Université d'Erfurt

MAX-WEBER-KOLLEG

Prof. Dr. Annette Weissenrieder

Assozierter Fellow am Max-Weber-Kolleg
von Oktober 2014 bis Januar 2015

AWeissenrieder@sfts.edu

Forschungsprojekt

Tempelbild und kultische Sprache in der frühchristlichen Epistolographie (1/2Kor und Eph)

Mit seinem 1932 veröffentlichten Buch „Spiritualisation of the Cultic Concepts of Temple, Priesthood, and Sacrifice in the New Testament“ hat H. Wenschkewitz unser Bild der Tempelkonzeption des Frühchristentums besonders geprägt. Seine Deutung geht davon aus, dass durch die Offenbarung Gottes in Jesus Christus eine Spiritualisierung und Substituierung des Jerusalemer Tempelkults erfolgt sei. An die Stelle des Kults sei das Ethos Jesu getreten und an die Stelle kultischer Terminologie die Spiritualisierung kultischer Vollzüge. Die paulinische und deutero-paulinische Tempelmetaphorik wird als notwendiger Weg einer universalistischen Religion gedeutet, die den Gegensatz zwischen „Heiden“ und Juden überwinde.

Die Studie hat es sich demgegenüber zur Aufgabe gemacht, die in den Korintherbriefen und dem Brief an die Epheser aufgenommene kultisch-sakrale Begrifflichkeit, die oft innerhalb des Neuen Testaments und der Septuaginta singulär genannt wird, anhand von Bauinschriften, weiterem epigraphischen und literarischem Material sowie von numismatischen (Korinth) und archäologischen Zeugnissen (Kleinasien) als Quellen für die Rekonstruktion griechisch-römischer Sakralräume zu kontextualisieren.
Dabei zeigt sich erstens, dass einige dieser Begriffe als Termini der religiösen Grenzmarkierung zu
deuten sind. Sie kennzeichnen einen besonderen Zugang zu göttlicher Nähe, etwa durch die Sakralität des Tempelinneren, durch eine selektiv gestuften Zugangsberechtigung zu Räumlichkeiten im Tempel, oder sie bezeichnen eine Grenzlinie, die nicht übertreten werden darf. Der Jerusalemer Tempelkult wird in den frühchristlichen Briefen nicht direkt thematisiert. Und es zeigt sich zweitens, dass literarische Zeugnisse des Judentums, wie etwa der jüdische Historiker Flavius Josephus aus dem 1. Jh. n. Chr., keine Lehnwörter und Transliterationen aus dem Hebräischen verwenden, um die Architektur des salomonischen und herodianischen Tempel zu beschreiben, sondern ebenso auf die griechischen und lateinischen Fachtermini zurückgreifen.

Mein besonderes Interesse gilt der Sakralterminologie des Epheserbriefes. Alle für diesen Kontext in inschriftlichen, archäologischen und literarischen Quellen auffindbaren Zusammenhänge des besonderen Zugangs zu göttlicher Nähe im Tempel sollen zusammengestellt und neu interpretiert werden. Eine genaue Lektüre des Epheserbriefes im Kontext dieser Belege zeigt, dass der Text – anders als in der bisherigen Forschungsliteratur zu lesen – nicht mit einem Zutrittsverbot für „Heiden“ zum Jerusalemer Heiligtum operiert, das von Christus aufgehoben würde. Vielmehr bezeichnen die im Epheserbrief verwendeten Begriffe in den Quellen eine religiöse Grenzmarkierung im Tempelinneren paganer Tempel. Thematisiert wird demnach vor dem Hintergrund auch paganer sakralräumlicher Vorstellungen der Zugang zu göttlicher Nähe, die in verschiedenen Bildern visualisiert wird. Aufgrund der Materialbasis werden dadurch individuelle wie gemeinschaftliche religiöse Praktiken früher Christinnen und Christen in einem paganen Kontext sichtbar.

Zudem arbeite ich zusammen mit Prof. Dr. Dr. Thomas Johann Bauer von der Katholisch-Theologischen
Fakultät in Erfurt an der Edition des Lukasevangeliums für die „Vetus Latina. Die Überreste der Lateinischen Bibel“. Die kritische Edition der altlateinischen Fassung des Lukasevangeliums ist schon lange ein Desiderat der Forschung. „Vetus Latina“ ist eine Sammelbezeichnung für die ältesten lateinischen Übersetzungen biblischer Schriften. Deren Anfänge reichen bis in das 2. Jh. n. Chr. zurück und sind lediglich in wenigen, meist fragmentarisch erhaltenen Handschriften und in mehr oder weniger genauen Zitaten bei den älteren lateinischen Kirchenschriftstellern überliefert. Mit der Ausbreitung des Christentums im lateinisch sprachigen Westen des Römischen Reiches (zunächst Nordafrika, dann auch Norditalien, Gallien, die iberische Halbinsel und die britischen Inseln) entstand eine Vielzahl unterschiedlicher, oft eigenwilliger und von einer kirchlichen Institution nicht autorisierter Übertragungen der biblischen Schriften ins Lateinische. Während die Vetus Latina alle lateinischen Übertragungen umfasst, stellt die Vulgata den Versuch einer kirchlich initiierten und sanktionierten Vereinheitlichung verschiedener Formen der altlateinischen Übersetzungen dar, die mit dem Namen des Papstes Damasus († 384) und des Theologen Hieronymus († 419) verbunden ist. Das Erscheinungsbild des altlateinischen Textes ist gegenüber dem Vulgata-Text uneinheitlich. Die in den Handschriften bezeugten Formen der Vetus Latina lassen sich in die älteren nordafrikanischen und mehrere davon abhängige europäische Texttypen einteilen; davon lassen sich nochmals jüngere Bearbeitungen unterscheiden, bei denen es oft zu einer Mischung zwischen Textformen der Vetus Latina und der Vulgata kommt (gemischte Texttypen). Die Rekonstruktion der altlateinischen Texttypen des Lukasevangelium ist mit zwei besonderen Schwierigkeiten konfrontiert: zum einen mit der Frage nach dem Verhältnis der altlateinischen Fassungen des Lukasevangeliums zu dem bilingue Codex Bezae Cantabrigiensis aus dem 5. Jahrhundert, der neben einem eigenartigen, nur schwer in die Textgeschichte des Evangeliums einzuordnenden griechischen Text eine ebenfalls auffällige lateinische Übertragung bietet; zum anderen mit der Frage nach dem Verhältnis der altlateinischen Fassungen des Lukasevangeliums zu Aussagen des (verlorenen) Evangelium Markions.

Website von Annette Weissenrieder:

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