Université d'Erfurt

MAX-WEBER-KOLLEG

Dr. Mareike Kühne

Post-Doktorandin am Max-Weber-Kolleg
von April bis September 2014

Forschungsprojekt

Rationalität und menschliches Maß

Umstritten ist, inwieweit ökonomische Modelle menschlichen Entscheidungsverhaltens durch Erkenntnisse der Neurowissenschaften verbessert werden können. Befürworter sehen neben der Möglichkeit partieller Korrekturen auch Potenzial für eine radikal veränderte Abbildung. Diese Sichtweise berücksichtigt, dass ökonomische Denkmodelle auf bestimmten psychologischen Vorannahmen beruhen, die durch neurowissenschaftliche Erkenntnisse in Frage gestellt werden. Hierzu gehört die gedachte Unterscheidbarkeit von aktiven und passiven Kapazitäten des menschlichen Geistes bzw. die Unterscheidung von Verstand und Emotion. Eine neurowissenschaftlich informierte Relativierung dieses Gegensatzes müsste in der Konsequenz eine Korrektur ökonomischer Konzeptualisierungen nach sich ziehen.

Mit meinem Projekt greife ich diesen Gedanken auf und übertrage ihn auf das normative Rahmenkonzept praktischer Rationalität, d.h. auf die Frage, was wertend als rational gilt. Mich interessiert, ob neurowissenschaftliche Positionen zur Strukturrelevanz affektiver Faktoren für menschliche Entscheidungsfähigkeit nicht nur eine geänderte Beschreibung, sondern auch ein geändertes normatives Verständnis praktischer Rationalität nahelegen. Ist die Konzeptualisierung rationaler Entscheidungen angesichts eines lebenswissenschaftlich informierten, geänderten Verständnisses menschlicher Affektivität zu modifizieren? Inwieweit kann eine Rationalitätskonzeption formuliert werden, die sich durch explizite Anerkennung der funktionellen Relevanz affektiver Aspekte auszeichnet und diese in systematischer Weise auf prozeduraler Ebene (Prozessrationalität) und in substantieller Hinsicht (Ergebnisrationalität) integriert? Inwieweit wird hierdurch die aus experimentellen Untersuchungen (z.B. Kahneman/Tversky) abgeleitete Diagnose relativiert, dass Menschen systematisch irrational entscheiden? Diese das Selbstbild realer Akteure beeinflussende Diagnose basiert letztlich auf Vergleichen mit der Denkfigur des Homo oeconomicus. Abgeleitete Empfehlungen legen indirekt ein Verhalten im Sinne dieser Denkfigur nahe. Verdient das rationale Ideal aus konzeptueller Perspektive das normative Privileg, das ihm verliehen wird? Können Positionen der Neurowissenschaften zum Ausgangspunkt der Relativierung dieses Privilegs werden?

Mit diesem Projekt möchte ich mich nicht nur in den gegenwärtigen Methodenstreit zum Beitrag psychologischer und neurowissenschaftlicher Forschung für wirtschaftswissenschaftliche Denkmodelle einbringen. Ich möchte insbesondere auch das Fundament verhaltensökonomischer Forschung (und damit den Referenzrahmen hiervon inspirierter paternalistischer Regulierungsbemühungen) näher beleuchten. Gleichzeitig verstehe ich mein Projekt als Beitrag zur Diskussion der Systemrelevanz sogenannter animal spirits. Affektivität erscheint nämlich vor dem Hintergrund lebenswissenschaftlicher Forschung mitnichten als Kuriosum, sondern als strukturell relevanter, d.h. notwendiger Bestandteil menschlicher Entscheidungsfindung.

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