Université d'Erfurt

MAX-WEBER-KOLLEG

Michael März

Von Dezember 2007 bis Februar 2011 als Kollegiat mit einem Stipendium der DFG im Rahmen des Graduiertenkollegs „Menschenwürde und Menschenrechte“ am Kolleg.

Dissertationsprojekt: „Linker Protest nach dem Deutschen Herbst. Zur Repressionskritik und Selbstverständigung des linken Spektrums 1978/79“

Vita

geb. 1981, aufgewachsen in Crimmitschau (Sachsen)

2001-2007 Studium Neuere Geschichte, Medienwissenschaft und Germanistische Literaturwissenschaft an der Friedrich-Schiller-Universität Jena

2005 Teilnahme am Sommerprogramm der Uppsala Universitet

2004-2006 Studentische Hilfskraft im SFB 482 "Ereignis Weimar-Jena. Kultur um 1800"

2006 Magisterarbeit: "Die Bundesregierung unter Entscheidungsdruck - Lorenz-Entführung und Botschaftsbesetzung in Stockholm als gemeinsames Kennzeichen einer neuen Phase des Linksterrorismus in der Bundesrepublik"

Dezember 2007 - Februar 2011 Kollegiat am Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien der Universität Erfurt

Dissertation zum Thema "Linker Protest nach dem Deutschen Herbst. Zur Repressionskritik und Selbstverständigung des linken Spektrums 1978/79" im Februar 2011 abgeschlossen

seit 2008 Mitglied der "Stig Dagermansällskapet"

seit Mai 2011 für Redaktion, Content-Management und SEO bei verschiedenen Online-Marketing-Unternehmen tätig

Betreuer: Prof. Dr. Birgit Emich (Erlangen) und Prof. Dr. Dirk van Laak (Universität Gießen)

Forschungsprojekt

Linker Protest nach dem Deutschen Herbst - Zur Repressionskritik und Selbstverständigung des linken Spektrums 1978/79


Die bundesdeutsche Linke war ausgangs der 1970er Jahre weder ideologisch noch organisatorisch konsistent. Sie kann am ehesten als politisches Spektrum beschrieben werden, dem sich Parlamentarier ebenso zurechneten wie Mitglieder außerparlamentarischer Parteien, Organisationen und Gruppierungen sowie unorganisierte politische Aktivisten aus sozialen Bewegungen und sogar bewaffnete Gruppierungen wie die Rote Armee Fraktion. Die Auseinandersetzung zwischen Staat und Terrorismus setzte alle Teile des Spektrums unter Druck, sich von antistaatlichen bzw. staatsfeindlichen Haltungen zu distanzieren, um politisch handlungsfähig zu bleiben. Dies war nicht für alle Linken mit ihren politischen wie moralischen Grundsätzen vereinbar. Infolgedessen nahm die Ausdifferenzierung des Spektrums im Laufe der 1970er Jahre zu.

Der Deutsche Herbst, der fraglos den Höhepunkt in der Auseinandersetzung zwischen Staat und Terrorismus darstellte, führte innerhalb der Linken im Wesentlichen zu zwei Einsichten: Zum einen, dass der bewaffnete Kampf keine gesellschaftlichen Fortschritte bringen würde. Zum anderen, dass der Staat selbst in einer Ausnahmesituation handlungsfähig und stabil genug war, um gesellschaftliche Veränderungsbedürfnisse unterdrücken zu können. Im Gegenteil sah sich die außer-parlamentarische Linke durch den Deutschen Herbst verstärkt ihrer politischen Handlungsspielräume beraubt und damit als Verlierer der Auseinandersetzung zwischen Staat und Terrorismus. Aus diesen Einsichten heraus mobilisierte sich am Ende des Deutschen Herbstes zaghafter Protest: Auf der Beerdigung der RAF-Spitze am 27. Oktober 1977 forderten Trauergäste aus dem linken Spektrum, dass die freiheitlich-demokratische Grundordnung vor der Bedrohung durch Terrorismus und staatlichem „Gegen-Terror“ geschützt werden müsse. Einige unter ihnen sahen vor allem in der staatlichen Reaktion auf den Terrorismus ein gefährliches Unterdrückungspotential.

Im linken Protest, wie er in der Zeit nach dem Deutschen Herbst in Erscheinung trat, fand diese Repressionskritik noch deutlicheren Ausdruck. Sie war wie ein roter Faden, der sich durch drei aufeinander folgende Großveranstaltungen zog: Den TUNIX-Kongress im Januar 1978 in Westberlin, den 3. Internationalen Russell-Tribunal im April 1978 in Frankfurt a. M. und im Januar 1979 in Köln sowie den Internationalen Kongress für und über Rudolf Bahro im November 1978 in Westberlin. Hinzu kamen verschiedene, zum Teil personell miteinander verwobene Initiativen, die gegen die Haftbedingungen „politischer“ Gefangener in der Bundesrepublik protestierten - u. a. auf den genannten Veranstaltungen.

