Université d'Erfurt

MAX-WEBER-KOLLEG

Dr. Patrick Wöhrle

ehemaliger Post-Doktorand am Max-Weber-Kolleg

patrick.woehrle@uni-erfurt.de

Vita

  • geb. am 24.10.1975 in Freiburg im Breisgau
  • 1996-2002 Studium der Soziologie, Germanistik und Geschichte an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
  • 2000/2001 einjähriges Auslandsstudium der European Studies an der University of East London
  • 2002 Magister Artium; Titel der Abschlussarbeit: "Probleme einer Handlungslehre. Arnold Gehlens Mensch zwischen Herstellung, Darstellung und Feststellung"
  • 2003/2004 hilfswissenschaftlicher Angestellter am Soziologischen Institut der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
  • April 2004 - März 2007 Kollegiat/Doktorand am Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien der Universität Erfurt
  • April 2007- August 2007 Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Dresden, Institut für Soziologie, "Lehrstuhl für Soziologische Theorie, Theoriegeschichte und Kultursoziologie" / Gastkollegiat am Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt
  • Juni 2008 Promotion in Soziologie (Dr. phil.) am Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien mit der Arbeit "Metamorphosen des Mängelwesens. Zu Werk und Wirkung Arnold Gehlens" (2010 erschienen: Campus-Verlag)
  • seit 15.10.2008 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien; Habilitationsprojekt "Ambivalente Inklusionen des Monströsen. Eine Fallstudie zur komplexen moralischen Grammatik der Moderne"

Forschungsprojekt

Ambivalente Inklusionen des Monströsen. Eine Fallstudie zur komplexen moralischen Grammatik der Moderne


Das Forschungsvorhaben verfolgt das Ziel, mit Blick auf einen empirischen, zunächst vielleicht abseitig erscheinenden, "kleinen" Gegenstand die "große" Frage nach dem integrativen bzw. inklusiven Zug der Moderne auf eine neue Weise zu stellen und exemplarisch zu verdichten. Dieser "kleine" Gegenstand soll zunächst wenig mehr sein als das sich seit dem Beginn des 17. Jahr-hunderts im europäischen Raum ankündigende Unbehagen, stark missgebildete Menschen als Monster zu qualifizieren. Komplexer allerdings erscheint dieser Gegenstand bereits, wenn man nach den Gründen dieses Unbehagens sucht, denn aus modernitätsdiagnostischer Perspektive naheliegende Vermutungen erweisen sich zumindest in monokausaler Zuspitzung als zu kurzgreifend. Weder handelt es sich bei diesem Unbehagen um ein genuin moralisch motiviertes, wie es einer aufklärerisch-geltungstheoretisch geprägten Lesart entsprechen würde, noch ist es erschöpfend am Leitfaden einer an Foucault geschulten Wissens(chafts)soziologie zu verhandeln. Vielmehr handelt es sich bei dem, was hier als "Inklusion des Monströsen" analysiert werden soll, um naturwissenschaftlich-epistemologische, religiöse- theologische, politisch-institutionelle und teils gar ästhetische Wandlungsprozesse zugleich, wie bereits ein Blick in Michel de Montaignes "Essay über ein mißgeborenes Kind" verdeutlichen kann. Bei ihm verschränkt sich schon Ende des 16. Jahrhunderts eine an Augustinus oder Leibniz erinnernde Dezentrierung des menschlichen Erkenntnisvermögens auf eigenwillige Weise mit einer Ästhetisierung der Natur, einer experimentellen Neugierhaltung und den Ansätzen eines modernen Wissenschaftsethos:

Was wir Mißgeburten nennen, sind für Gott keine, da er in der Unermeßlichkeit seiner Schöpfung all die zahllosen Formen sieht, die er darin aufgenommen hat. […] Darüber, was man häufig sieht, wundert man sich selbst dann nicht, wenn einem seine Ursache unbekannt ist. Geschieht aber etwas, das man nie zuvor gesehen hat, hält man es für ein Wunder. Was wider die Gewohnheit geschieht, nennen wir wider die Natur. […] Laßt uns an Hand ihrer universalen Vernunft die abwegige Verblüffung abschütteln, die uns bei ungewohnten Erscheinungen jedesmal überkommt.

