Université d'Erfurt

MAX-WEBER-KOLLEG

Dr. Dirk Sangmeister

Fellow am Max-Weber-Kolleg
von April bis September 2014

dirk-san@web.de

Vita

Nach journalistischen Lehrjahren bei der Braunschweiger Zeitung (1985-1989) Studium der Germanistik und Anglistik in Braunschweig, Hamburg und Honolulu; 1996 Promotion in Bielefeld über August Lafontaine oder die Vergänglichkeit des Erfolges. Lehrtätigkeiten an der University of Hawai’i (1991-1992), der Universität Bielefeld (1997-2001) und der University of Cyprus (2003-2008).

Forschungsprojekt

Verbotene Bücher in Sachsen (1750–1850)

In der Messestadt Leipzig sind in der Vergangenheit nicht nur viele Bücher gedruckt, verlegt und verhandelt, sondern auch viele Bücher verboten und beschlagnahmt worden. Die von der Leipziger Bücherkommission konfiszierten Werke wurden von der Mitte des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts mehrheitlich auf den Dachböden des Leipziger Rathauses unter Verschluss gehalten, ehe man sich dann 1870 entschied, dieses ›Gebeinhaus der verbotenen Literatur‹ zu vernichten, indem man (fast) alle Bücher zu Dachpappe verarbeiten ließ. Vor der Vernichtung des Bestandes jedoch wurde ein höchst flüchtiges Inventar erstellt, das 360 Seiten umfasst, auf denen rund 67.000 Exemplare gebundener Bücher, ca. 7.500 Exemplare ungebundener Bücher, 110.000 einzelne Bogen, 12.500 einzelne Blätter, 2.300 Titelblätter und Umschläge, 36 Periodika in knapp 2.000 Exemplaren, 2.000 Musikalien und 5000 Bilder aus der Zeit von 1750 bis ca. 1860 datierend, ganz grob erfasst worden sind.

Dieser enorm umfangreiche Bestand an konfiszierten Büchern zerfällt, analytisch betrachtet, in zwei Gruppen, nämlich einerseits Werke, die beschlagnahmt worden waren, weil es sich aufgrund von Verletzungen von Druckprivilegien oder (später) Urheberrechten um unrechtmäßige Ausgaben handelte, und andererseits Werke, die aufgrund ihres Inhaltes Anstoß erregt hatten, d.h. vor allem heterodoxe, clandestine, revolutionäre, satirische oder erotisch-pornographische Werke, die nach Meinung der Obrigkeit „gegen die Religion, die Moral oder die guten Sitten“ verstießen, wie die gängige Formel der Zensur damals lautete.

Die Theologica machten im 18. Jahrhundert einen beträchtlichen, im 19. Jahrhundert dann zunehmend geringeren Prozentsatz unter den beschlagnahmten Büchern aus. Im späten 18. Jahrhundert, als infolge der Aufklärung und der Französischen Revolution fast allerorten forcierte Schübe der Säkularisierung einsetzten, eröffneten sich neue Spielräume für Prozesse der religiösen Individualisierung, zugleich wurde aber eben dieser Prozess der Aufklärung durch das von Johann Christoph Wöllner initiierte „Edikt, die Religionsverfassung in den preußischen Staaten betreffend“ (1788), das mittelbar Auswirkungen auf fast alle Territorien im Deutschen Reich hatte, massiv bekämpft.

Im Zuge dieser beiden gegensätzlichen Entwicklungen wurden zahlreiche Schriften von aufgeklärten Theologen, die eigene Pfade abseits der vorgeschriebenen Wege der Amtskirchen erkunden und beschreiten wollten, aber auch Streit- und Rechtfertigungsschriften, Autobiographien renegater Mönche, Klosterromane, Anklagen gegen den Klerus etc. geschrieben, die häufig zensiert oder konfisziert wurden. In Sachsen wurden heterodoxe Theologica genau in Augenschein genommen, weil die Leipziger Bücherkommission nicht nur der Landesregierung, sondern vor allem dem Oberkonsistorium in Dresden untergeordnet war, das die Federführung in allen Zensursachen hatte.

Das überlieferte Inventar der verbotenen Bücher mitsamt den dazu gehörigen Archivalien im Staatsarchiv Dresden dokumentieren den Prozess der allgemeinen Säkularisierung wie der religiösen Individualisierung in zahlreichen Facetten und fast allen Spielarten. Diese einzigartige Quelle ist bislang von allen Wissenschaftlern, die sich mit Zensur und Bücherverboten in Leipzig bzw. Sachsen oder dem deutschen Reich allgemein beschäftigt haben, übersehen worden, wird nun aber von mir im Rahmen eines Forschungsprojektes erschlossen und analytisch aufbereitet, das 2015-2016 von der Gerda Henkel Stiftung (Düsseldorf) getragen werden wird.

Veröffentlichungen (in Auswahl)

A. Monographien und Sammelbände

August Lafontaine oder Die Vergänglichkeit des Erfolges. Leben und Werk eines Bestsellerautors der Spätaufklärung. Tübingen: Niemeyer, 1998 (= Hallesche Beiträge zur Europäischen Aufklärung, 6).

(Mitherausgeber:) Das Werk Johann Gottfried Schnabels und die Romane und Diskurse des frühen achtzehnten Jahrhunderts. Hrsg. v. Günter Dammann u. Dirk Sangmeister. Tübingen: Niemeyer, 2004 (= Hallesche Beiträge zur Europäischen Aufklärung, 25).

Seume und einige seiner Zeitgenossen. Beiträge zu Leben und Werk eines eigensinnigen Spätaufklärers. Erfurt: Ulenspiegel, 22011 (= Deutschlands achtzehntes Jahrhundert, Studien 2).

(Mitherausgeber:) August Lafontaine (1758–1831). Ein Erfolgsautor zwischen Spätaufklärung und Romantik. Hrsg. v. Cord-Friedrich Berghahn u. Dirk Sangmeister. Bielefeld: Verlag für Regional­geschichte, 2010 (= Braunschweiger Beiträge zur deutschen Sprache und Literatur, 12).

(Mitherausgeber:) Subversive Literatur. Erfurter Autoren und Verlage im Zeitalter der Französischen Revolution. Hrsg. v. Martin Mulsow u. Dirk Sangmeister. Göttingen: Wallstein, 2014.

B. Editionen 

Johann Gottfried Seume: Briefe. Hrsg. v. Jörg Drews u. Dirk Sangmeister. Frankfurt/M.: Deutscher Klassiker Verlag, 2002 (= Bibliothek deutscher Klassiker, 178).

August Lafontaine: Quinctius Heymeran von Flaming. Mit einem Nach­wort v. Dirk Sangmeister. 2 Bde. Frankfurt/M.: Zweitausendeins, 2008 (= Haidnische Alterthümer).

Johann Gottfried Seume. Apokryphen. Textkritische Ausgabe der Manuskripte im Museum im Schloß Lützen und im Goethe-Museum, Düsseldorf. Hrsg. v. Dirk Sangmeister. Eutin: Lumpeter & Lasel, 2013.

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