Université d'Erfurt

MAX-WEBER-KOLLEG

Protestantische Rehabilitierung des Rechtspositivismus?

Die häufig übersehenen Beziehungen zwischen Gustav Radbruch und Paul Tillich dienen als Anlass und Ausgangspunkt für eine Theologie des Rechts, die sich nicht länger auf die Alternative von Naturrecht und Positivismus fixiert, sondern diese zugunsten eines reflektierten und also selbstkritischen Verhältnisses zum gesetzten Recht hinter sich lässt. Studiert man nämlich Rechtstheorien der Weimarer Republik, so zeigt sich im Kontrast zu den begründungstheoretischen Debatten, die gegenwärtige theologische Rechtsethiken (Huber, Reuter, Herms) beherrschen, ein vitales Interesse an kulturtheoretischen und kulturtheologischen Fragestellungen: Recht wird als symbolische Form (Cassirer), als Sinn- und Deutungsform (Kelsen), als Repräsentation von Ordnungsmacht (Schmitt) oder in der Differenz von Rechtsbegriff und Rechtsidee (Stammler) betrachtet. Zwischen Neukantianismus und Phänomenologie (Kaufmann, G. Husserl) ergeben sich vielfältige Perspektiven, die das Phänomen rechtlicher Ordnung im Interesse einer theologischen Kulturhermeneutik in den Blick zu nehmen erlauben. Fragt man folglich nach der Religion in der Lebenswelt der Moderne oder nach der Auswirkung von Individualisierungsprozessen auf die Selbstbeschreibung protestantischer Religion und Dogmatik (vgl. die Projekte von Hermann Deuser und Thomas M. Schmidt), dann dürfte die Frage nach der Transformationen der Religion im Horizont modernen Rechts (und ihrer Thematisierung in den Rechtstheorien) von besonderem Interesse sein. Der Bedeutungswandel der Religion auf dem Boden der Weimarer Republik soll im Spiegel des Rechtsdiskurses historisch rekonstruiert und systematisch-theologisch interpretiert werden.

Im Rahmen einer Monographie zur Kulturtheologie des Rechts möchte ich in den vier Monaten, in der ich am Max-Weber-Kolleg forschen kann, ein Kapitel ausarbeiten, das in besonderer Weise auf die Wahrnehmung der Positivität des Rechts und deren sinntheoretische Beschreibung im Rechtspositivismus und in der Rechtssoziologie Webers fokussiert ist. Dabei werden vorbereitende Studien aufgenommen, die ich zuletzt in Danz 2011, Jansen 2011 und ZevKR 2011 veröffentlicht habe (cf. Literaturverzeichnis). Von besonderem Interesse sind im genannten Zusammenhang auch Prozesse der Sakralisierung und Desakralisierung rechtlicher Ordnungen (cf. dazu auch: Geisteswissenschaftliches Forschungszentrum für Religion und Geschichte, Universität Hamburg).

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