Université d'Erfurt

MAX-WEBER-KOLLEG

Dr. David Strecker

Junior Fellow am Max-Weber-Kolleg
von April 2016 bis September 2016

Forschungsprojekt

Im Schatten der Freiheit. Wie die Moderne die Sklaverei (nicht) abgeschafft hat und Unfreiheit reproduziert

Freiheit ist der zentrale Wert moderner Gesellschaften. Und doch leben gegenwärtig vermutlich mehr Menschen in Unfreiheit als jemals zuvor. Etwa 20 bis 30 Millionen Menschen verrichten heute nach vorsichtigen Schätzungen Zwangsarbeit und werden als Sklaven sowie in sklavereiähnlichen Praktiken ausgebeutet. Wie ist diese Diskrepanz zwischen dem Selbstverständnis moderner Gesellschaften und ihrer Struktur zu erklären? Warum ist die Unfreiheit gegenwärtiger Sklaverei, die erst seit wenigen Jahren öffentliche und wissenschaftliche Aufmerksamkeit zu finden beginnt, lange Zeit weitgehend  unbemerkt geblieben? Und handelt es sich dabei um Relikte früherer Gesellschaftsformationen bzw. um Transformationsphänomene, die in dem Maße verschwinden werden, wie sich moderne Sozialformen im globalen Raum konsolidieren? Oder sind Eigenschaften moderner Gesellschaften kompatibel mit oder sogar förderlich für Praktiken der Unfreiheit?

Entlang dieser Fragen zielt das vorliegende Projekt darauf, das Verständnis der Gegenwartsgesellschaft durch eine Analyse der blinden Flecken ihres Selbstverständnisses zu schärfen. Die zentrale These lautet, dass die moderne Gesellschaft in der Tat im Kern durch persönliche Freiheit konstituiert ist, das vorherrschende Freiheitsverständnis jedoch entscheidend dazu beiträgt, weiterhin bestehende Formen der Sklaverei zu verschleiern und neue Räume der Unfreiheit hervorzubringen. Diese These wird im Rahmen des Projektes in fünf Schritten expliziert: 1.) Zunächst wird angesichts ihrer historisch variablen Formen der Begriff der Sklaverei mithilfe der Konzepte Inklusion/Exklusion geklärt, um sodann ihre heutigen Reproduktionsbedingungen zu analysieren: Welche Faktoren ermöglichen die Hervorbringung und Aufrechterhaltung von Verhältnissen, die doch gemeinhin als historisch überwunden gelten? Untersucht werden 2.) ökonomische Anreize, 3.) politisch-rechtliche Sanktionen und 4.) kulturelle Legitimationsmuster. In jedem dieser drei nur analytisch voneinander zu unterscheidenden Bereiche lässt sich zeigen, dass die institutionellen Reproduktionsbedingungen entgegen geläufiger Annahmen fortbestehen und durch ein spezifisches Freiheitsverständnis gestützt werden. Hinsichtlich künftiger Entwicklungen und Herausforderungen ergibt sich 5.) hieraus das Erfordernis, die vorherrschenden Strategien und Instrumente im Kampf gegen heutige Formen der Sklaverei grundlegend neu auszurichten.

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