Université d'Erfurt

MAX-WEBER-KOLLEG

Netzwerk "Sprachdenken und politische Theorie. Jüdisch-deutsche Beiträge vom 18. bis 20. Jahrhundert", internationales wissenschaftliches Netzwerk in Kooperation mit dem Van Leer Institute in Jerusalem, finanziert von der DFG

Für das ausgeprägte Interesse jüdisch-deutscher Gelehrter an der Sprache und für ihre variationsreichen Sprachtheorien gibt es verschiedene Gründe: Die Sprache der Heiligen Schrift im religiösen Umfeld, das Jiddisch im alltäglichen Umgang waren und sind das Verbindende der Juden in aller Welt: Die das Judentum prägende Erfahrung von Diaspora und äußerem oder innerem Exil, von metaphysischer und realer »Bodenlosigkeit«, das vielfach erlebte Spannungsfeld von Exklusion und Inklusion sowie das Leben in verschiedenen Sprach- und Kulturräumen lässt auch die Frage nach der kulturellen und sozialen Bedeutung von Sprache, Mehrsprachigkeit und sprachlicher Sozialisation ins Blickfeld rücken. Viele jüdisch-deutsche Gelehrte, Schriftsteller und Künstler haben Sprachtheorien vorgelegt oder haben in religiösen, philosophischen, politischen, anthropologischen und ästhetischen Kontexten über die Bedingungen, Möglichkeiten und Grenzen von Sprache oder über Sprachverlust reflektiert; oft mehrsprachig sozialisiert, pflegten sie traditionelle jüdische Textgelehrsamkeit und verfügten über eine besondere Sensibilität für den sprachlichen Ausdruck; seinen Niederschlag fand dies auch in der Hinwendung zum philosophischen Essay, in der Vorliebe für eine Rätsel- und Metaphernsprache, im jüdischen Witz oder in literarischer und lyrischer Produktivität. Gewidmet ist das Netzwerk einer Erkundung des Zusammenhangs von Sprachdenken und politischer Theorie in Texten jüdisch-deutscher Gelehrter seit der Haskala bis heute. In systematischer Absicht geht es um die Frage, welche Rolle die Sprachreflexion in der politischen Theorie spielt und welche politischen Implikationen das Sprachdenken hat. In geschichtlicher Perspektive interessiert der Zusammenhang von Sprachdenken und soziokulturellem Hintergrund des Judentums, da anzunehmen ist, dass das Sprachdenken jüdisch-deutscher Gelehrter auch als Versuch einer Bewältigung ihrer prekären Lebenssituation aufgefasst werden kann.

There are various reasons for the pronounced interest of Jewish-German scholars in language, and for the diverse variety of language theories that originated within this group. The language of the sacred scriptures in religious contexts and the language of Yiddish in day-to-day communication were and are what links Jews around the world. The formative experiences of living in the diaspora, in outer and inner exile, often walking a tightrope between inclusion and exclusion at the edge of real and metaphysical bottomless chasms was bound to throw up questions about the cultural and social significance of language, about multilingualism and about human sociality through language, especially in combination with the experience of living in multilingual and multicultural contexts. Many Jewish-German scholars, writers and artists came up with theories about language or reflected on the conditions, possibilities and borders of language and language loss in their writings on religious, philosophical, political, anthropological and aesthetic themes. These scholars had often been socialized in several languages. They cultivated the traditional Jewish relationship to textual scholarship, and they often possessed an acute sensitivity to the expressive powers of language – something which was also reflected in a tendency to take up genres such as the philosophical essay, in a predilection to speak in riddles and metaphors, in the ready wit of much Jewish humour, and in a high output of literature and poetry. The project wants to outline the historical background of these German-Jewish language theories and wants to describe the intimate relation between their thought on language and political implications.

Koordination und Organisation

Dr. Sabine Sander
Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Kolleg-Forschergruppe „Religiöse Individualisierung“ am Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien der Universität Erfurt
E-Mail: sabine.sander@uni-erfurt.de

