verlaufenden Umbrüche des öffentlichen Meinungsklimas legen die Annahme einer starken aktiven Rolle und Wirkung von Medien nahe. Umso bedeutsamer erscheint die Suche nach Ursachen nicht nur für die advokative Rolle der Medien, sondern auch für deren plötzliche „Mitleidsmüdigkeit“. Populistische Neigungen, unklare Blattlinien und ein fehlender Konsens eines „Humanitätsjournalismus“ gehören zu den treibenden Kräften einer oft unrealistischen Krisenwahrnehmung, die nicht zuletzt den Rechtspopulismus begünstigt. Deutlich wird allerdings auch das Zerfallen eines Konsenses im politischen Machtzentrum des deutschen Regierungslagers, vor dessen Hintergrund sich die starke Medienwirkung erst entfalten konnte. Ein humanitärer Grundkonsens fehlt also auch hier.

Prof. Hafez hat zudem anlässlich der Kommentierung eines Forschungsprojekts der renommierten London School of Economics and Political Science (LSE) die Medien für die aktuelle rechtspopulistische Welle in den USA und Teilen Europas verantwortlich gemacht. Während vergleichende europäische Studien übereinstimmend zeigten, dass die internationale Politik im Nahen Osten als Verursacher der Flüchtlingswelle in den Medien ausgeblendet werde, werde zugleich dem Rechtpopulismus von Trump über den Brexit bis zur deutschen AfD zu viel mediale Aufmerksamkeit gespendet. Der sogenannte „postfaktische“ Journalismus erliege selbst dort, wo er kritisch berichte, dem auf Polemik, Sensation und Kolportage basierenden Medientaktiken der Rechten. Nicht die schweigende Mehrheit werde repräsentiert, sondern rechte Argumente würden dadurch, dass sie oft mehr Raum als Botschaften anderer Parteien erhielten, hoffähig gemacht, was der Agenda rechter Bewegungen erst die Aufmerksamkeit verschaffe, um sie zu einem Sammelbecken der Unzufriedenheit und des Protests zu machen. Journalisten würden hier oft unbewusst nicht nur zu Chronisten, sondern zu Definitoren eines anti-liberalen Zeitgeistes. Kurzfristig möge diese Strategie kommerzielle Systeminteressen der Medien bedienen. Langfristig würden postfaktischer Journalismus und radikales Politainment aber den Journalismus als System einer sinnvollen gesellschaftlichen Selbstbeobachtung in Frage stellen.

Publikationen

1. Kai Hafez, Lost in Discourse – the Mass Media’s Role in CreatingTrump and Right -Wing Populism,Talk Given at the London School of Economics and Political Science, November 18, 2016, as a Comment to the Research Project “Media Coverage of the ‘Refugee Crisis’: a Cross-European Perspective” by Dr Myria Georgiou and Dr Rafal Zaborowski https://www.uni-erfurt.de/fileadmin/user-docs/philfak/kommunikationswissenschaft/files_publikationen/hafez/Rede_London_LSE.pdf

2. Kai Hafez, Compassion Fatigue der Medien? Warum der deutsche „Flüchtlingssommer“ so rasch wieder verging, in: Global Media Journal/German Edition Vol. 6, No.1, Spring/Summer 2016 https://www.db-thueringen.de/servlets/MCRFileNodeServlet/dbt_derivate_00035505/GMJ11_Hafez.pdf

Türkische Mediennutzung in Deutschland

Das Presse- und Informationsamt der Bundesregierung hat Prof. Dr. Kai Hafez im Jahr 2001 beauftragt, eine qualitative Studie zum Mediennutzungsverhalten türkischer Einwanderer in Deutschland anzufertigen. Die These steht im Raum, dass der Konsum türkischsprachiger Medien die Entstehung einer Parallelgesellschaft fördern könne, während eine Hinwendung zu deutschen Medien die Integration unterstütze. Für diese These sprechen eine Reihe von Erscheinungen, insbesondere die rapide Zunahme des Konsums von türkischen Fernsehprogrammen via Satellit seit den 90er Jahren. Erfahrungen aus anderen Ländern - etwa Untersuchungen des Medienverhaltens von Iranern in Los Angeles oder Indern in London - zeigen jedoch auch, dass die Nutzung muttersprachlicher Medien ein vieldeutiger Prozess ist. Je nach der politischen Orientierung des Einzelnen, der peer group oder des Meinungsführermilieus, in dem er/sie sich bewegt, kann es zu einer nationalistischen Aufladung im Sinne der "Ethnisierung" und zur zunehmenden Konfrontation mit der "Gastgebergesellschaft" kommen. Oder aber es findet eine "strategische Ethnisierung" im Sinne einer sozio-psychologischen Erleichterung der staatsbürgerlichen Integration statt. Kulturelle Ethnisierung durch Medien kann unter bestimmten Bedingungen die staatsbürgerliche Integration insbesondere der ersten Einwanderergenerationen durch die Erhöhung der Akzeptanz gegenüber dem neuen kulturellen und gesellschaftlichen Umfeld fördern.

Im Rahmen der qualitativen Untersuchung ist durch Interviews mit türkischen Familien und Einzelpersonen in Deutschland eine Klärung politisch-gesellschaftlicher Zusammenhänge der Mediennutzung erfolgt. Zu den Ergebnissen der Studie gehört eine differenzierte Typologie von Mediennutzern, wobei je nach der Art des Zusammenhangs von türkisch- oder deutschensprachiger Mediennutzung mit der politischen, sozialen und kulturellen Integration etwa verschiedene Formen an der Türkei orientierten "Exil-Nutzer" von anderen "Diaspora-Nutzern" unterschieden werden. Auch die Gruppe der den deutschsprachigen Medien zugewandten Einwanderer wird differenziert. Die Studie geht auf der Basis der gewonnenen Nutzerperspektiven kritisch mit verbreiteten Annahmen des Zusammenhangs von Medien und Integration ins Gericht. Es zeigt sich, dass das Vertrauen vieler Einwanderer im "Kulturexil" an das deutsche "System" oft sehr ausgeprägt ist - größer als bei vielen jungen Türken, die nur deutsche Medien nutzen. Es gibt keinen konstanten Zusammenhang zwischen Medienkonsum und politischer und sozialer Integration. Medien sind vielmehr ein Katalysator der kulturellen Integration. Die Studie äußert Vorschläge für eine differenzierte medienpolitische Strategie, die den Bedürfnissen der Nutzergruppen gerecht würden und insofern auch erfolgversprechend wäre.

Publikationen

Kai Hafez, Türkische Mediennutzung in Deutschland: hemmnis oder Chance der gesellschaftlichen Integration? Eine qualitative Studie im Auftrag des Presse- und Informationsamtes der Bundesregegierung, Hamburg/Berlin: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, 2002

Kai Hafez, Zwischen Parallelgesellschaft, strategischer Ethnisierung und Transkultur. Die türkische Medienkultur in Deutschland, in: Blätter für deutsche und internationale Politik 25 (2000) 6, S. 728-736

Kai Hafez (Gastherausgeber), Media and Migration: Ethnicity and Transculturality in the Media Age, Schwerpunktheft der Zeitschrift Nord-Süd aktuell 15 (2001) 4

Professur

Professoren

Mitarbeiterin

  • Dr. Liriam Sponholz
    DFG Projekt "Zwischen Konsens, Meinung und Tabu. Die publizistischen Kontroversen um Thilo Sarrazin, Oriana Fallaci und James Watson"

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