Ein gemeinsamer Bezugspunkt dieser Protestphänomene war das „Modell Deutschland“. Der Wahlslogan, mit dem die SPD im Bundestagswahlkampf 1976 auf die internationale Vorbildwirkung der Bundesrepublik abzielte, wurde zur Projektionsfläche für alle negativen Empfindungen, die Linke mit staatlichen Institutionen verknüpften oder auf sie zurückführten. Im Mittelpunkt standen dabei weniger der Deutsche Herbst, sondern der Extremistenbeschluss und die Behandlung „politischer“ Gefangener – zwei Themen, die schon seit Anfang der 1970er Jahre Protest hervorriefen und sowohl die Initiatoren des 3. Russell-Tribunals, als auch die Gefangeneninitiativen über das Jahrzehnt hinaus beschäftigten.

Obwohl in puncto Repressionskritik miteinander verbunden und in der Haltung zur SPD weitgehend einig, entfalteten sich die vier Protestphänomene unabhängig voneinander. Sie wurden aus verschiedenen Teilen des linken Spektrums heraus initiiert und vorangetrieben und spiegelten die Vielfalt der linken Parteien, Organisationen und Gruppierungen wider. Je nachdem, ob sie eher der parlamentarischen Linken nahe standen, oder sich als undogmatische oder dogmatische Linke außerparlamentarisch engagierten, akzentuierten sie auch ihre Repressionskritik mal mehr, mal weniger staatskritisch oder gar antistaatlich und räumten entsprechend verschiedenen Forderungen Priorität ein.

Demzufolge standen die vier Protestphänomene für verschiedene Modi, mit dem Deutschen Herbst umzugehen: Die Initiatoren des 3. Russell-Tribunals und die Gefangeneninitiativen sahen in ihm die Bestätigung einer kontinuierlichen, menschenrechtsgefährdenden Entwicklung in der Bundesrepublik, auf die sie mit Rückendeckung internationaler Menschenrechtsaktivisten auf juristischem Wege reagieren wollten. Die TUNIX-Initiatoren empfanden den Deutschen Herbst dagegen eher als Eskalation: Die Verhärtung im Verhältnis zum Staat wollten sie mit Entkrampfung lösen und die verengten Handlungsspielräume mit Heiterkeit statt Verbitterung um neue erweitern. Auch den Initiatoren des Bahro-Kongresses ging es darum, das linke Spektrum aus der politischen Defensive zu befreien. Sie setzten auf einen Perspektivwechsel und wollten der Linken bewusst machen, dass die Menschenrechtssituation in der DDR und Osteuropa ernster war als jene in der Bundesrepublik. Die Kongressteilnehmer nahmen den Denkanstoß auf und einigten sich darauf, stärker gegen Repression in Ost und West vorzugehen und für den weltweiten Schutz der Menschenrechte einzutreten.

Im linken Protest nach dem Deutschen Herbst wurden mehr als nur Freiheitsbedürfnisse gegenüber der Staatsgewalt geltend gemacht: Die Protestveranstaltungen dienten auch als Plattformen, um eine spektrumsübergreifende Selbstverständigung, über ideologische Gräben und unterschiedliche Lebensstile hinweg, in Gang zu bringen. Damit hielt eine Entwicklung Einzug, die die neuen sozialen Bewegungen angestoßen hatten und die parallel im Zeitraum 1977/78 die Gründung Grüner und Bunter Listen möglich machte. Auf dem TUNIX-Kongress versammelten sich Spontis und Alternative, die Gesellschaftsveränderung konfliktfrei leben wollten und sich dafür autonome Nischen schafften. In ähnlicher Weise diente der Bahro-Kongress seinen Teilnehmern und Initiatoren als eine Art Brücke: von der Suche Einzelner nach einer alternativen Sozialismustheorie hin zur gemeinsamen Annäherung an das ökologische Thema. Dass der Vereinheitlichung der Linken Grenzen gesetzt waren, zeigte dagegen das 3. Russell-Tribunal, dessen Unterstützerbewegung gespalten blieb in jene, die im Kampf für Menschen- und Bürgerrechte die Nähe zur liberalen Öffentlichkeit suchten, und jene, für die der Staat weiterhin unter Faschismusverdacht stand. Im Beharren auf antistaatlichen Standpunkten gerieten sie, ebenso wie einige Parteien, Organisationen und Gruppierungen am äußersten linken Rand - darunter die Gefangeneninitiativen -, auf Dauer ins politische Abseits.

Publikationen

März, Michael: Linker Protest nach dem Deutschen Herbst. Eine Geschichte des linken Spektrums im Schatten des 'starken Staates' 1977-1979. Bielefeld 2012.

März, Michael: Liebe mit Hindernissen. Das 'Internationale Komitee zur Verteidigung politischer Gefangener in Westeuropa'. In: Bambule (Hg.): Das Prinzip Solidarität. Bd. 2. Zur Geschichte der Roten Hilfe in der BRD. Hamburg 2013, S. 259-277.

März, Michael: Die Machtprobe 1975. Wie RAF und Bewegung 2. Juni den Staat erpressten. Leipzig 2007.


Rezensionen:

Rezension zu: Blomqvist, Håkan; Schmidt, Werner (Hg.): Efter guldåldern. Arbetarrörelsen och fordismens slut. Stockholm 2012, in: H-Soz-u-Kult, 29.05.2013.

Rezension zu: Feldt, Kjell-Olof: En kritisk betraktelse om Socialdemokratins seger och kris. Stockholm 2012, in: Nordeuropaforum (1-2, 2012), S. 148-151.

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