TeilnehmerInnen

  • DR. ADORISIO, CHIARA
    (Philosophie): Assistant professor an der Universität La Sapienzea in Rom
  • ALBERT, STEFANIE, M.A.
    (Literaturwissenschaft; Kulturwissenschaften): Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Nachwuchsforschergruppe »Religiöse Rituale im Alten Europa in historischer Perspektive« an der Universität Erfurt
  • DR. DUBBELS, ELKE
    (Germanistik): Akademische Rätin auf Zeit am Institut für Germanistik der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
  • FÄNDRICH, RAMONA, M.A.
    (Judaistik): Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Theologischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
  • DR. FERBER, ILIT
    (Philosophie): assistant professor of Philosophy at the Tel Aviv University
  • PROF. DR. KIRCHHOFF, CHRISTINE
    (Psychologie): Juniorprofessorin für Psychologie mit Schwerpunkt psychoanalytische Kulturwissenschaften an der International Psychoanalytic University Berlin (IPU)
  • DR. KREMER, ARNDT
    (Deutsche Philologie, Philosophie): DAAD-Lecturer un wissenschaftlicher Mitarbeiter am German Department der University of Malta
  • KUNERT, JEANNINE, M.A.
    (Religionswissenschaft): Kollegiatin am Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien Erfurt
  • DR. LIFSCHITZ, AVI
    (Intellectual history): Lecturer in European History am University College London
  • DR. OGRZAL, Timo
    (Germanistik): Habilitand und Lehrbeauftragter am Institut fuer Germanistik II der Universitaet Hamburg
  • DR. WUSSOW, PHILIPP VON
    (Philosophie): Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Simon-Dubnow-Institut für Jüdische Geschichte und Kultur Leipzig und wissenschaftlicher Redakteur der Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur

Erstes Arbeitstreffen am 04./05. Februar 2011 am Max-Weber-Kolleg

Das erste Treffen der Netzwerkgruppe am 04./05. Februar 2011 bot den Teilnehmer/innen die Gelegenheit, sich kennenzulernen, ihre laufenden Forschungsprojekte vorzustellen und zentrale Begriffe und Themenfelder des Projektzusammenhangs zu erarbeiten. Unter der Perspektive der histoire croisée stand die Frage nach den Verflechtungen zwischen der europäischen Aufklärung und der jüdischen Haskala im Mittelpunkt. Dabei wurde aus den einflussreichsten literarischen, religiösen und theoretischen Quellen des deutschsprachigen Judentums seit der frühen Neuzeit eine Typologie jüdisch-deutscher Sprachkultur erarbeitet, die sich in dem Spannungsfeld zwischen den Prozessen der Akkulturation und Formen jüdischer Selbstbehauptung bewegte. Zu den Charakteristika jüdisch-deutscher Sprachkultur zählt neben den Bemühungen um die Kabbala auch das Ideal der Polyglossie und der Wechsel vom Jiddischen zum Standarddeutschen, den die christlichen Deutschen mit Luthers Bibelübersetzung bereits vollzogen hatten und der den jüdischen Deutschen auch eine gesellschaftliche Besserstellung versprach. Weiter beschäftigte sich die Arbeitsgruppe mit dem spannungsreichen Verhältnis von Transterritorialität und Ethnifizierung, in dessen Rahmen sich die jüdisch-deutsche Sprachkultur seit der Haskala und vor allem unter dem Einfluss des liberalen Reformjudentums und des Zionismus im 19. und 20. Jahrhundert bewegte.
Programm

Zweites Arbeitstreffen vom 9. bis 11. September 2011 am Max-Weber-Kolleg

"Jüdisch-deutsche Sprachkultur im Spannungsfeld von Messianismus und Säkularisierung" lautete der Titel des zweiten Workshops, der vom 09. bis 11. September am Kolleg stattfand. Im Mittelpunkt stand die Beschäftigung mit der Frage, wie die seit der europäischen und jüdischen Aufklärung in Gang gekommenen Prozesse der Säkularisierung des Hebräischen, der Sakralisierung des Deutschen sowie die Praxis jüdisch-deutscher Bibelübersetzungen, aber auch das messianische Denken im Judentum und Christentum die Sprachreflexionen jüdisch-deutscher Gelehrter beeinflusst und verändert haben. Diskutiert wurde auch, welche Rolle diese geschichtlichen Prozesse in der gegenwärtigen Sprachpraxis und Sprachpolitik Israels noch spielen. Im Anschluss an die Forschungen der Kolleg-Forschergruppe "Religiöse Individualisierung in historischer Perspektive", der die Koordinatorin des Netzwerks, Dr. Sabine Sander, als wissenschaftliche Mitarbeiterin angehört, wurde auch erkundet, ob und inwiefern der jüdische (und christliche) Messianismus als eine Ausdrucksgestalt religiöser Individualisierung im Judentum verstanden werden kann. Abgerundet wurde das Treffen durch die Besichtigung der Alten Synagoge, der Mikwe und der Erfurter Altstadt. Im Frühjahr und Herbst 2012 finden zwei weitere Workshops am Kolleg statt zu den Themen "Jüdisch-deutsche Sprachkultur im Kontext von Identitätsprozessen und kulturpolitischen Dimensionen" und "Potentialität von Sprache – Grenzen von Sprache", zu denen auch international renommierte Wissenschaftler/innen als Gäste geladen sind.
Programm

