Université d'Erfurt

MAX-WEBER-KOLLEG

Jun. Prof. (Bielefeld) Dr. Michaela Rehm

Junior Fellow am Max-Weber-Kolleg
vom 01.04.2011 bis 28.02.2013

derzeit an der Universität Bielefeld
michaela.rehm@philosophie.uni-bielefeld.de

Forschungsprojekt

Keine Moral ohne Gesetzgeber? Die Grundlegung des säkularen Naturrechts

Der Mensch braucht einer verbreiteten Auffassung zufolge nicht nur im Bereich der Politik, sondern auch in dem der Ethik sanktionsbewehrte Gesetze, die ihn darüber unterrichten, was er tun soll. In meiner Untersuchung soll die Frage behandelt werden, wie es zu einer solchen Konzeption des Menschen und des von ihm eingeforderten Verhaltens kommt, die mit juridischen Begrifflichkeiten – „Gesetz“, „Pflicht“, „Strafe“ – operiert. Es soll gezeigt werden, dass dieses juridische Modell von Ethik die Konsequenz eines ganz bestimmten Stranges des vorreformatorischen christlichen Naturrechts ist, nämlich der insbesondere im Mittelalter und der Frühen Neuzeit geführten Voluntarismus-Rationalismus-Debatte, bei der es um die Frage geht, ob die Normen auf dem Willen (dem in Gesetzen geoffenbarten Willen des Gesetzgebers) oder auf der Vernunft beruhen. Diese Frage wird prominent bei Francisco Suárez S. J. (1548-1617) mit einem Kompromiss beantwortet, dem zufolge der Vernunft eine nur evaluative Funktion zugeschrieben wird (was ist gut?) und dem Willen des Gesetzgebers die präskriptive Aufgabe zukommt (was ist geboten?). Weil alle Normen in diesem Modell per definitionem auf einen Gesetzgeber zurückzuführen sind, spreche ich von „legislatorischer Ethik“. Ohne Gesetz kann das Individuum diesem Modell zufolge nicht verlässlich wissen, welches Verhalten geboten bzw. verboten ist.

Ich möchte nachweisen, dass auch das moderne säkulare Naturrecht dem Argumentationsschema dieses Modells folgt, dass es im Zuge des Säkularisierungsprozesses jedoch zu einer Zuspitzung auf sein voluntaristisches Element kommt. Damit ergibt sich eine Konzentration auf die Vorstellung, Normen seien gesetzt und ihr Inhalt müsse bekannt gegeben werden. Die Idee, es gebe Normen, deren Inhalt vernünftig sei und damit vernünftigen Wesen unmittelbar zugänglich, gerät demgegenüber in den Hintergrund, ebenso wie die Auffassung, in der Ethik gehe es nicht (nur) um Normen, sondern (auch) um Werte.

Am Ende der Arbeit möchte ich Überlegungen dazu präsentieren, wie eine Moralbegründung aussehen könnte, die dem Pluralismus gerecht wird und es dennoch möglich macht, voluntaristische Konzepte mit rationalistischen und tugendethischen zu verbinden. Mit einer solchen integrativen Theorie würde der Versuch unternommen, die herrschende Kluft zwischen Konzepten, die auf Normen setzen, und solchen, die Werte betonen, zu überwinden.

Menu de navigation

Outils

Connexion et changer la langue