Université d'Erfurt

MAX-WEBER-KOLLEG

David Schneider

von April 2013 bist März 2016 Gastkollegiat am Max-Weber-Kolleg

Vita

Education: David Schneider studied Sociology, American Studies, Anthropology and French at the Goethe University Frankfurt (Germany) and the Université Jules Vernes in Amiens (France).

Master’s thesis: Benjamin Franklin als Repräsentant des Geistes des Kapitalismus? Eine kritische Analyse ausgewählter Texte.

Forschungsprojekt

Kollektive Mythen und Individualisierung. Die Entstehung und Ausprägung säkularer Mythen bei deutschen und französischen Adoleszenten in Familie und Gesellschaft

Glaubensvorstellungen in westeuropäischen Gesellschaften stellen heutzutage für eine Vielzahl deutscher und französischer Bürger keine Lebensorientierung mehr dar und verlieren somit als individuelle und kollektive Sinnstiftungsangebote ihre lebenspraktische Relevanz. Diese religiösen Glaubensvorstellungen (kollektive Mythen) wurden über gemeinsame Praktiken in der Sozialisation selbstverständlich angeeignet. Was geschieht wenn institutionalisierte Glaubenssysteme ihre Evidenz und Überzeugungskraft verlieren? In Anlehnung an Ulrich Oevermanns „Strukturmodell von Religiosität“ gehe ich von der These aus, dass auch nicht religiöse Menschen (säkulare) Glaubensvorstellungen ausbilden. In Bezug auf die aktuellen Debatten um die Säkularisierungstheorie positioniert sich Oevermann folgendermaßen: „(s)ecularization makes only sense in relation to an abolishment of religious contents referring to extra-empirical, transcendental entities“ (A Theoretical Model of Family Structure [4], unpubliziert). Säkulare Glaubensvorstellungen beziehen sich nicht auf außerempirische Entitäten, aber auch sie können nur geglaubt werden, weil sie sich auf die offene Zukunft einer Lebenspraxis beziehen und die dreifache Identitätsfrage „wer bin ich, wohin gehe ich, woher komme ich“ beantworten können müssen (dazu Manuel Franzmann und Oevermann). Wie können diese säkularen Glaubensvorstellungen analysiert werden und wie strukturieren und beeinflussen sie das Leben „säkular Gläubiger“? Führen diese entstehenden säkularen Glaubensvorstellungen zu neuen Institutionalisierungen von Vergemeinschaftungs- oder Beziehungsformen oder beeinflussen die sogenannten „Modernisierungsprozesse“, insbesondere der Wandel von Verwandtschafts- und Beziehungsstrukturen, die Entstehung dieser säkularen Glaubensvorstellungen? Bezogen auf diesen Problemaufriss stellen sich Individualisierungs- und/oder Individuierungsprozesse nicht als Ende oder Abschaffung sozialer Beziehung dar, sondern als ein besonderer Fall der Restrukturierung von Vergemeinschaftungs- und oder Vergesellschaftungprozessen. Warum festigen und bilden sie sich, insbesondere in der Adoleszenz und ihrer intergenerationalen Dynamik, heraus? Inwieweit ist Glauben elementarer Bestandteil einer Theorie der Praxis beziehungsweise als Praxis zu rekonstruieren? Welche Rolle spielen Ideen, an die Menschen glauben, für ihren persönlichen Umgang mit der Endlichkeit des eigenen Lebens?

Diesen Fragen gehe ich nach, indem ich qualitative Interviews mit deutschen und französischen Adoleszenten und später gegebenenfalls Gruppendiskussionen mit deren Familien führe. Im Mittelunkt meines Promotionsvorhabens steht die Frage nach Gemeinsamkeiten und Differenzen säkularer Glaubensvorstellungen von deutschen und französischen Jugendlichen. Ob die Frage nach ihrer Genese im Rahmen dieser Arbeit beantwortet werden kann, muss zunächst offen bleiben. Für die Begründung einer praxistheoretischen Perspektive auf Glauben soll geprüft werden, inwieweit sich die klassischen pragmatistisch-philosophischen Ansätze von William James, John Dewey, George Herbert Mead und Charles Sanders Peirce für die sozialwissenschaftliche Konzeptualisierung religiöser Erfahrung eignen. Hans Joas’ Arbeiten zum Verhältnis von Glauben, Werten und Religion bieten hierfür interessante Anhaltspunkte; weitere empirische Analysen dazu sind jedoch noch durchzuführen. In der Soziologie bieten insbesondere die Forschungen von Jean-Hugues Déchaux über Individualisierung, Familienverhältnisse, kollektives Gedächtnis und Tod Anhaltspunkte für eine Theorie über den Zusammenhang zwischen Verwandschaftsverhältnissen und der Lebendigkeit von Glaubenstraditionen; Danièle Hervieu-Légers Buch „Religion as a Chain of Memory“ ist interessant in Bezug auf die Frage, inwieweit mit dem Rückgang religiöser Glaubenssysteme und der Verbreitung subjektiver Glaubensvorstellungen, eine kollektive Amnesie eintritt, die zu „patchwork Identitäten“ führt, so dass Traditionen, die über Glauben und Erzählung ihre Legitimation erfahren haben, in Vergessenheit geraten.

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