Université d'Erfurt

MAX-WEBER-KOLLEG

Prof. Dr. Ute Hüsken

Fellow am Max-Weber-Kolleg
von August 2015 bis Juli 2016

ute.huesken@ikos.uio.no

Forschungsprojekt

Changing Patterns of Women’s Ritual Agency

Mein Projekt “Changing Patterns of Women‘s Ritual Agency” behandelt Fragen des Wandels in der Aneignung, der Zuschreibung und der Realisierung von religiöser und ritueller Handlungsmacht (agency). Dabei steht die Handlungsmacht weiblicher Ritualspezialisten zweier südasiatischer religiöser Traditionen im Vordergrund: Die Fallstudien sind hinduistische Priesterinnen in Indien und buddhistische Nonnen in den USA. In beiden Fallstudien behält die Tradition das Spezialistentum Männern vor. Ferner wird dieses Spezialistentum durch eine Reihe von Initiationen übertragen, die nur den Angehörigen bestimmter sozialer Gruppen zugänglich sind.

Während meiner Zeit am Max-Weber-Kolleg möchte ich vor allem die von der Tradition zugeschriebene Handlungsberechtigung (skt. adhikāra), die Handlungsbefähigung (Ritualkompetenz; skills; Charisma; Überzeugungskraft) und die tatsächliche Wirkmacht der Handlungen (efficacy) untersuchen. Schon die relevanten normativen Texte aus den ersten vorchristlichen Jahrhunderten bezeugen Aushandlungsprozesse zwischen Individualität und Konformität mit der Tradition, welche Grundlage des kontinuierlichen Wandels der Traditionen sind. Die Texte stellen die Handlungsberechtigung als unveränderlich und jenseits historischer Aushandlungsprozesse dar. Gleichzeitig verschaffen sich in eben diesen Texten unterschiedliche Fraktionen Gehör. Im Ergebnis stehen sich unterschiedliche Traditionen gegenüber, die sich jedoch auf identische Ursprünge berufen (der Buddha/göttliche Offenbarung). Insofern ist die historische Diversifizierung dieser religiösen Traditionen Zeugnis nicht nur der individuellen Verhandelbarkeit (durch Neuinterpretation etc.) des Inhaltes der klassischen Texte, sondern vor allem Zeugnis der Initiative von Individuen zur Veränderung und Erneuerung der Tradition. Dabei wird jedoch nicht das Neue und Individuelle als Wert gesehen, sondern vielmehr die Kontinuität. Hier will ich vor allem betrachten, mit welchen Strategien die Akteure ihre historische und kulturelle Distanz zu den sie legitimierenden Texten überbrücken.

Für mein Projekt sind Prozesse der Aneignung ritueller Handlungsbefähigung besonders wichtig, zumal sie eine wichtige Verbindung der individuellen Biographie und der religiösen Tradition darstellen: Beide Aspekte beeinflussen einander und werden gerade in diesen Prozessen der Aneignung und des Erlernens verändert. Denn wenn auch in den behandelten religiösen Traditionen besonderer Wert auf die Übermittlung von religiöser und ritueller Kompetenz im Rahmen des Lehrer-Schüler-Verhältnisses gelegt wird und sie somit den fast physischen Kontakt zum Ursprung der Tradition gewährleisten, so sind es doch immer individuelle Lehrer und Schüler, die die Tradition verkörpern, vermitteln und letztendlich verändern.

Die performative Wirkmacht der rituellen Handlungen setzt Gruppenkonsens voraus. Hier ist auch der Erfolg oder Misserfolg des Rituals angelegt, nämlich in seiner Kapazität (oder dem Fehlen dieser Kapazität), eine soziale Realität festzulegen oder zu bestätigen. Diese Wirkmacht wird oft erst in der auf die spezifische Situation gerichteten Kritik explizit – insofern eignet sich eine umstrittene Situation (hier die Übernahme traditionell von Männern bekleideter religiöser Ämter) besonders, um sich Fragen der individuellen rituellen Handlungsmacht anzunähern.

Im Fall der buddhistischen Nonnen ist ferner die Situation im gegenwärtigen Kalifornien von Bedeutung. Ihre Lebenssituation ist einerseits durch ihre Position im “religious marketplace” charakterisiert sowie durch die starke Konkurrenz vieler weiterer spiritueller Angebote. Andererseits ist ihre Situation auch durch die Abwesenheit einer buddhistischen Mönchsgemeinde geprägt, die eine Führungsrolle beanspruchen würde. Ferner gibt es – anders als in asiatischen Ländern – kaum staatliche Einmischung in interne Belange, jedoch gibt es auch keine organisch gewachsene Laiengemeinde, die die Nonnengemeinde verlässlich materiell unterstützt. Wichtig sind in diesem Kontext ferner nicht nur die lokale Situation, sondern auch die starken transregionalen intellektuellen und religiösen Netzwerke, die von den buddhistischen Nonnen etabliert und unterhalten werden.

Für die Beurteilung der Situation der hinduistischen Priesterinnen in Maharashtra ist dagegen die gegenwärtige tagespolitische Situation von großer Bedeutung. Wie verhalten sich die einzelnen Priesterinnen bzw. Gruppen von Priesterinnen hinsichtlich der neuen Hindu-nationalistischen BJP Regierung? Wird die zu erwartende Patronage von Sanskrit-Gelehrsamkeit und brahmanischen hinduistischen Traditionen den Frauen nützlich sein, oder wird ihr “Bruch” mit der Tradition im Vordergrund stehen?

Website von Ute Hüsken:

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