Université d'Erfurt

MAX-WEBER-KOLLEG

Prof. Dr. Karen Joisten

Fellow am Max-Weber-Kolleg
von Oktober 2016 bis März 2017

karen-joisten@t-online.de

Forschungsprojekt

Freiheit und Verantwortung des Einzelnen in einer Geschichtenphilosophie

Im Rahmen einer Geschichtenphilosophie geht man davon aus, dass der Mensch mit seiner Geburt in ein lebendiges Sinngefüge eingebunden ist, das Inbegriff eines Geschichtenbeziehungs- und Geschichtenbezugszusammenhangs ist. Anschaulich umschreibt der Phänomenologe und Edmund Husserl-Schüler Wilhelm Schapp dieses konstitutionell bedingte Zusammengehören zwischen dem Menschen und dem bestehenden Geschichtengewebe in seinem zweiten Hauptwerk „Philosophie der Geschichten“:

„[W]ir erkennen jetzt, daß wir einen Berg von Geschichten mit der Geburt geerbt haben, einen Berg, demgegenüber unsere eigenen Geschichten zunächst fast nichts bedeuten, Geschichten von andern, von Eltern, Geschwistern, Vorfahren, Geschichten unseres Dorfes, unserer Stadt, unseres Standes, unseres Berufes, unserer Religion, unseres Gottes, und unserer Welt. Man könnte fast meinen, als ob unser Leben, unsere Geschichte, durch diese Erbschaft schon zum größten Teil in ihrem Verlauf – nach einem alten Ausdruck – vorherbestimmt wäre“. (Wilhelm Schapp: Philosophie der Geschichten. 2. Aufl. Frankfurt am Main 1981, S. 4.)

Bereits diese wenigen Zeilen verweisen auf die beiden zentralen Forschungsfragen, die im Rahmen der Kolleg-Forschergruppe „Religiöse Individualisierung in historischer Perspektive“ in meinem Projekt verfolgt werden. Erstens wird die Frage leitend: Wie lassen sich Freiheit und Verantwortung des Einzelnen, dessen Individualisierungsprozess in einem spezifischen Geschichtenkontext vollzogen wird, im Spannungsfeld bestehender und eigener Geschichten deuten?

Zweitens wird die Frage zu beantworten versucht: Lassen sich in der Analyse der sogenannten „positiven Welt(en)“ innerhalb einer Geschichtenphilosophie Strukturelemente aufzeigen, die notwendig mit dem Prozess einer religiösen Individualisierung verbunden sind? Und damit zusammenhängend die Frage: Sind diese Strukturelemente in einer historischen Perspektive jedem Individualisierungsprozess in einem religiösen Kontext immanent?

Die letztgenannten Fragestellungen geschehen vor dem Hintergrund, dass die Wendung „positive Welt“ – wenn man sich im Zuge dieser Projektskizze zunächst primär auf Schapp beziehen möchte –, „in Anlehnung an den Ausdruck positive Religion“ gebildet ist und Inbegriff einer religiös geformten Welt ist.

Diese religiösen Welten bestehen unabhängig voneinander, gibt es doch zwischen ihnen Überschneidungen, Überlappungen, Überlagerungen und Berührungspunkte: „Menschsein heißt In-Geschichten-verstrickt-sein, heißt aber auch, in einer positiven Welt sein oder leben, zu einer positiven Zeit. In einer positiven Welt leben heißt wieder, in einer Welt leben, in deren Horizont andere positive Welten ohne Ende auftauchen. Jeder Mensch ist in einer solchen positiven Einzelwelt und hat damit im Horizont andere positive Welten oder die anderen positiven Welten.“ (Schapp: Philosophie der Geschichten, S. 18.)

Ziel des Aufenthalts am Max-Weber-Kolleg ist es, die Gliederung einer Buchpublikation zu erstellen und die ersten Kapitel auszuformulieren.

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