Université d'Erfurt

MAX-WEBER-KOLLEG

Sebastian Krebel

Von Oktober 2011 bis Februar 2015 als Kollegiat mit einem Stipendium der Graduiertenschule "Religion in Modernisierungsprozessen" am Kolleg.

Dissertationsprojekt: „Weil Gott die wunderbare Vielfalt liebt – Modernes Heidentum in Deutschland – Ethnographische Erkundungen“

Forschungsprojekt

Lebenswelten neuheidnischer Hexen im Kontext einer postsäkularen Gesellschaft

Moderne und Religiosität schließen sich nicht aus. So behaupten Beobachter, wie der Berliner Soziologe Hubert Knoblauch, dass unsere Gesellschaft spiritueller wird. Diese neue Spiritualität finde jedoch weniger auf den Feldern traditioneller kirchlicher Frömmigkeit statt. Sie findet auch Eingang in die Populärkultur und zeichnet sich besonders dadurch aus, dass sich Menschen ihre eigene Religion aus kulturellen Bausteinen, die ihnen wichtig erscheinen, zusammenbasteln. Besonders deutlich ist dies im sehr unübersichtlichen Bereich der Esoterik der Fall. Ich möchte mich in meiner Forschungsarbeit mit modernen Hexen beschäftigen, indem ich ihre Lebenswelten ethnographisch erkunde. Diese neuen Hexen werden dem Bereich des Neuheidnischen zugeordnet. Sie lehnen ihren Glauben an vorchristliche Kulte an, nutzen jedoch oftmals eine bunte Mischung an Ritualen und Praktiken aus nahezu allen Nischen westlicher und östlicher Esoterik. Der Begriff Hexe weckt Assoziationen an glühende Scheiterhaufen, Aberglauben und Menschenjagden. Als Hexe bezeichnet man kaum Menschen, die gut in die Gesellschaft integriert sind. Ihr Charakter als Außenstehende ist sprichwörtlich und jemanden umgangssprachlich Hexe zu nennen ist noch heute wenig schmeichelhaft. In manch anderer Hinsicht, beispielsweise in den modernen Unterhaltungsmedien, ist die Hexe ein positives Muster weiblicher Rollenidentifikation. Hier ist sie selbstbewusst, intelligent, sexy und bekommt was sie will. In der Hexe fließen zudem einige Strömungen aus Esoterik und New-Age-Bewegung zusammen. Hierzu gehört ein starkes Umweltbewusstsein, Nähe zu den Zyklen der Natur, Gleichheit der Geschlechter, Toleranz und Religionsfreiheit, Betonung der Religion als leibhaftiges Erlebnis, Magie und Animismus. Es herrscht ein eigentümliches Spannungsverhältnis zwischen Hexen als selbstgewählte und in der Tradition rückwärtsgewandte Randkultur und der Hexe als avantgardistisches Produkt der Moderne. Spannend ist zudem die Frage, welche Rolle alternative Lebensformen und Gesellschaftskritik im Leben moderner Hexen spielen, oder ob wir es hier eher mit einem Wellness- und Konsumkult aus dem Supermarkt der Religionen zu tun haben. Im Gegensatz zum Forschungsstand in den USA, wo pagan studies, die Erforschung von neuheidnischen Gruppen, längst etabliert sind, gibt es kaum entsprechende Arbeiten in Deutschland. Zudem liegt der Fokus hiesiger Arbeiten auf der Analyse esoterischer Literatur und einigen Interviews. Ich möchte stattdessen hauptsächlich mit der freien teilnehmenden Beobachtung arbeiten. Das heißt, dass ich den persönlichen Kontakt zu Hexen suche, an ihren Festen teilnehme, ihre heiligen Stätten kennenlerne, zu Stammtischen und Treffen gehe, Vereine, Gruppen, Dachverbände und Hexenläden aufsuche und mich nach Möglichkeit zur Hexe ausbilden lasse. In der Forschung greife ich dabei auf alle verfügbaren Datensorten zurück, wie etwa Fotos, Flyer, Internetbeiträge, Filme und Gegenstände. Ziel ist dabei das Zusammenspiel von Lebenswelt, Religion und Gesamtgesellschaft zu verstehen und seine sozialen Mechanismen zu erklären.

Menu de navigation

Outils

Connexion et changer la langue