Universität Erfurt

Antike Kultur

Haus zum Kleinen Hasengeier (Pilse 19)

Das Haus zum Kleinen Hasengeier (Pilse 19) in der Erfurter Altstadt ist in der Mitte des 18. Jahrhunderts über mittelalterlichen Kellern und mit Baumaterial aus dem 15. bis 18. Jahrhundert errichtet worden und wird als Wohnhaus genutzt.

Zur Geschichte des Hauses stehen kellerarchäologische Erkenntnisse (die Volker Düsterdick im Oktober 2013 gewonnen hat), dendrochronologische Befunde (die das Institut für Archäologie, Denkmalkunde und Kunstgeschichte der Universität Bamberg im Frühjahr 2014 festgestellt hat) und archivalische Zeugnisse (die im Wesentlichen nach der Häuserchronik von Otto Rollert zusammengestellt sind) zur Verfügung.

Unter dem heutigen Haus befinden sich mehrere Keller, deren ältester wohl aus dem 14. Jh. stammt. Dieser Gewölbekeller (Keller 1, Kalkmörtel) steht in keiner direkten Verbindung zum historischen Haus, sondern erstreckt sich heute bis unter die Straße und unter das südliche Nachbargrundstück. Von der Luke dieses Kellers nach Westen sind die zeittypischen senkrechten Wangen erhalten. Der nach Osten weisende Kellerhals ist im Ansatz noch erkennbar; über ihm steht das historische Haus.

Ein weiterer Gewölbekeller (Keller 2, Kalkmörtel) wurde wohl im 15./16. Jh. nördlich von diesem ersten Keller gegraben und erstreckt sich ein wenig bis unter das heutige nördliche Nachbargrundstück; er war wohl, wie Keller 1, von Osten, ggf. auch mit einer Wendung von Norden her zugänglich. Erhalten sind die Mitte dieses Kellers und Reste seines Ostteils, die anderen Teile wurden später verändert (s.u.). Offenbar führte die Ausgrabung des Kellers 2 zu einer Gefährdung von Keller 1, weshalb zur Zeit von Keller 2 in Keller 1 eine (erhaltene) Stützmauer errichtet wurde.

Für das 16. Jh. belegen archivalische Quellen einen Haus- und Biereigenhof zum Großen Hasengeier (Laur. 28-31, heute Pilse 17-19). 1569 gehören Jeremias Seltzer die Häuser zum Hasengeier und zum Einhorn; das Grundstück umfasst seinerzeit als “Zubehör” auch drei “Zinshäuser”, nämlich zur Ziegel (das Wort “Ziegel” kann auch feminin gebraucht werden), zur Wolfskappe und zum Einhorn.

1647 wird das Haus zur Wolfskappe als "wüst" (also unbewohnt oder unbewohnbar, möglicherweise als Folge des Dreißigjährigen Kriegs) bezeichnet; es gehört seit diesem Jahr Katharine Rehefeld (Rehefeldt), der Witwe des obersten Ratsmeisters Dr. med Johann Rehefeld; von 1651 an ist sie Eigentümerin der beiden Häuser zur Wolfskappe und zum Ziegel & Einhorn (letzeres erscheint nunmehr als eines) und dort noch 1666 bezeugt; erst im Jahr 1693 ist als neuer Eigentümer ein Hans Zeuner belegt. Wohl in diesem Zusammenhang wurde der Westteil von Keller 2 mit einer Mauer (in die eine Nische eingelassen ist) abgetrennt und möglicherweise verfüllt.

In der Mitte des 18. Jahrhunderts wird über den alten Kellern das heutige Haus errichtet. Die für das Fachwerk verwendeten Balken sind zwischen 1744 und 1748 gefällt worden, für den Dachstuhl wurden hingegen bereits 1424 gefällte Holzbalken erneut verwendet. Alle Balken sind in situ erhalten. Spätestens 1754 ist das gesamte Grundstück des Hofs zum Großen Hasengeier formal in drei eigenständige Teile geteilt, der südlichste Teil, eben das “Haus zum Einhorn & Ziegel”, das im Stadtlagerbuch jetzt als "Laur. 31c" erscheint, wird nun “Haus zum Kleinen Hasengeier” genannt (das Nachbarhaus zur Wolfskappe heißt nun Haus zum “Mittleren” und das Stammhaus weiterhin zum “Großen” Hasengeier). Das Haus zum Kleinen Hasengeier ist seinerzeit Eigentum von Barbara Justine Holländer, der Witwe des Pastors Holländer. Wohl zu jener Zeit wird ein Verbindungskeller (Keller 3, Lehmmörtel) ausgeführt, der den Zugang zu den Kellern aus dem Hausinneren schafft und Keller 1 und 2 in deren östlichem Bereich verbindet.

