Université d'Erfurt

MAX-WEBER-KOLLEG

Dr. Hiram Kümper

Gast-Post-Doktorand am Max-Weber-Kolleg
von Oktober 2009 bis Juli 2013

Forschungsprojekt

Sexualität und Gewalt im Alten Reich. Studien zu den kulturellen Valenzen sexueller Gewalt zwischen Spätmittelalter und Sattelzeit (ca. 1200 bis 1800)


Das Forschungsprojekt fragt nach den Wahrnehmungen, Bewertungen und kulturellen Bezügen des Zusammenhanges von Sexualität und Gewalt im römisch-deutschen Reich zwischen dem frühen 13. und späten 18. Jahrhundert. Der im Untertitel aufgeworfene Valenzbegriff zielt dabei auf die Wechselseitigkeit der kulturellen Einbindung ab: sowohl wird der Diskurs über sexuelle Gewalt von äußeren Entwicklungen beeinflusst als auch wirkt er selbst auf die Diskursivierung anderer, durch ihn betroffener Konzepte und Problemkreise ein.

Die Spezifik sexueller Gewalt und ihrer Wahrnehmung in der Vormoderne lässt sich eindrücklich durch ein Fallbeispiel deutlich machen, das exemplarisch für viele durch weite Teile des Untersuchungszeitraumes steht: Im Herbst 1578 fragte der braunschweigisch-wolfenbütteler Oberfiskal beim Magdeburger Schöffenstuhl um ein Rechtsgutachten an. Geklagt hatte die Frau eines Soldaten, die von einem ebenfalls verheirateten Amtmann während der kriegsbedingten Abwesenheit ihres Mannes mehrfach sexuell bedrängt worden war. Nachdem heftiges Werben fruchtlos blieb, hatte der Amtmann sie dreimal in ihrem Haus vergeblich zu vergewaltigen versucht. Die Szenerien werden im Klagprotokoll ausführlich dargelegt und geben im Vergleich mit anderen, ähnlichen Erzählungen Hinweise auf eine gewisse "Dramaturgie" des Geschehens, die möglicherweise mehr von den diskursiven Rahmenbedingungen als vom tatsächlichen Hergang bestimmt waren, jedenfalls Topoi (z.B. den wiederholten Hinweis auf den Ehestand, auf etwaige Öffentlichkeiten etc.) erkennen lassen, die offenbar von den klagenden Frauen zur sozialen und juridischen Akzeptanz ihrer Opferrolle erwartet wurden. Der beklagte Amtmann jedenfalls war bei keinem seiner drei Vergewaltigungsversuche erfolgreich. Erst nach dem dritten Versuch, im Rahmen dessen er sich gewaltsam Zugang zum Haus verschafft und dabei unter anderem ein Fenster zerbrochen und eine Tür aus den Angeln gehoben hatte, klagte die Frau und wurde der Beklagte vernommen. Dieser gab den eigentlichen Hergang bereitwillig zu, betonte aber, dass er keine Vergewaltigung, also Notzucht, sondern vielmehr Unzucht, einen zwar illegitimen, aber grundsätzlich freiwilligen Sexualverkehr, mit der verheirateten Frau beabsichtigt habe. Die Magdeburger Schöffen räumten dem Amtmann ein, er könne sich vom Notzuchtvorwurf durch Eid reinigen und habe in diesem Falle lediglich die entstandenen Sachschäden zu bessern. Es war den Schöffen und ihrem Rechtsverständnis also durchaus vorstellbar, dass es im Vorfeld eines beiderseitig freiwilligen Sexualverhältnisses zu Gewalt und sogar zu erheblichen Sachbeschädigungen kommen könnte. Ein solches Verständnis, das sich durchaus nicht durch männerbündlerische Fraternisierungen zwischen Gremium und Angeklagtem, ebenso wenig durch dessen sozialen Status erklären lässt, ist dem modernen Betrachter grundlegend fremd, lässt sich aber in einer Reihe weiterer Quellen ganz ähnlich greifen.

Diesem uns auf den ersten Blick so fremden Verständnis gegenüber dem Zusammenhang von Sexualität und Gewalt will mein Projekt nachgehen. Vier große Diskursräume sollen dabei betrachtet werden: Recht, Theologie bzw. Frömmigkeit, Medizin, Didaxe. Sie alle sind im Rahmen der konkreten Geltungsproduktion im sozialen Raum auf das Engste miteinander verbunden und daher nicht immer trennscharf von einander abzugrenzen. Recht ist für die Vormoderne nur bedingt ohne Glauben denkbar, (zumindest populär-)medizinisches Wissen für die Ausformung von Ansichten über den Körper unabdingbar, Didaxe verbindendes Element – und in dieser Hinsicht im Grunde ohnehin bloß ex post geformter Hilfsbegriff – einer Vielzahl normativer, oder doch zumindest präskriptiver, Diskurse, als deren Motor sie häufig fungiert. Einer solchen primär diskursgeschichtlichen Untersuchung, die einzelne Felder und ihre kommunikativen Regelhaftigkeiten in den Blick nimmt, werden ferner Fallstudien aus einem geographisch wie chronologisch gestreuten sample gegenüber gestellt, das zum einen eine hinreichend breite Materialbasis garantieren, zum anderen eine unangemessene Verallgemeinerung etwaiger lokaler Besonderheiten vermeiden soll. Sie leisten zum einen den Blick auf die Mikroebene, der im ersten Untersuchungsteil verschlossen bleibt und aus methodischen Gründen auch vermieden werden muss, können zum anderen aber damit auch Konkretisierungen der andernfalls bloß "schwebenden" Diskurse im konkreten sozialen Raum greifbar machen.

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