Université d'Erfurt

MAX-WEBER-KOLLEG

Prof. Dr. Michael Stausberg

Fellow am Max-Weber-Kollegvon August 2015 bis Dezember 2016

Michael.Stausberg@ahkr.uib.no

Forschungsprojekt

Individuen-fokussierte globale Religionsgeschichte des 20. Jahrhunderts

Ich freue mich, am Max-Weber-Kolleg den Hauptteil meiner Arbeitszeit einem eher unorthodoxen, gewagten Projekt widmen zu können, das an Arbeitsstränge der Kolleg-Forschergruppe „Religiöse Individualisierung in historischer Perspektive“ anknüpft. Ich beabsichtige, ein Buch zur Globalgeschichte von Religion im 20. Jahrhundert auf den Weg zu bringen. Globalgeschichte bezeichnet dabei einerseits einen analytischen Zugang (s. unten) und einen historischen Sachverhalt. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde Religion als eine universale Kategorie konstituiert; im Jahre 1948 schließlich erlangte sie den Status eines universalen Menschenrechts. Die Globalisierung von Religion verwirklichte sich in interkulturellen Übersetzungsprozessen. So wurde in verschiedenen Sprachkulturen Begrifflichkeiten für Religion importiert und angeeignet. Der Startpunkt meiner Geschichte ist das „Weltparlament der Religionen“, das im Rahmen der Weltausstellung im Herbst 1893 in Chicago stattfand und zu dem, auf Initiative liberaler Christen, Vertreter der „great Historic Religions of the World“ nach Chicago eingeladen wurden. Das extrem erfolgreiche „Event“ verdichtet das entstehende globale Feld der Religionen. Den Endpunkt meiner Geschichte bilden die global sichtbaren Anschläge vom 11. September 2011 mitihrem Angriff auf die Zwillingstürme kapitalistischer Globalisierung und die Weltmacht USA.

Das Weltparlament der Religionen brachte religiöse Individuen aus der ganzen Welt zusammen. Für einige war die Teilnahme der Startschuss für internationale Karrieren als religiöse celebrities – und der 11. September rückte Usama bin Laden in den Fokus der internationalen Medien. In einem Manöver der methodologisch-historiographischen Individualisierung möchte ich es wagen, eine Globalgeschichte von Religion an einer kollektivbiographischen Auswahl von etwa 70 religionskreativen Akteuren zu konstruieren, an denen sich die nachhaltige globale Entwicklung religiöser Felder und Diskurse festmachen lässt. Es ist klar, dass diese Individuen Religion nicht eigenmächtig geformt haben, die Annahme ist aber auch plausibel, dass die Formung von Religion ohne bestimmte Individuen anders verlaufen wäre. Der Individuen-Fokus operiert daher mit Agenz- und Resonanz-Unterstellungen, funktioniert zugleich aber als Prisma, das es erlaubt, historisch-kulturelle Kontexte und Querverbindungen zwischen letzteren herzustellen. Der Individuen-Fokus trägt der Kreativität religiösen Handelns Rechnung, der bei der Beschreibung von Strukturen und Entwicklungen oft im Hintergrund steht, und betont die Kontingenz und Situationalität religiöser Innovation. Dadurch bietet sich die Möglichkeit, Geschichte zu schreiben und zugleich determinierte Linearitäten, Verlaufslogiken oder Teleologien zu vermeiden.

Globalgeschichte ist ein analytischer Versuch, den vorherrschenden Nationalismus und Eurozentrismus gängiger Geschichtsschreibung zu überwinden. Ähnliche Barrieren bestehen auch in der Religionsgeschichtsschreibung. In der Regel – und aus guten Gründen – arbeiten Religionshistoriker heutzutage vornehmlich nur zu bestimmten Religionen und Regionen. Eine Globalgeschichte erfordert die Überwindung dieser Barrieren, was hier allein schon dadurch erfolgt, dass nicht Teilepochen, Religionen oder Kontinente distinkt nebeneinandergereiht (oder an verschiedene Spezialisten delegiert) werden.

Ich freue mich darauf, grundlegende methodologische und theoretische Fragestellung mit den Kollegen am Max-Weber-Kolleg diskutieren und von ihrer Expertise zu verschiedenen Kulturen profitieren zu können.

Website von Michael Stausberg:

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