Als Barbara Justine Holländer 1761 stirbt, verkauft ihre Tochter Magdalene Dorothee Meißelbach, geb. Holländer, die Ehefrau eines Kaiserlichen Feldwebels, den Nachbarn ein Drittel des Grundstücks, das die Ecke im Versprung des Straßenverlaufs der Pilse belegt und künftig als Laur. 31d ("1/3 vom Haus zum Kleinen Hasengeier", heute Pilse 20) gezählt wird und noch in demselben Jahr bebaut wird. Dieses gehörte übrigens 1777-1784 dem seit 1768 als Professor der Medizin und Chemie an der Universität Erfurt wirkenden Apotheker Dr. Wilhelm Bernhard Trommsdorff, wurde aber inzwischen abgerissen und durch einen modernen Neubau ersetzt (deshalb steht das Haus Pilse 19 derzeit mit einem Teil der fensterlosen Südwand zur Straße hin).

Fünf Jahre später, 1766, fällt das Haus zum kleinen Hasengeier an die Erben der Meißelbachs, ein Jahr später, 1767, ist der “herrschaftliche Zimmermann” Anton Serenberg (Seerenberg, Sehrenberg) neuer Eigentümer, der 1774 in das Haus zum Großen Hasengeier (Pilse 17) umzieht. 1775 geht das Haus an den Gerichtspedell Philipp Weinrich über, dessen Frau Katharine es nach seinem Tod 1789 weiter bewohnt, bis sie in zweiter Ehe den Fruchthändler, Branntweinbrenner und Biereigen Anton Credo ehelicht, der 1792 in das Haus zum Großen Rosenbusch (Johannesstraße 19) und vier Jahre später, 1796, in das Haus zur Güldenen Krone (Michaelisstraße 27) zieht.

1791 verkaufen die Erben Weinrich das Haus zum Kleinen Hasengeier (also Pilse 19) an den Schuhmacher und Heringer Anton Hülle (Hille), dessen Sohn, der Schuhmachermeister Philipp Gottlieb Hülle, 1806 als Eigentümer erscheint. Als er zwanzig Jahre später, 1826, seinen Betrieb in das Haus zum Gelben Löwen (Lange Brücke 26) verlegt, verkauft er das Haus an den Goldarbeiter Johann Friedrich Röhn, der auch im Adressbuch von 1826 als Besitzer erscheint; im Adressbuch von 1890 werden dann der Schneider Hermann Koch als Besitzer sowie die Handarbeiter Karl Dornberger und August Edler als weitere Bewohner des Hauses genannt.

Das Haus “Pilse 19” ist also der Nachfolgebau des bereits im 16. Jahrhundert bezeugten (und über älteren Kellern  errichteten) Zinshauses “zur Ziegel und zum Einhorn”. Es wurde in der Mitte des 18. Jahrhunderts wohl im Zusammenhang mit dem Verkauf eines Grundstückteils erneuert, wobei auch die Keller verändert wurden. Dabei wurden aber für den Dachstuhl Balken erneut verwendet, die aus dem Jahr 1424 stammen.

Das Haus war zuletzt Eigentum der Stadt Erfurt und stand mehrere Jahre leer; es wurde verkauft. Nicht genehmigte An- und Umbauten, Kunststoff-Fenster und die Versiegelung des Innenhofs, vor allem aber der Verfall von Bausubstanz (Schwamm u.a.) machten eine sorgfältige, behutsame und mit regionalem organischem Baumaterial (Lehmziegel, Hainichbuche, Hanfdämmung) durchgeführte Sanierung erforderlich. Für die denkmal- und umweltgerechte Renovierung 2012-2015 danken wir für vielfachen Rat dem Amt für Denkmalpflege der Stadt Erfurt, namentlich U. Pappe, und für erfolgreiche Tat der Bauhütte Mühlhausen, namentlich A. Formann und J. Ohnesorge.

Fam. Brodersen, Meienbergstr. 5, 99084 Erfurt, kai.brodersen@uni-erfurt.de

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