Université d'Erfurt

MAX-WEBER-KOLLEG

Paul Michael Kurtz

Ehem. Stipendiat des Max-Weber-Kollegs für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien

paulmichaelkurtz@gmail.com

Forschungsprojekt

Kaiser, Christ, and Canaan. The Religion of Israel in Wilhelmine Germany, 1871–1918

Dieses auf Englisch geschriebene Dissertationsprojekt analysiert die Entwicklung der kritischen Erforschung altisraelitischer Religionsgeschichte als ein Forschungsthema innerhalb der „German Conception of History“ einerseits und inmitten des „Niedergangs der deutschen Mandarine“ anderseits, um nur zwei grundlegende wissenschaftsgeschichtliche Werke zu dieser Epoche wachzurufen. Im engeren Sinne untersucht diese Arbeit, (I) was wilhelminische Gelehrte in Bezug auf Altisrael als „Religion“ angesehen haben, (II) wie sie bei der Erforschung dieses Konzeptes vorgingen und (III) warum sie ihre Forschung in der Weise betrieben haben, wie sie es taten.

Zu diesem Zweck konzentriert sich jeder der drei Teile auf eine repräsentative oder gar archetypische Persönlichkeit, die eine spezifische historiographische Herangehensweise vertritt. Dementsprechend werden Julius Wellhausen (1844–1918) und die Quellenkritik, Hermann Gunkel (1862–1932) und der Kulturvergleich und Rudolf Kittel (1853–1929) und die Einbeziehung der Archäologie ausgewertet. Jeder Teil, wiederum jeweils in drei Kapitel gegliedert, evaluiert (1) wie soziale sowie biographische Einflüsse die fachliche Entwicklung des Wissenschaftlers geprägt haben, (2) wie sich die Arbeit an der Religionsgeschichte Altisraels in das akademische Gesamtwerk und die entsprechende berufliche Karriere einordnet und (3) wie jeweils umfassendere begriffliche Konzeptionen den Einsatz spezifischer methodischer Ansätze zur Rekonstruktion einer historischen Religion gerechtfertigt haben. Aufgrund dieser Untersuchungen legt der Schluss des Dissertationsvorhabens dar, wie die ausgewählten Gelehrten Religion als ein unterscheidbares und somit erforschbares Untersuchungsfeld konzipiert haben.

Mithin erkundet diese Arbeit historische Forschungen zur Religionsgeschichte Altisraels als einen Spezialfall bei der Suche nach den intellektuellen Grundlagen geisteswissenschaftlicher Erforschung antiker Kulturen im Allgemeinen. Das Projekt evaluiert drei spezifische historiographische Zugänge dergestalt, dass die jeweils der Kategorie „Religion“ und ihrer Rekonstruktion zugrundeliegenden Vorannahmen, die selbstverständlich – was selbst in zeitgenössischer Forschung allzu oft außer Acht gelassen wird – ein Produkt ihrer historischen Kontexte sind, offengelegt werden. Dabei werden die nicht zuletzt fachexternen und nichtkognitiven Dimensionen wilhelminischer Geschichtswissenschaft betont. In diesem Sinne blickt das Projekt auf den Aufstieg von Religion als eines mehr und mehr eigenständigen Forschungsbereiches inmitten zunehmender ProfessionalisieProfessionalisierung des Wissenschaftsbetriebes, der Herausbildung festerer Seminarstrukturen und eines Generationenkonflikts. Gesellschaftspolitische sowie biographische Analysen zu Wellhausen, Gunkel und Kittel ergänzen deshalb die üblichen deskriptiven, fachinternen und kognitiven Darstellungen ihrer akademischen Bestrebungen.

Im weiteren Feld der Geistes- und Kulturgeschichte analysiert die Studie die Erforschung nahöstlicher Geschichte im Rahmen des modernen Europa. Infolgedessen erkundet das Projekt Vorstellungen nicht nur „des Ostens“ im „Westen“ sondern auch der Geschichte in der Gegenwart. Auf diese Weise treten die begrifflichen Schwierigkeiten des Bildungsbürgers, der das komplexe Erbe einer antiken nahöstlichen Religion mit seiner modernen europäischen Gesellschaft zu vereinbaren versucht, hervor. In den religiösen Debatten, die das lange 19. Jahrhundert hindurch tobten, war die Frage von Historizität und Normativität insbesondere in Bezug auf die Heilige Schrift ein Schwerpunkt. Jenseits der Trennung zwischen Orthodoxen und Liberalen stand die Verbindung zwischen Juden und Judentum zu antikem Israel, frühen Christen und modernen Deutschen im Vordergrund. Die Religionsgeschichte Altisraels wurde somit ein Debattenfeld sowohl innerhalb der Universität als auch der wilhelminischen Gesellschaft im Allgemeinen. Durch diesen speziellen Zugang wird gezeigt, wie gegenwärtige Anliegen und Annahmen ihren Weg in Darstellungen der Vergangenheit hinein gefunden haben.

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