Mit Blick auf diese sich hier andeutende mehrdimensionale "Inklusion des Monströsen" will das Projekt durch eine Engführung von wissenssoziologischer, begriffs- bzw. wissenschaftsgeschichtlicher, moralgenetischer und diachronvergleichender Untersuchungsebene die historische Quellen- und Motivvielfalt der Emotionalität erschließen, mit der heute - mehr als 200 Jahre später - auf die Planspiele einer "liberalen Eugenik", auf die "präferenzutilitaristische" Ethik Peter Singers oder auf eine weitere Verwendung der Monster-Metapher reagiert wird. Dem Nachweis dieser Motivvielfalt und Interdependenz wird auch deswegen besondere Aufmerksamkeit gewidmet, weil sich an ihn methodologische und sozialtheoretische Konsequenzen anschließen, die eng mit der "Kommunikationsblockade" zwischen wissenschaftsgeschichtlich-diskursanalytischer und texthermeneutisch-wertrekonstruktiver Herangehensweise zu tun haben: Diskursanalyse kann zwar - so die methodisch relevante Ausgangsthese - wertvolle Hinweise darauf liefern, wie "Sagbarkeiten" als Dispositive wissenschaftlich und experimentell hervorgebracht werden und wie diese Sagbarkeiten mit gesellschaftlichen Machteffekten einhergehen, aber sie hat wenig darüber mitzuteilen, worin die eigentliche Anziehungskraft dieses neu Sagbaren bestehen könnte und wie die moralische Zurechnung bzw. die subjektiven Wertevidenzen, von denen die angesprochene Emotionalität heutiger Debatten unverkennbar zeugt, überhaupt zustande gekommen sind. Für die hier im Vordergrund stehende Fallstudie kommt diese methodologische Vorannahme dadurch zum Tragen, dass die "Inklusion des Monströsen" - synchron und diachron - ebenso anhand geistesgeschichtlicher, moralischer, theologischer und ästhetischer Reflexion nachzuweisen bleibt wie anhand wissenschaftlich- experimenteller Praktiken, institutionell-politischer Arrangements, signifikanter Begriffsverschiebungen und anhand eines veränderten Verhältnisses zur Natur bzw. zum menschlichen Körper.

Wie daraufhin der zweite Untersuchungsschritt zeigen soll, ist mit der Emergenz dieser Inklusionsebenen allerdings nicht die Annahme eines bruchlosen Paradigmenwechsels von einer mythologischen Überhöhung des Monströsen zu einem aufgeklärten Verständnis von Behinderung verbunden, und der Begriff der "Inklusion" wird auch deshalb zunächst in einem normativ neutralen Sinne verwendet werden müssen. Er soll nicht mehr bedeuten als die Eingliederung eines ehemals als widernatürlich, ungestaltet oder teuflisch-dämonisch Qualifizierten in einen semantisch erweitertes Verständnis von natürlicher Ordnung, ästhetischer Regelförmigkeit oder göttlichem Schöpfungsplan und kennzeichnet in diesem Sinne die Grenzverschiebung einer Innen-Außen-Unterscheidung, die im weiteren historischen Verlauf besonders eine durchaus ambivalente Eigendynamik hervorbringt bzw. verstärkt. Im Gefolge Darwins nämlich ist es gerade die - aufgeklärte und "inklusive" - Naturalisierung des Monströsen, die ein Dispositiv für eugenische und euthanasische Praktiken schafft: Die konsequente Prozessualisierung des Lebensbegriffs führt dazu, einen neuen Gegensatz zwischen "stehengebliebener" und "zum Ziel gelangter" Natur zu konstruieren, und die diagnostische Möglichkeit, Entwicklungsstadien und vor allem Entwicklungshemmungen vergleichend zu klassifizieren, lässt die Frage nach der künstlich-selektiven Steuerung dieser Prozesse auftreten. An die Stelle des Widernatürlichen tritt dann das natürlich Zurückgebliebene und Gehemmte, und zum ethischen Maßstab wird eine ordinale Skalierung von Fähigkeits-, Empfindungs- oder Bewusstseinsniveaus, die sich wiederum an Steigerungs- und Überbietungsoptionen von "Leben" orientiert.

Im dritten und abschließenden Teil soll in konzentrierten Einzelstudien belegt werden, dass die verschiedenen historischen Dimensionen der herausgearbeiteten "Inklusion des Monströsen" noch die heutigen Debatten um eine mehr oder minder "liberale" Eugenik, um den "Präferenzutilitarismus" Peter Singers oder um einen adäquaten Begriff von "Behinderung" entscheidend prägen. Weil die Ergebnisse voraussichtlich weder dazu Anlass geben, bündig von einer Quelle der "Inklusion" auszugehen, an die sich problemlos eine humanistische Fortschrittserzählung anschließen ließe, noch dazu, alle Motive der "Inklusion" zum Gegenstand einer generalisierten Vernunft- und Wissenschaftsskepsis zu machen, wird sich diese Fragestellung darauf konzentrieren, wie die herausgearbeitete und keineswegs unproblematische Motivvielfalt der Inklusionsebenen überhaupt moralisierbar wird bzw. wie sie in moralische Zuschreibungen umschlagen kann. Eine in diesem Sinne "moralgenetische" Fragestellung wird sich zum einen daran interessiert zeigen, welche spezifischen Erfahrungen es sind, die aus einem zuvor in weiten Teilen wissenschaftlich codierten Diskurs überhaupt einen moralisch codierten machten und machen. Zum anderen wird genauer zu betrachten sein, inwiefern aktuelle Wertkonflikte teils als in das "kollektive Gedächtnis" diffundierte Transformationen und teils als markante Verschiebungen derjenigen Begründungsfiguren und Wissensbestände betrachtet werden können, die auf die zuvor herausgearbeiteten "Inklusionen des Monströsen" zurückverweisen.

Publikationen

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