Université d'Erfurt

MAX-WEBER-KOLLEG

Dr. Anna-Katharina Rieger

ehemalige wissenschaftliche Mitarbeiterin des LAR-Projekts

zurzeit Koordinatorin der International Graduate School (IGS) in Graz

Forschungsprojekt

Belebte Räume – Raumgefüge und soziale Interaktion an sakralen Orten im Römischen Nahen Osten

Der Nahe Osten ist nicht nur in römischer Zeit eine Region kultureller und religiöser Vielfalt, die durch unterschiedliche Landschaftseinheiten und hier verlaufende überregionale Routen befördert wird. Gerade in einem von Varianz und Unterschieden geprägten Gebiet bietet die Frage nach gelebter Religion die Möglichkeit, sich von der Sichtweise auf Besonderheiten antiker religiöser Phänomene zu lösen und im Spannungsfeld von globaler Einbettung und lokalen Bindungen zu untersuchen, wie sakrale Orte gestaltet waren, welche Personen und Gruppen sie nutzten und wie sie sie ihren religiösen Bedürfnissen anpassten.

In der Studie wird im Unterschied zu bisherigen Herangehensweisen, die sich auf kultische Traditionen, kulturelle Identitäten oder ikonographische und architektonische Anleihen beziehen, ein übergreifender Ansatz verfolgt, der die soziale Dimension der heiligen Plätze für Einzelne und/oder Gruppen erfassen will. Dabei sollen basierend auf Gedanken der Actor-Network-Theory Dichotomien aufgehoben (lokal/überregional, indigen/römisch, sakral/profan) und in ihren Überlappungen und situationsbedingten Vernetzungen analysiert werden (B. Latour). Ziel ist es, über Vergleiche von Lage, Anlage, Ausgestaltung sakraler Plätze und ihre „Bespielung“ durch Skulptur, Inschriften, Gerät und Personengruppen in unterschiedlichen Landschaften (Kyrrhestike, Hauranitis, Hermongebirge und Palmyrene) die jeweiligen Eigenarten und Anpassungen der sakralen Plätze, bedingt durch die Lebensweise und Sozialstruktur ihrer Benutzer und deren religiösen und sozialen Bedürfnisse, herauszuarbeiten.

Eine methodische Schwierigkeit, die dabei überwunden werden muss, liegt in einer differenzierten Definition der Sakralität von Plätzen bzw. religiös determinierten Orten innerhalb von sakralen Plätzen sowie der Bedeutung zugehöriger Räume. Zudem ist der Grad der archäologischen Aufarbeitung von sakralen Plätzen in den benannten Regionen unterschiedlich. Auf der Betrachtungsebene der Landschaften ist dieses Problem zu vernachlässigen, da räumliche Verteilung und organisatorische Zuweisungen im Vordergund stehen. Auf der Ebene der einzelnen Plätze bzw. der Gruppen, die in ihrem Einzugsgebiet liegen und sie nutzen, sind Heiligtümer mit einem Fundspektrum, das möglichst alle Aktivitäten widerspiegelt, herauszugreifen, da so die Grundlage für die Rekonstruktion religiöser Erfahrungen gegeben ist. In einem weiteren Schritt liefert die Architektur an sich ausreichend Anhaltspunkte für eine Analyse von Raumerfahrung und Bewegungsradien. Welche religiösen Aktivitäten gehörten zum Erfahrungshorizont der Menschen in den unterschiedlichen Gegenden? Welche sakralen Orte suchten sie auf, um was dort zu tun und wen dort anzutreffen? Wie wirkten sie durch situationsbedingte Anpassung von Handlungen auf die Entwicklung und Ausformung der sakralen Plätze ein?

Die Studie möchte die Grenzen der gattungs- und landschaftsbezogenen Sichtweisen auf religiöse Phänomene im Römischen Nahen Osten aufweichen, indem sie Funde und Befunde (Topographie, Infrastruktur, Architektur, Epigraphik, Bauschmuck, Skulptur, Kleinfunde) kontextualisiert, um Räume und Personen(kreise) an sakralen Plätzen (von Felsnischen über Tempelbauten zu offenen heiligen Orten) in den Blick zu nehmen. So eröffnet sich eine Perspektive auf Räume als Umgebung gelebter Religion auf unterschiedlichen räumlichen Ebenen und auf Individuen oder Gruppen als religiöse Akteure, die durch soziale Kommunikation und religiöse Erfahrung an diesen Orten interagierten.

Menu de navigation

Outils

Connexion et changer la langue