Université d'Erfurt

MAX-WEBER-KOLLEG

Prof. Dr. Klaus Dicke

Fellow am Max-Weber-Kolleg
von Oktober 2015 bis September 2016

klaus.dicke@uni-erfurt.de

Forschungsprojekt

Gehorsam und Widerstand in der politischen Theorie und politischen Theologie der Frühen Neuzeit

Die Befassung mit Politik/politischem Denken der Frühen Neuzeit hat Konjunktur. In der Tat hat die begleitende Reflexion von Staatsentstehung, Staatsräson und Rechtsstaatlichkeit nicht nur „Politik“ als eigenständiges Wissensgebiet etabliert, sondern in die Moderne reichende (Vor-)Prägungen des europäischen politischen Denkens hervorgebracht. Historiker sehen Politik und politisches Denken der Frühen Neuzeit zwischen den beiden Polen (Obrigkeits-)Gehorsam und Widerstand(srecht) aufgespannt. Dem mit diesen beiden Polen bezeichneten Spannungsbogen und seinen Wandlungen geht das Projekt anhand einer Analyse wichtiger Positionen zwischen Reformation und Deutschem Idealismus nach. Für den Pol „Widerstand“ kann sie auf eine sehr ergiebige Forschungslage zurückgreifen, mit „Gehorsam“ betritt sie Neuland.

Den Ausgangspunkt der Analyse bilden drei Theoriekonstellationen des 16. Jahrhunderts: der dem (aristotelischen) Hausvaterdenken entsprechende Gehorsamsanspruch des „souveränen“ Staates (z.B. Bodin), der Widerspruch zwischen literarischem Aufruf zum Widerstand und gelebtem Untertanengehorsam (de la Boetie/Montaigne) und die spannungsreichen Aussagen der Reformatoren zu Obrigkeitsgehorsam, dessen Grenzen und zu Widerstand (Luther, Calvin; „nova oboedientia“). Den Endpunkt der Analyse bilden der von Kant kategorisch geforderte Rechtsgehorsam unter logischem Ausschluss eines Widerstandsrechtes sowie die dramatische Bearbeitung von Gehorsamskonflikten bei Schiller und Kleist. In dem damit abgesteckten Feld lassen sich Wandlungen im Verständnis von Gehorsam und Resistenz sowie ihrem gegenseitigen Verhältnis an einflussreichen Positionen (u.a. Hobbes, Spinoza, Locke, Wolffsche Schulphilosophie, Rousseau) aufzeigen, die z. T. bis in die Gegenwart reichende Denkmuster erkennen lassen. Unter dem Aspekt „politische Theologie“ gilt besondere  Aufmerksamkeit v.a. dem Umgang mit dem AT (Exodus) und der Genese einer „Zivilreligion“ zur Loyalitätsfestigung. Um das Verständnis zahlreicher historischer Bezüge (u.a. Exodus und aristotelisch-thomistische Tradition) der zu untersuchenden Texte zu erleichtern, ist ein kurzer Abriss der Kulturgeschichte des Gehorsams sowie der Tradition der Tyrannislehre voranzustellen.

Das Thema Gehorsam und Resistenz spielt in der Gegenwart in sehr verschiedenen Bezügen eine wichtige Rolle. Nicht zuletzt zur Schärfung der Heuristik sollen sozusagen am Spielfeldrand vier aktuelle Bezüge begleitend mitbedacht werden: Untersuchungen zu „compliance“ bzw. „adherence“ in der Medizin, neuere rechtsphilosophische Überlegungen zur Rechtsgeltung sowie in der politischen Theorie Diskurse zum „zivilen Ungehorsam“ und Analysen des Phänomens „Wutbürger“.

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