Université d'Erfurt

MAX-WEBER-KOLLEG

Dr. Paola von Wyss-Giacosa

Gastwissenschaftlerin am Max-Weber-Kolleg
von Juni bis Juli 2014

Forschungsprojekt

Der Teufel in Asien. Wandernde Objekte und globale Religionswissenschaft

Der Diskurs um den Ursprung der Idolatrie gehört zu den zentralen religionsgeschichtlichen Themen des 17. Jahrhunderts. Mit Referenz auf frühe christliche Autoren wie Tertullian und Lactantius oder den jüdischen Gelehrten Maimonides, zunehmend aber auch unter Einbezug ethnographischer Literatur zur zeitgenössischen „Idolatrie“ Asiens und Amerikas wurden in typographisch aufwendig gestalteten Traktaten verschiedene Argumentationslinien und historisierende Narrative zu Idolatrie präsentiert: Spekulationen über einen ursprünglichen Monotheismus; diffusionistische Ansätze zu möglichen zeitlichen und räumlichen Bezügen zwischen Idolatrien; Bemühungen, innerhalb einer Strategie der Akkomodation, eine christliche Präsenz nachzuweisen, die einem späteren Heidentum vorausgegangen wäre.

Ein erklärtes Ziel gelehrter antiquarischer Forschung in diesem Bereich war die Überprüfung, Erweiterung und Verbesserung rein textbasierten Wissens durch alternative Dokumente wie etwa antike Münzen oder Ethnographica. Die visuellen Repräsentationen solcher Objekte im Buch fungierten als Ausgangspunkt, als Evidenz und ikonographische Referenz der im Text vorgetragenen Argumente; sie waren im eigentlichen Sinne illustrationes eines epistemischen Prozesses, der einer methodisch vergleichenden Gegenüberstellung einzelner Gegenstände eine zentrale Bedeutung beimaß.

Im Zentrum meines Projekts steht ein Beispiel dieser ‚idololatria illustrata‘, das Werk Umbra in luce des Jenaer Professors der Theologie und Orientalisten Johann Ernst Gerhard (1621-1668), Sohn des namhaften lutherischen Theologen Johann Gerhard. Gerhards global angelegte Abhandlung zu Religion erschien 1667 in Jena und stellt einen bisher kaum beachteten Beitrag zum eben skizzierten Idolatrie-Diskurs dar. Der antiquarischen Praxis einer cognitio singularium entsprechend, befragte und verglich Gerhard in seiner Untersuchung Artefakte: Er reproduzierte Illustrationen aus Werken namhafter Autoren, vor allem aus Kirchers Oedipus Aegyptiacus, bezog sich aber auch wiederholt auf eine eigene Sammlung von Gegenständen und bildete daraus einige aus Süd- und Südostasien stammende Stücke ab.

Meine Studie geht von diesem „Antiquarium Gerhardinum“ aus. Vor dem weiteren Kontext früher ethnographischer Diskurse zu den Religionen Asiens möchte ich untersuchen, wie die Stücke in den Besitz des Jenaer Professors kamen und wie sie innerhalb seines Arguments eingesetzt wurden. Die Kontingenz der von Reisenden oder von Gelehrten wie Gerhard zusammengetragenen Objektsammlungen ist dabei nicht von der Hand zu weisen. Die Deutungen der Artefakte waren oft falsch. Sie waren allerdings – und dies macht sie zu einem spannenden Forschungsgegenstand – nicht beliebig, sie waren nicht das Ergebnis einer pauschalen Verurteilung alles Nichtchristlichen, sondern die Konklusion einer anhand vielschichtiger Quellen vorgenommenen Reflexion und Analyse.

Durch meine Untersuchung der eingesetzten figurativen Praktiken, der drucktechnischen und sprachlichen Einbindung der Objekte in das religionsgeschichtliche Argument Gerhards möchte ich den verschiedenen Bedeutungstransfers dieser im eigentlichen wie im diskursiven Sinne wandernden Gegenstände nachgehen und damit ideen- und verflechtungsgeschichtlichen Implikationen der frühneuzeitlichen antiquarischen Forschung.

Website von Paola von Wyss-Giacosa:

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