Université d'Erfurt

MAX-WEBER-KOLLEG

Dr. Katharina Ulrike Mersch

Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Max-Weber-Kolleg
von Oktober 2010 bis März 2013

Vita

  • geboren 1980
  • 1999-2004: Magisterstudium der Mittleren und Neueren Geschichte, Musikwissenschaften (bis 2001), Religionswissenschaften (seit 2001) und Kunstgeschichte in Göttingen
  • 2001-2005: Hilfskraft am Lehrstuhl Prof. Dr. Hedwig Röckelein, Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte, Göttingen
  • 2005-2008: Mitglied der International Max Planck Research School „Werte und Wertewandel in Mittelalter und Früher Neuzeit“ am Max-Planck-Institut für Geschichte. Dissertation: „Soziale Dimensionen visueller Kommunikation in hoch- und spätmittelalterlichen Frauenkommunitäten – Stifte, Chorfrauenstifte und Klöster im Vergleich“
  • Februar-Juni 2007: Forschungsaufenthalt an der École des Hautes Études en Sciences Sociales, Groupe d'Anthropologie Historique de l'Occident Médiéval, Paris
  • 2008/2009: Stipendiatin der Göttinger Graduiertenschule für Geisteswissenschaften
  • März 2009: Forschungsaufenthalt an der Central European University, Budapest, Department of Medieval Studies
  • August 2009-September 2010: Hilfskraft bei der Inschriftenkommission an der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen
  • seit Oktober 2010: Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Kolleg-Forschergruppe „Religiöse Individualisierung in historischer Perspektive“ am Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien der Universität Erfurt

Forschungsprojekt

Konfliktstrategien und Handlungsspielräume exkommunizierter laikaler Machthaber im Spätmittelalter

Die abendländische Christenheit versammelte sich im Schoß der Kirche, dem institutionellen, rechtlichen und sozialen Ort der christlichen Religion sowie Garanten individuellen Seelenheils. Besonders seit dem 12. Jahrhundert wurden die Mitglieder der Kirche religiösen Ordnungsvorstellungen gemäß rigoros unterschieden in Kleriker und Religiosen auf der einen Seite und Laien auf der anderen Seite. Etwa zeitgleich wurde vor dem Hintergrund häretischer Bewegungen der Ausschluss aus der Kirche aufgrund religiösen, sozialen und politischen Fehlverhaltens unter neuen Prämissen diskutiert. In der Folge wurde die Strafe der Exkommunikation rechtlich ausdifferenziert und immer häufiger angewendet.

Ausgehend von diesen Prozessen sozialer und rechtlicher Ausdifferenzierung soll die Stellung von Laien im sozio-religiösen Gefüge des Reichs im späteren Mittelalter bestimmt werden. An dem durch die Exkommunikation geahndeten Verhalten einzelner Laien lassen sich – so die Leitthese des Forschungsvorhabens – Prozesse der Emanzipation von der klerikalisierten Kirche ablesen. So wurden Könige, Landesherren und Mitglieder städtischer Führungsschichten häufig dann exkommuniziert, wenn sie den Erwartungen der kirchlichen Autoritäten nicht genügten oder kirchliche Reformmaßnahmen nicht mittrugen. Auch religiös deviantes Verhalten, Häresie oder der Umgang mit Häretikern und Exkommunizierten wurde als Begründung für die Exkommunikation von Laien ins Feld geführt.

In der Regel nahmen die Exkommunizierten diese religiöse, sozial und politisch äußerst folgenschwere Isolation nicht widerstandslos hin. Anhand der Konfliktstrategien der Exkommunizierten ist zu fragen, unter welchen Bedingungen und in welcher Form der Einzelne gegen die Interessen der und die Bevormundung durch die Kirche aufbegehren konnte und wollte. So soll ergründet werden, in welchem Verhältnis die sozialen und politischen Interessen und Möglichkeiten der Betroffenen zu ihrer Sorge um das institutionell abgesicherte Seelenheil standen. Zu diesem Zweck wird analysiert, inwiefern die Macht der widerstreitenden
Parteien den Verlauf und das Ergebnis der Konkurrenzbeziehungen zwischen Laien und kirchlichen Institutionen bestimmte. Dabei muss die militärische Potenz der Widerstreitenden berücksichtigt werden, der Zugang der Laien zu rechtlichen Wissensbeständen und die Position der Beteiligten in regionalen und überregionalen Netzwerken der Macht.
Da der Zugriff auf diese Ressourcen an ständische Voraussetzungen gebunden war, wird im Verlauf der Untersuchung zwischen Königen, Herzögen und Grafen sowie Bürgern unterschieden. Diese Unterscheidung ist auch im Hinblick auf die politisch-rechtlichen Strukturen sinnvoll, die das Handeln der Betroffenen beeinflussen
mussten. Der Zusammenhang zwischen Königund Kaisertum etwa erhöhte im Reich das Konfliktpotential in den Auseinandersetzungen zwischen Königund Papsttum. Während außerdem im Hinblick auf die Könige, Herzöge und Grafen lehnsrechtliche Beziehungen gesondert betrachtet werden müssen, ist bei den Bürgern die Zugehörigkeit zur städtischen
coniuratio entscheidend für ihr Verhalten gegenüber kirchlichen Amtsträgern.

Die Absichten der Exkommunizierten und ihre Handlungsfähigkeit sollen auch durch eine Analyse der Formen der Konfliktführung rekonstruiert und abgewogen werden. Die Exkommunikation ist eine Strafe, deren Geltung nicht nur mit Hilfe von kriegerischen Handlungen, Rechtsdokumenten und Briefen ausgehandelt
wurde. Sie setzt besonders auch auf einer rituellen Ebene an und war mit sozialen Tabus verbunden. Der Umgang der Exkommunizierten und ihres Umfeldes mit diesen Tabus (Beachtung oder Nicht-Beachtung) kann dementsprechend Hinweise darauf geben, wie die Laien den Kirchenausschluss bewerteten.

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