Université d'Erfurt

MAX-WEBER-KOLLEG

Dr. Daniel Albrecht

Post-Doktorand am Max-Weber-Kolleg
von Oktober 2013 bis März 2014

Forschungsprojekt

Der Begriff der Tyrannis in den Historien des Herodot – eine Neubewertung

Das Projekt verfolgt vor allem ein Ziel: Eine „Werkzeugkiste“ zu packen, die neue Perspektiven auf eines der klassischen Themen der Altertumswissenschaften ermöglicht. Dabei stehen die Historien des Herodot im Mittelpunkt der Betrachtungen und werden neu gelesen: Als phantasmatische Erzählung, die fundamentale Antagonismen des 5. Jahrhunderts v.Chr. benennt und bezeugt, sie auf der Projektionsfläche des Historischen neu arrangiert und doch das Ende der „archaischen Tyrannis“ sowie die Hegemonie des demokratischen Athen zum Verständnis voraussetzt. Der Erzähler Herodot agiert als Zeitgenosse, der in die Diskurse seiner Zeit eingebettet ist, in dieser Zugehörigkeit aber durchaus Abstand und Reflektion erkennen lässt. Damit erübrigt sich auch die Frage nach der Historizität und einem „wahren Kern“ der archaischen Tyrannis. Als Projektionsfläche hingegen sind die Tyrannen durchaus real, sie verweisen auf einen konkreten Kontext, der die Verwendung eines Begriffes erlaubt, dessen Bedeutungen sich als Spur in den Text einschreiben und in die Abgrenzung und Opposition zu den Repräsentationen dieser Ordnung eingebunden sind: Freiheit, Demokratie, Isonomie, aber auch Basileia und Monarchie.

In seinen Historien vollzieht Herodot einen Bruch zwischen einer Epoche der Tyrannis in der Vergangenheit und der Verwirklichung des Phantasmas der Freiheit in einer kommenden Zeit – ein Bruch, der rein narrativ und nur schwer historisch nachweisbar, deshalb aber in der Verschmelzung von Text und Idee nicht weniger wirkungsmächtig ist. Die Machtdiskurse des 5. Jahrhunderts v.Chr. schreiben sich in den Text des Herodot ein und bezeugen eine Pluralität der Akzeptabilitätsbedingungen von Machtausübung sowie einen Paradigmenwechsel in Form einer Zerlegung, Vervielfältigung und Differenzierung des Machtbegriffs.

Die zahlreichen Episoden, in denen Herodot Könige, Tyrannen, Gesetze und Wettbewerbe unter aristokratischen Männern beschreibt, werden auf (Un-)Möglichkeiten von Unterwerfung, Konsens und Komplizenschaft, auf die Verortung von Autorität und Lebensformen von Herrschenden überprüft. Es soll gezeigt werden, dass die Tyrannis bei Herodot weder ein eigenständiges Phänomen noch eine Etappe als Bestandteil einer „Entwicklung“ ist, sondern beides: Die Tyrannis als Phänomen entspringt unabhängig von ihrer Historizität den Machtdiskursen, in die Herodot eingebunden ist, findet durch die Anknüpfung an das Mythisch-Historische eine Genealogie und Sinngebung und schärft die zeitgenössischen Diskurse.

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