Drittes Arbeitstreffen vom 30. März bis 1. April 2012 am Max-Weber-Kolleg

Der dritte Workshop widmete sich einer Erkundung der Sprachkultur deutscher Juden im Kontext von Identitätsprozessen und kulturpolitischen Dimensionen: Der Zusammenhang von Sprache und Identität erweist sich als mehrschichtig: An der Sprache kann man einerseits die Zugehörigkeit eines Menschen erkennen, andererseits ist die Sprache ein Medium der Selbstbildung Einzelner und ganzer Staaten: Mit der Sprache erfasst der Mensch sich selbst und wird sich der Welt bewusst, andererseits ist Sprache das Medium der Vergemeinschaftung und damit der kollektiven Identität. Die Sprachkultur deutscher Juden im 19. Jahrhundert zu untersuchen ist vor allem interessant, weil deren Selbstbild ihrer Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der Deutschen im Kontrast zu antisemitischen Diskriminierungen und Zurückweisungen von Zugehörigkeit stand. Anliegen dieses Workshops war es, diese geschichtliche Spannung von Inklusion und Exklusion in den Sprachreflexionen und Sprachpraktiken deutscher Juden herauszuarbeiten. Dabei wurden vier Schwerpunkte gesetzt, anhand deren sich Identitätsdiskurse und kulturpolitische Dimensionen verknüpfen ließen:
(1) Erstens wurde gefragt, wie sich jüdisch-deutsche Gelehrte im Kontext der Entstehung der "Wissenschaft vom Judentum" zu ihrer doppelten Identität als aufgeklärte Wissenschaftler und fromme Juden verhielten und wie sie versuchten, Vernunft und Offenbarung in Einklang zu bringen.
(2) Zweitens wurde erkundet, welche Gemeinschaftskonzeptionen und Sozialutopien in den Sprachkonzepten der jüdisch-deutschen Gelehrten dieses Generationszusammenhangs verhandelt wurden und welche Modelle des Fremdverstehens sie auf Basis rabbinischer Quellen formuliert haben.
(3) In einer dritten Sektion stand die Praxis des Übersetzens und der Kritik solcher Übersetzungstätigkeiten im Mittelpunkt, verknüpft mit der Frage, wie die Aneignung von und Auseinandersetzung mit Sprache auch als diskurspolitisches Feld genutzt wurde.
(4) Zuletzt ging es um sprachpolitische Diskurse in Israel – erkundet wurden die Einstellungen deutsch-jüdischer Israel-Immigranten zur Sprache generell und zu den Sprachen Deutsch und Hebräisch im speziellen von der fünften Alija bis zur Alija Bet und zur Staatsgründung Israels 1948.
Programm

Viertes Arbeitstreffen vom 28. bis 30. September 2012 am Max-Weber-Kolleg

Das Sprachvertrauen der meisten jüdisch-deutschen Gelehrten in die Erkennbarkeit und Gestaltbarkeit der Welt kam spätestens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts an ein Ende: Zum einen hat der Nationalsozialismus idealistische Vorstellungen der Korrelation von Selbst und Welt hinweggefegt, die Selbstverständlichkeit der menschlichen Integrität in die Welt destruiert und das Vertrauen in die "gemeinsam bewohnte Welt" (Arendt) erschüttert. Zum anderen wird das Ende dieser sprachwissenschaftlichen Tradition durch den Siegeszug des Naturalismus in den Natur- und Kulturwissenschaften evoziert, der in den biopolitischen Debatten unabweisbar ethische Fragen der Menschenwürde aufdrängt. Vor dem Hintergrund dieser doppelten Herausforderung des Menschen- und Weltbildes und der menschlichen Sprache widmete sich der vierte Workshop des dem Thema "Grenzen" in anthropologischer, psychologischer, philosophischer, politischer, sozialer und sprachkritischer Absicht. Aus verschiedenen Perspektiven wurde nach den wechselseitigen Relationen von Sprache, Sprachfähigkeit, Sprachgrenzen und der Sphäre des Politischen gefragt. Der Titel "Sprache als Grenze – Grenze der Sprache" bezeichnet mehrere Formen der Grenzziehung: Zum einen handeln anthropologische Annäherungen an das Wesen des Menschen von der Grenze zwischen Mensch und Tier, die oft in der Sprachfähigkeit des Menschen gesehen wird: Sprache als Symbolsystem (Cassirer/Langer) ermöglicht dem Menschen nicht nur "reactions", sondern "responses" und ist ein Medium sozialer Ordnungsbildung und politischen Handelns. Zum anderen ist Sprache ein Medium der kulturellen und sozialen Distinktion und damit auch ein macht- und diskurspolitisches Instrument. Neben dem Aspekt der Sprache als Grenze ging es um Grenzen der Sprache, einerseits im Kontext der Sprachkritik, andererseits im psychologischen Zusammenhang der Möglichkeiten und Grenzen der Artikulation individueller und kollektiver Traumata.
Programm

Abschlusskonferenz am Van Leer Institute in Jerusalem vom 5. bis 7. Mai 2013

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