Université d'Erfurt

MAX-WEBER-KOLLEG

Prof. Dr. Elisabeth Gräb-Schmidt

Forschungsprojekt

Religion als Transzendenzbezug in ihrer emanzipatorischen Funktion für die Individualisierungsprozesse der Moderne

Das Forschungsprojekt ist von der Fragestellung nach der Bedeutung der Religion für die mit der Moderne verbundene Emanzipation des Subjekts geleitet. Dabei stützt es sich auf die These unverzichtbarer Bedeutung der Transzendenz respektive Religion für die Freiheit, Emanzipation und Verantwortungsfähigkeit des Individuums. Solcher für das Individuum in freiheitlichem Sinne erforderliche Transzendenzbezug ist in der Religion – in der Moderne aber auch in entsprechenden religionsaffinen Äquivalenten – thematisch, nicht immer explizit, wohl aber implizit. Religion kann als der Bereich der Initiation der Reflexivität angesehen werden und somit als die Institutionalisierung der Selbstbezüglichkeit auf rationaler (Welt) emotionaler (Selbst) und moralischer (Gott) Ebene. So fragt die diachron-synchron ausgerichtete Fragestellung, wie und inwiefern Religion und Religionskritik in der Moderne als zwei irreduzibel aufeinander verwiesene Aspekte eines rational durchsichtigen Transzendenzbezugs von Denken und Handeln des Menschen in seiner Personalität auftreten. Die Moderne wäre mithin keineswegs im Sinne Max Webers ausschließlich als Rationalisierung und Entzauberung zu begreifen, sondern auch als Entdeckungszusammenhang der spezifischen Formen von Mythologisierung und Mystifizierung des Grundes – auch des Grundes der Rationalität. Damit wäre trotz „Wiederverzauberung“ der Welt gleichwohl die Rationalität nicht ins Abseits gerückt, sondern auf ihren Grund hin durchsichtig gemacht. Für die Person bedeutet das das Aufmerksam machen auf die Transzendenzgebundenheit des Menschen in seinen immanenten Lebensvollzügen zwecks Selbstdurchsichtigkeit. Die Person ist insofern an die unvertretbare Individualität in ihrem Bestreben, Durchsichtigkeit über die Vollzugsprozesse menschlichen Daseins zu erlangen, gebunden. Solche Durchsichtigkeit dient dabei sowohl der Erhellung der Konstitutionsbedingung der conditio humana in ihrer Individualität als auch ihrer Sozialität/Institutionenbildung.

Es legt sich nahe, für die Herausarbeitung dieser Problemstellung jene Protagonisten hinzuzuziehen, die die Auseinandersetzung mit Transzendenz als unhintergehbar für die Genese freiheitlicher Subjektivität aufgezeigt haben, die für individuelle moralische Verantwortlichkeit stehen kann. Dies sind für das vorliegende Projekt F.D.E. Schleiermacher und S. Kierkegaard. Bei ihnen lässt sich nicht nur die Relevanz des Transzendenzbezuges für die Herausbildung eines freiheitlichen, autonomen Selbstes aufzeigen, sondern es lassen sich bei diesen zugleich solche für die Moderne entscheidenden Transformationspotenziale des Transzendenzbezugs entdecken. Solche Transformationspotentiale führen zu kreativen Formen des Religionsverständnisses, die Religion auch in ihren verflüssigten und diffundierenden Formen, sei es in der Kunst, sei es im Spiel, wieder erkennen lassen. Schleiermachers und Kierkegaards theologische Konzeptionen der Religion bzw. des Transzendenzbezugs können dabei plausibilisieren, inwiefern der Rolle und Funktion des Religiösen über die Formation subjektiver Innerlichkeit als spezifische Form von Spiritualität/Geistigkeit, darüber hinaus auch rationale Orientierungsfunktion zuerkannt werden kann. Damit kann gezeigt werden, warum und inwiefern Religion – gerade in ihrer Ambivalenz – in der Lage ist, als Kennzeichen auch einer aufgeklärten Moderne in ihren Säkularisierungsprozessen zu fungieren.

Die so aufgefasste emanzipatorische Kraft der Religion und ihrer weltanschaulichen Äquivalente ermöglicht, einseitigen Zuordnungen der Religion in ein vorsäkulares Zeitalter dadurch zu entgehen, dass sie die Ambivalenz von Religion in deren freiheitsaffirmierenden auf der einen und freiheitsnegierenden Strukturen auf der anderen Seite entdeckt. Jene Transzendenzfigur der beiden Protagonisten, für die bei diesen die begriffliche Bestimmung von Religion stehen kann, ist daher als diejenige auszuweisen, die implizit oder explizit auch in säkularen Kontexten weiterwirkt und die es ermöglicht, die moderne Individualität in ihrer Moralfähigkeit festzuhalten.

Website von Elisabeth Gräb-Schmidt:

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