Université d'Erfurt

MAX-WEBER-KOLLEG

Prof. Dr. Veronika Hoffmann

Fellow am Max-Weber-Kolleg
von Oktober 2015 bis März 2016

veronika.hoffmann@uni-siegen.de

Forschungsprojekt

Religiösen Zweifel denken

Das Projekt fragt nach Verständnis und Rolle des religiösen Zweifels. Dabei werden wesentlich Charles Taylors Analysen zu den geänderten Bedingungen des Glaubens im nordatlantischen Raum zu Grunde gelegt, so dass sich die Frage zuspitzen ließe: Welche „geänderten Bedingungen des Zweifels“ folgen aus diesen geänderten Bedingungen des Glaubens? Die Beantwortung der Frage verlangt auch eine Näherbestimmung dessen, was „Zweifel“ meint. Eine erste Annäherung ergibt sich aus dem Grund für den Rückgriff auf Taylor: Dadurch soll gegenüber dem gängigen fundamentaltheologischen Zugriff auf den religiösen Zweifel eine Erweiterung der Perspektive erreicht werden, insofern Taylor nicht auf die theoretische Rationalität von Glaubensüberzeugungen reflektiert, sondern Glauben als eine vortheoretische Gesamtsicht auf die Wirklichkeit in den Blick nimmt. Entsprechend wäre unter „Zweifel“ nicht die Kritik einzelner religiöser Vorstellungen oder ein methodisches Instrument zur Gewinnung von Wissen zu verstehen, sondern die Infragestellung dieser Gesamtperspektive.

Dass aus dem von Taylor diagnostizierten Verlust eines von allen geteilten selbstverständlichen religiösen Rahmens und der daraus folgenden Optionalität jeder religiösen Position eine Bedeutungszunahme des Zweifels folgt, scheint zunächst offensichtlich. Eine genauere Klärung will jedoch zwei Vermutungen nachgehen, die häufig angenommenen Verbindungen entgegenlaufen: 1. Die Optionalität bzw. „Fragilisierung“ religiösen Glaubens ist nicht mit dem Zweifel an ihm identisch. Deshalb ist auch unter den Bedingungen von Säkularität religiöse Gewissheit nicht nur in naiver oder fundamentalistischer Fassung zu haben – mit Hans Joas ließe sich von der Möglichkeit „kontingenter Gewissheit“ sprechen. 2. Es gibt keine zwingende Korrelation zwischen der Stärke oder Schwäche einer religiösen Option („Stärke“ hier vorrangig nicht bezüglich des vertretenen Wahrheitsanspruchs, sondern der Bedeutsamkeit für das Individuum verstanden) und einer gegenläufigen Schwäche oder Stärke religiösen Zweifels. Es sind durchaus einerseits starke religiöse Optionen mit Zweifel kompatibel und andererseits schwache mit Gestalten von „zweifelsfreier Selbstverständlichkeit“.

Diese Vermutungen setzen eine weitere Näherbestimmung des Zweifels voraus. Vorgeschlagen  werden soll, aus dem Begriff sowohl eine Indifferenz auszuschließen, die sich für die Frage nach grundsätzlichen Weltperspektiven nicht interessiert, als auch eine gewissermaßen latente Unsicherheit, die aber die eigene Position nicht wirklich in Frage stellt. Zweifel soll demgegenüber als eine (mögliche, tentative, fragliche) Bewegung von einer gegenwärtigen in Richtung auf eine andere Position verstanden werden.

Diese Bestimmung könnte sich auch insofern als weiterführend erweisen, als sie Verbindungslinien zu einer weiteren Veränderung in der religiösen Landschaft zu ziehen erlaubt. Denn zumindest für den Raum, der durch Taylors Entwurf in den Blick kommt und der durch einen „expressiven Individualismus“ geprägt ist, scheint religiöser Glaube seinen zentralen Referenzpunkt aktuell weniger in Fragen des (eschatologischen) Heiles zu finden als in solchen gelingenden Lebens und personaler Identität. Insofern davon auszugehen ist, dass personale Identität heute nicht mehr an einem bestimmten Punkt des Lebens endgültig „gefunden“ wird, sondern Identitätsprozesse über die gesamte Lebensspanne stattfinden, dürfte damit auch der Bewegungsimpuls des Zweifels in diesem Prozess eine bleibende oder rekurrierende Rolle spielen.

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